Unterbrochene Karrieren - Partnerschaften

 

 

 

 

Nana Lüth und Carmen Mörsch

 

 

NGBK - Neue Gesellschaft für Bildende Kunst
Berlin
8.12.2001 - 1.4.2002

 

Seit 1997 präsentiert die Arbeitsgruppe »Unterbrochene Karrieren« in der NGBK KünstlerInnen, deren Karriere frühzeitig durch eine Krebserkrankung oder die Folgen von AIDS beendet wurde. Mit Ausstellungen von Mark Morrisroe, den drei Berliner Kulturvermittlern Christian Borngräber, Wolfgang Max Faust und Manfred Salzgeber sowie der Performancekünstlerin Hannah Wilke hat »Unterbrochene Karrieren« nicht zuletzt die Diskussion um Auswahl- und Präsentationskriterien für Werkschauen politisiert.

Von Dezember 2001 bis Ostern 2002 waren als viertes Projekt der Gruppe unter dem Titel »Partnerschaften« drei Ausstellungen zu sehen. Jede zeigte zwei Künstler, die eine Zeit lang in einer Partnerschaft gelebt hatten und von denen einer an den Folgen von AIDS gestorben ist. Der noch lebende Künstler wurde maßgeblich in die Konzeption der Ausstellung einbezogen. Mit den Paaren Tom Burr/Ull Hohn, Wolfgang Tillmans/Jochen Klein sowie Pjotr Nathan/Matt. Ranger entstanden drei Hommagen, in denen die Werke zwar aufeinander verwiesen, vor allem aber für sich alleine sprechen mussten. Denn anders als in den vorhergehenden Ausstellungen hatte die Gruppe dieses Mal auf eine Verflechtung mit kommentierendem Sekundärmaterial wie Videodokumenten oder Tonaufnahmen verzichtet. Der thematische Rahmen - die Auseinandersetzung mit den durch Krankheit unterbrochenen künstlerischen Karrieren und mit dem Begriff der Karriere selbst - trat in den Hintergrund zugunsten eines stärker kunsthistorisch motivierten Blicks auf die gegenseitige künstlerische Beeinflussung der Partner. Gleichzeitig warf die Reihe Fragen auf, ohne dass diese im Ausstellungsraum explizit verhandelt wurden: Fragen nach der Beschaffenheit der Beziehungen und deren Umgang mit den durchaus ungleichen Karrieren, nach den Kriterien für die Auswahl der jeweiligen Zusammenstellung und nach dem Stellenwert der Künstlerbiografie und ihrem Einfluss auf die Rezeption.

Tom Burr baute drei schwarze Kuben in den Raum (»Container (1 - 3)«, 2001), appropriiert von Donald Judd, jedoch aus Holz gebaut und mit einem Gummiboden im Inneren, der die Schritte beim Durchgehen abdämpfte. Die fast bis zur Decke reichenden Arbeiten verstellten den Blick auf Hohns Bilder und ließen teilweise nur noch die Nahsicht auf die Gemälde zu. Tom Burr bestimmte und ermöglichte gleichzeitig den Blick auf das Werk seines Partners, von dem er schon zu dessen Lebzeiten getrennt war.

Den meisten Werkgruppen Ull Hohns gemeinsam ist die Thematisierung visueller Konventionen, die Frage, wann ein Bild ein Meisterwerk oder wann es fertig gemalt ist. Sein letzter Zyklus besteht aus vergrößerten Kopien von Malversuchen, die er als Siebzehnjähriger unternahm (»Ohne Titel (Revision)«, 1995). Im Angesicht des nahen Todes begann Ull Hohn auf diese Weise seine eigene Retrospektive. Er ironisierte den historischen Kanon der Malerei durch die detailgenaue Wiedergabe verkrampft gemalter, »misslungener« Stilleben und Interieurs. Dabei entstanden merkwürdige, angenehm irritierende Bilder, die aber ohne die biografische Zusatzinformation kaum auskommen.

Wolfgang Tillmans schuf einen emotional stark aufgeladenen Raum, er zeigte Kleins Werk zusammen mit seinem in inniger Verschlingung. Es erschien fast übergriffig, dieser Emphase einen kritischen Blick entgegenzusetzen. Doch im Umgang mit Kleins Werk war auch Vereinnahmung zu spüren. Tillmans verfuhr mit dessen Arbeiten nach seiner Methode des »Bilderrecyclings«. Durch die Kombination seiner Fotografien mit den Gemälden des Partners erzählte er seine eigene Geschichte ihres Aufeinander-Bezogenseins. Neben einem der Bilder Kleins aus der gemeinsamen Londoner Zeit, das einen Jungen im Jeansanzug (»Ohne Titel«, 1997) zeigt, kam zum Beispiel ein Tillman\'scher »Faltenwurf« einer Jeanshose auf einem identisch großen Abzug zu hängen. So entstanden formale Entsprechungen, die inhaltliche Widersprüche in der Arbeit der beiden überdeckten.

Jochen Klein wusste bis sieben Wochen vor seinem Tod nichts von seiner Erkrankung. Ohne diese biografische Information wurde die Melancholie seiner Bilder in dieser Ausstellung schnell als materialisierte Todesahnung missdeutet und ihr diskursiver Aspekt übersehen.

Von den drei »Überlebenden« hat Pjotr Nathan seinem Partner Matt. Ranger am meisten Raum gelassen. Sein »Erstarrter Salto« von 1993 wird durch seine Beschäftigung mit abwesenden Körpern, von denen nur Pissflecken als Spuren auf Bettlaken übrig geblieben sind, als direkte Auseinandersetzung mit AIDS gelesen. Obwohl die Arbeit die Galerie auf den ersten Blick dominierte, öffnete sie doch vor allem den Blick auf die Gemälde von Ranger.

Die beiden Künstler hatten sich in den achtziger Jahren, während Nathans Mitgliedschaft bei der Hamburger KünstlerInnengruppe »Stille Helden« kennen gelernt. Matt. Ranger verbrachte seine Zeit in Hamburg mit der Produktion von selbst gemixten Tapes und illustrierten Tagebüchern.

Dias von einzelnen Seiten waren in der Ausstellung als Rückprojektion auf ein Laken der »Seerosen« zu sehen, untermalt von der Musik der Original-Kassetten.

Der Raum wurde durch wenige Eingriffe in unterschiedliche Atmosphären geteilt, die etwas von dem Lebensgefühl und den künstlerischen Paradigmen der achtziger Jahre und gleichzeitig von der Trauer über den Tod des Freundes erzählten.

Nachdem er von seiner Erkrankung erfahren hatte, entschied sich Matt. Ranger für das Medium Malerei. Als Maler war er Autodidakt. Seine Bilder leben vom Übermalen und Spielen mit unzähligen Referenzen, mit Barock, Pop, Surrealismus, der alltäglichen Bild- und Textproduktion und der Zeitgenossenschaft mit den »Neuen Wilden«. Sicher erleichterte der in den achtziger Jahren kultivierte »professionelle Dilettantismus« Rangers Entscheidung für die Malerei. Sein Ringen mit der Ölfarbe und der daraus resultierende krude Malstil hatten in dieser Phase ihren eigenen Wert, der durch die sich irgendwann einstellende Könnerschaft verloren gegangen wäre. Diese zu erreichen, blieb ihm keine Zeit.

Gerade angesichts der Bilder von Matt. Ranger zeigt sich die Besonderheit der Ausstellungsreihe »Unterbrochene Karrieren.« Immer wieder ist sie dem Vorwurf ausgesetzt, AIDS oder eine andere tödliche Krankheit seien kein Kriterium für die Präsentation von künstlerischen Positionen. Sich darüber hinwegzusetzen, bedeutet ein Ausbrechen aus den Distinktionen im künstlerischen Feld, welches die Naturalisierung seiner »Kriterien« längst nicht genügend hinterfragt.

Dennoch und besonders rückblickend auf frühere Ausstellungen in der NGBK wie »Vollbild AIDS« (1988), die in Zusammenarbeit mit AIDS-Beratungsstellen und -AktivistInnen entwickelt wurde, stellt sich bei »Partnerschaften« die Frage nach dem gesellschaftlichen Transfer. Durch die reine Werkpräsentation erschließt sich ihr politisches Potenzial nur noch hervorragend vorinformierten BesucherInnen. Wäre eine Instrumentalisierung von künstlerischer Produktion für aufklärerisch-agitatorische Zwecke der AIDS-Bewegung noch zeitgemäß oder vielleicht gerade jetzt wieder notwendig? Vielleicht wird sich ein zukünftiges Projekt von »Unterbrochene Karrieren« stärker dieser Frage widmen.


 

 

   

 

 

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