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Galerie im Taxispalais Innsbruck 1.2.2003 - 23.3.2004
Der Stockholmer Künstler Mats Hjelm, Jahrgang 1959, hat seit Mitte der neunziger Jahre an einer Trilogie von Videoinstallationen gearbeitet, die nun erstmals gemeinsam im oberen Stockwerk des Innsbrucker Taxispalais zu sehen sind. Die drei Arbeiten, »White Flight«, »Man to Man« und »Kap Atlantis«, stellen im mittlerweile kaum mehr rezipierbaren Spektrum von Videoformaten eine Ausnahmeerscheinung dar. Das illusionistische Potenzial der Videoinstallation, das zuletzt so oft das Genre dominierte, interessiert Hjelm nicht. Es sind Stücke mit einem hohen Grad an Konstruiertheit, ohne diesen je didaktisch oder als Legitimation einzusetzen, sie sind hybrid, ohne eine eigene Medientheorie aufzudrängen, sie sind nicht formalistisch, bedienen sich aber starker formaler Mittel. Ihre Erscheinungsform ist mehr oder weniger dieselbe: das Format der Projektionsfläche, mit zwei Beamern erzeugt, ist das einer Wand der Galerie Index in Stockholm, wo er die Arbeiten jeweils als erstes zeigte. Der gesamte Raum ist lediglich der Rezipierbarkeit gewidmet: guter Ton, Sitzgelegenheiten, scharfes Bild. Keine Videolounge, kein simuliertes Kino, kein Inforaum.
Eines der Leitmotive klärt zunächst die Sinnhaftigkeit des Formats der Videoinstallation: Mats Hjelms Vater Lars Hjelm, 1996 verstorben, war Dokumentarfilmer für das schwedische Fernsehen und hinterließ ein Filmarchiv von den politischen Schauplätzen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. In »White Flight« (1997) wird das Prinzip demonstriert, nach dem mit dieser Hinterlassenschaft, die zugleich auch eine biografische Lücke Hjelms füllt, umgegangen wird. Aufnahmen des Vaters von den Rassenunruhen in Detroit von 1968 werden mit selbst gedrehtem, digitalem Videomaterial von teilweise denselben Schauplätzen konfrontiert. Die Erzählung, ihre ProtagonistInnen, ihre Orte: Alles wird zurück auf den Schneidetisch geholt und neu montiert. Was dabei entsteht, ist ein politischer, ästhetischer und biografischer Spannungsbogen, aufgehoben in einem Loop von etwa vierzig Minuten. Die dokumentarischen historischen Filmaufnahmen und eigenes Videomaterial werden auf den zwei Projektionsebenen parallel vorgeführt, ineinander verschachtelt und, auch durch zeitliche Wiederholung, in der Montage bis zur Verwechselbarkeit rhythmisiert. Eine nicht-lineare Form der Erzählung, die Hjelm in den folgenden Projekten diszipliniert weiterentwickelt und anreichert.
Ausgangsmaterialien der Arbeit »Man to Man« (2000) sind neben Ausschnitten aus Reden von Stokely Carmichael, einem der Protagonisten der Black-Power-Bewegung, Aufnahmen aus dem Vietnamkrieg. Jede der Etappen der Trilogie greift auf Elemente der vorangegangenen Produktion zurück, wie auf einen Code, der auf den erneuerten Zusammenhang hinweist. Man könnte sagen, »Man to Man« thematisiert den Umgang und die Legitimierung von Gewalthandlungen, ihre fatale Verbundenheit mit männlichem Selbstverständnis, was aber hieße, das Stück auf seine literarische Dimension zu reduzieren. Erstaunlich ist aber gerade die Relativität des sprachlichen Ausdrucks, die Hjelm etwa durch die präzise arrangierte Musik spürbar macht. Die Musik, die den thematischen Horizont nie illustriert und über weite Strecken als autarkes Element erkennbar bleibt, fördert die Äquivalenz der Erzählebenen.
Das Motiv der Apokalypse, zwischenzeitlich aus dem kollektiven Bewusstsein in die Archive verbannt, bildet im dritten Teil, der Arbeit »Kap Atlantis« (2002), das zentrale Versatzstück. Harry Martinssons Epos »Aniara« (1956), eine pessimistische Vision der Zukunft, erzählt von einem Raumschiff auf einer ungewissen Reise durch das All, nachdem »Kap Atlantis«, ein fiktiver Ort auf der Erde, unbewohnbar geworden ist. Es ist auch hier fast stärker die Intonation des Sprechers Ulf Palme, die das Motiv trägt, als der Wortlaut der verwendeten Sequenzen. Der Grad an Verdichtung, Konstruiertheit und Distanz, mit dem Hjelm hier operiert, erlaubt eine Ausweitung in die politische und mediale Gegenwart. Die Re-Ideologisierung von Religiosität wird in vorsichtig arrangierten Fragmenten, etwa einer verlangsamten Fahrt auf dem Riesenrad im Hafenviertel von Yokohama, präsent, begleitet von Dollar Brand, der aus dem Koran singt. Hjelm rekonstruiert die Gegenwart. Er beschreibt die Leerstelle, die die Krise der Zukunftserzählung hinterlässt.
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