Jutta Weber & Corinna Bath (Hg.):
Turbulente Körper, soziale Maschinen.

 

 

Feministische Studien zur Technowissenschaftskultur

 

 

Wiesbaden: Leske + Budrich, 2003

Nanna Lüth

 

 

 

Seit den neunziger Jahren werden in der Robotik zunehmend »Situiertheit«, »Embodiment« und »Materialität« zu Leitbegriffen der technologischen Entwicklung. Termini, die ursprünglich von feministischen Theoretikerinnen zur Kritik an objektivierenden, patriarchal-universalistischen Praktiken der Technowissenschaften eingesetzt wurden, werden so von eben diesen umgedeutet und einer hegemonialen Begriffsökonomie einverleibt. Diese und ähnliche Beobachtungen zum Anlass nehmend fand im Juli 2002 das internationale Symposium »Embodied Agents of Life- and Cyberscience« statt. An der TU Braunschweig kamen ForscherInnen aus den Geistes- und Naturwissenschaften zusammen, um über gegenwärtige Körperformierungen und Maschinenkonzepte zu diskutieren.
Die Betrachtung zentraler Begriffe wie »Leben«, »Intelligenz« und »Körper« aus verschiedenen disziplinären Blickwinkeln wie auch die Verweise der Autorinnen untereinander machen eine komplexe Diskussion in der 2003 erschienen Publikation nachvollziehbar. Im Zentrum von »Turbulente Körper, soziale Maschinen« steht die Auseinandersetzung darum, wie sich informations- und biotechnische Diskurse und Praktiken in Körperpolitiken niederschlagen und umgekehrt. Die Beiträge sind drei Themenfeldern zugeordnet: »Theorie- und Technikpolitik«, »Wissenschaften gegenlesen« und »Realitäten schaffen«.
Im ersten Teil untersucht Susanne Lettow die verschiedenen Bedeutungen von »Post/Humanismus« in Texten von Sloterdijk, Gerhardt und Fukuyama, die Gen- und Biotechnologie als Instrumente einer staatlich zentralisierten oder neoliberal deregulierten Bevölkerungspolitik entwerfen. Im Gegenzug spricht sich die Philosophin für einen »kritischen Humanismus« aus, der nicht als Norm, sondern nach Donna Haraway als »Projekt und Praxis« im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung anzuwenden sei. Auch Corinna Bath umreißt in ihrem Artikel Handlungsfelder für eine feministische Praxis. Ausgehend von der Beobachtung der geschlechtlichen – meist weiblichen – Stereotypisierung von Avataren reflektiert die Mathematikerin vier Weisen, in denen sich Geschlecht in informationstechnologische Produkte einschreibt. Hieraus leitet sie politische Forderungen für den Bereich der IT-Entwicklung ab: die Kontextualisierung von Wissen, die Aufwertung von »unsichtbarer« (Frauen)Arbeit, die Einbeziehung der NutzerInnen in den Entwicklungsprozess und die Dekonstruktion wirkmächtiger Sexismen auf Entwicklerseite.
In der Rubrik »Wissenschaften gegenlesen« beschreibt die Medienwissenschaftlerin N. Katherine Hayles den Paradigmenwechsel, der in Bezug auf Konzepte des Menschlichen stattgefunden hat, weg von »Intelligenz« hin zum Kriterium »Emotionalität« als genuin menschlicher Eigenschaft. Diese Verschiebung betrachtet sie vor dem Hintergrund der Konkurrenzsituation, in der sich Menschen und Rechen-Maschinen heute bezüglich ihrer »intelligenten« Kapazitäten befinden. Besonders prekär erweist sich diese Konkurrenz in Zeiten des Krieges. Im Teil »Realitäten schaffen« widerspricht Andrea Sick Paul Virilios These von der Immaterialität des Krieges mit einer detaillierten Beschreibung der Operationsweisen satellitenbasierter Waffensysteme. Gegen Virilio betont sie die Sichtbarkeit des Todes am Kriegsschauplatz »vor Ort«.
So unterstreichen die Buchbeiträge deutlich das vorangestellte Motto: »Das Technische ist politisch«. Viele der hier versammelten Autorinnen beziehen sich auf feministische WissenschaftsforscherInnen aus dem angloamerikanischen Raum. Die derart verengte Perspektive ließe sich kritisieren, belegt andererseits aber gerade den Seltenheitswert von Referenzen bzw. die Notwendigkeit einer Fortführung wissenschaftskritischer Debatten im Kontext der Gender/Postcolonial Studies und darüber hinaus. Im Anschluss an die hier geleistete interdisziplinäre Begriffs- und Übersetzungsarbeit eröffnen sich jedenfalls diverse Handlungsfelder für situierte Technik- und Körperpolitiken.

 

 

   

 

 

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