Uncertain Signs - True Stories

 

 

 

 

Gislind Nabakowski

 

 

Badischer Kunstverein
Karlsruhe
21.4.2002 - 16.6.2002

 

Am Eingang zur Ausstellung läuft Fanni Niemi-Junkolas Video-Loop »Fight Untitled«: zwei Frauen prügeln sich, stöhnen laut. Die Kämpferinnen gehen mit brutaler Leidenschaft vor. Sie treten sich in den Bauch. Die »Gegenwärtigkeit«, mit der die Szene inszeniert ist, über deren Motive man nichts erfährt, kommt durch das Ausblenden des Umfelds zustande. Einmal gibt es kurz Zuschauer zu sehen. Dann erblickt man ein Treppengeländer, wie es auch eines im Kunstverein gibt. In den Sog der Bilder geratend, ist man versucht zu meinen, die Auseinandersetzung fände im Kunstverein statt. Die Gegenwart der Inszenierung aber führt an anderen Orten zu jeweils anderen Konnotationen.

Die Dringlichkeit, in den multinationalen Kunstmärkten Künstlerinnen Chancen zu einem Dialog zu geben, der sich gemeinsam bisher nicht führen ließ, setzte die Leiterin des Badischen Kunstvereins, Angelika Stepken, für die Schau »Uncertain Signs - True Stories« gezielt auf die Liste der Programmpunkte. Ohne große politische Losungen versteht sich das Projekt mit Arbeiten von neun multimedial arbeitenden Künstlerinnen als ein unbequemes Vorzeigen vielfältiger künstlerischer Reaktionen auf die Folgen des Anpassungsdrucks und der derzeitigen Deregulierungswellen. Für ihre Projekte sieht Stepken zusehends die Notwendigkeit von Antithesen zu den Zitadellenkulturen in einer fortgesetzt von Ausschlüssen geprägten Kunstszene. Während sich verstärkt eine Korrespondenz zwischen leeren Kulturkassen und dem Durchgreifen der »ökonomischen Vernunft« fortsetzt - so eine These des Ausstellungskonzepts -, folgert daraus im Ausstellungssektor ein »Ausschluss von Unbedeutendem«. Die Rolle von KünstlerInnen läge dennoch weiter darin, den Akt der Darstellung des oft schwer Begrenzbaren, des noch nicht Formulierten, noch Ungewissen als Subjekt zu vertreten.

Obgleich alle Teilnehmerinnen auf lange Ausstellungsbiografien verweisen können, konnten die aus Ex-Jugoslawien stammende Tanja Ostojic, Sanja Perisic aus Montenegro (die jetzt in Ljubljana lebt), die Türkin Neriman Polat, Fanni Niemi-Junkola und Henrietta Lehtonen aus Finnland, die Norwegerin Lene Berg und die aus Portugal kommenden Cristina Mateus und Sarah Anahory in den großen Kunstzentren, in denen die Mainstreams verhandelt werden, bisher selten ausstellen.

Ihre Projektion nennt die Belgierin Ana Torfs »Über das falsche Lügen« (»Du Mentir-Faux«). Mit in Intervallen auf die Wand geworfenen Dias und Textpassagen kreist sie die Legende der Jeanne d’Arc ein. Alle Texte sind Zitate aus den Prozessakten. Man sieht das Gesicht einer jungen Frau. Die Wahrheit über Jeanne d’Arc zu erfahren, ist aufgrund der fiktionalisierten Macht in der Geschichte nicht möglich.[1] Es wird deutlich, wie die Historisierung die Subjektrede verfälschte. Die Fragen der Inquisitoren beginnen fast wie in jeder Biografie mit denen nach Vater und Mutter. Dann werden sie so böswillig tendenziös - bis man anfängt, Text und Bilder ineinander zu spiegeln. Die intensive Wechselbeziehung macht deutlich, wie die Angeklagte, weil Antworten auf diesen Akt unmöglich werden, zusehends ins Elend gestoßen wird. In ihrem Gesichtsausdruck setzt ein Prozess von Verinnerlichung ein, der als einsames Leid erfahrbar ist. Einige Passagen in Ana Torfs vortrefflicher Installation sind so gewählt, dass sie fast Grundsätzliches über die Gewalt von sexuellen Projektionen aussagen. Das zutiefst Berührende an »Du Mentir-Faux« ist überdies, dass die junge Schauspielerin Dominique Licoppe zum Zeitpunkt der Inszenierung sehr krank war, danach verstarb, und es als Widerhall in ihrer Mimik den authentischen, den unerwähnten und letzten Grund zur Verzweiflung gibt.

Es ist in Portugal »seit kurzem möglich, Frauen, die abtreiben, zu verurteilen«, schreibt Miguel von Hafe Pérez am Ende des Textes über Cristina Mateus. Die Multimedia-Künstlerin konfrontiert mit »Situationen von Unfreiwilligkeit«. Sie ist - wie viele andere zeitgenössische Künstlerinnen - gezielt damit befasst, die Konditionierung der Frauenbilder, die in tradierten Bild- und Textuniversen zum Beispiel im Feld von Kunstgeschichte, im Fernsehen oder in der Werbung existieren, zu unterlaufen. Die Projektion der von ihr dargestellten »Cecilia« zeigt deren Kopf verkehrt herum. Der bildnerisch losgelöste Körper hängt als Bild an einer anderen Stelle des Raums, auch er kopfüber. Im nahezu statischen Bild des Kopfes erscheint die Frau allein mit der großen Anstrengung beschäftigt, ihre konstruierte Position im Bild beizubehalten. Dabei bewegen sich fast nur die Augen. Doch die Dauer der Bildprojektion und die unmögliche Kopfhaltung führen dazu, dass das Kunstwerk »schwer erträglich« ist. Dazu singt eine Frauenstimme mit tiefem Timbre im rückwärts laufenden Ton »Vulgäres« und Populäres über physische Liebe. Die Inszenierung der 34-jährigen Künstlerin stellt die Liebe im derzeitigen Portugal als bittere Wahrheit vor.




 

 

   

 

1 Auch der Name ist missbrauchbar. Der französische Rechtspopulist Le Pen, der in Algerien foltern ließ, hat schon vor Jahren den 1. Mai, als Tag der linken Demonstrationen, zum nationalen Jeanne-d’Arc-Tag erklärt.

 

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