»Beck’s Futures«

 

 

 

 

David Lillington

 

 

ICA London
London
5.4.2003 - 18.5.2003

 

Alan Curralls Monolog vor der Kamera, »Nachricht an meinen besten Freund«, beginnt mit »Ich weiß, dass es wirklich unangenehm ist, aber … du bist mein bester Freund«, wird komischer und komischer, gleichzeitig auch zusehends unerträglicher. Aber was daran ist eigentlich unangenehm? Der aufrichtige Ton ist zweifelsfrei Schauspiel. Aber die schiere Potenzialität authentischer Aufrichtigkeit einer solchen Rede ist es, zumindest in der Vorstellung, die dieser Arbeit beinahe ein subversives Pathos verleiht.

Performancekunst galt immer als etwas, das sich dem Schauspiel widersetzt. Diese Art der Performancekunst – so sie denn eine ist – setzt sich mit der Frage auseinander, ob authentische Selbstauslöschung bzw. Selbsterniedrigung und Aufrichtigkeit überhaupt möglich sind. David Sherrys Video zeigt den Künstler dabei, wie er Balsaholz an seine Fußsohlen näht, vermittelt eine ähnliche Ambiguität der Darstellbarkeit und zitiert, wenn auch ironisch gebrochen, die Performance Art der Sechziger und Siebziger: ein widersinniger Lokal-Aktionismus.

Der »Beck’s Futures«-Preis ist Englands höchst dotierter Kunstpreis: Heuer gewann ihn Rosalind Nashashibi. Sie bekommt £ 24.000, acht andere KünstlerInnen je £ 4.000. Nashashibi ist mit ihren engagierten sozialrealistischen Filmen eine würdige Preisträgerin. Sie ist unprätentiös und aufgeschlossen, und obgleich nicht wirklich viel in ihren Filmen passiert, erahnt man doch sofort eine gewisse Tiefe. Sie zeigt das Westjordanland, Amerika, Schottland. Einige der Aufnahmen wirken wie herkömmliches Videomaterial: ein Kind, das Müll verbrennt, Leute die einen neuen Haarschnitt bekommen (in »Sweet Love Saloon for Men«), Clubmitglieder (Menschen, die verrückt nach Fernsteuerflugzeugen sind). Die Kameraführung ist ehrlich, nachdenklich, taktlos. Wir werden angehalten, darüber nachzudenken, was eigentlich »gewöhnlich« und was »exotisch« bedeutet, über die Tatsache, dass wir selbst die eigene Kultur nicht verstehen, sowie darüber, wie seltsam unser »alltägliches« Leben im Fernsehen doch aussieht.

Die Gruppe Inventory ist politisch engagiert. Ihre beste – und die am wenigsten skurrile – Arbeit ist ein Dokumentarfilm über das »English Americana Festival«. Ihr Skript ist gut. Die Flagge der Alliierten, so erzählen sie, stellt eine unverständliche Idee von Unabhängigkeit und Ungehorsamkeit dar, ist seltsam vermischt mit Idealen von Amerikas protestantischen Kirchengründern, mit Waffen und mit Rassismus. Diese Arbeit hat etwas zu sagen, sagt es gerade heraus, während ringsum andere KünstlerInnen sich zu sehr bemühen, »ganz sie selbst zu sein« und ihre eigenen Einflüsse zu übersteigen versuchen.
Die Arbeit von Carey Young zeichnet sich lediglich durch die Tatsache aus, dass sie mittels Zeitungsberichten und Kunstmagazinen Licht auf eine interessantere Künstlerin geworfen hat: Die schwedische Anna Livia Löwendahl-Atomic bezichtigte sie des Plagiats. Die Klage mag gerechtfertig oder nicht sein, doch hat ihre Arbeit »A Selection of Interesting Secrets in my Life« eine wunderschöne Konzeption, die Careys Versuch einfach nicht aufweist. Auch strahlt die Arbeit eine Unrast, eine Art Übermut aus. Löwendahl-Atomic verkauft ihre Geheimnisse eines nach dem anderen, wobei die KäuferInnen eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben müssen, die es ihnen verbietet, das Geheimnis irgendjemandem zu verraten. Auch Young hat den Sponsor der Ausstellung zur Unterzeichnung eines Vertrages gebracht, der es ihm verbietet, über Kunstwerke zu sprechen, die er als einziger gesehen hat.

Weitere Gewinner der Nebenpreise sind Nick Crowe, zu besuchen auf der Website http://www.the-world-wars.co.uk , Lucy Skaer – sie präsentiert Berge von Fotopostern mit zwei Schmetterlingslarven auf einer Handfläche, einem Skorpion und einem Diamant, einem mit Rotwein auf den Boden gemalten Rorschach-Fleck etc. – sowie Francis Upritchard, die wie eine Hobbyarchäologin verfährt, und Bernd Behr, der den schon einige Male in der Kunstgeschichte zelebrierten Sprung ins Leere wiederholt.

 

 

   

Übersetzung: Brandon Walder

 

CCA Glasgow: 7.6. bis 27.7.2003
Southampton City Art Gallery: 25.9. bis 30.11.2003

 

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