| |
|
O.K Centrum für Gegenwartskunst Linz 2.12.2005 - 15.1.2006
Linz. Die Repräsentation Community-tauglicher Lebensräume innerhalb eines sich als Gemeinschaftsmodell gebärdenden Europas wirft kontinuierlich Fragen nach der Eingrenzung bzw. Ausgrenzung spezifischer Lebenspraktiken auf. Die aus der Türkei stammende Künstlerin Esra Ersen setzt sich in ihren Arbeiten mit jenen Räumen und den ihnen inhärenten Lebenspraktiken auseinander, die im allgemeinen Betrachtungsspektrum städtischen Lebens nur geringfügig wahrgenommen werden. In ihrer bisher ersten umfassenden Retrospektive zeigt die Künstlerin im O.K Centrum eine Reihe von Video- und Fotoarbeiten sowie Rauminstallationen, die sich mit wandelnden Identitätsformationen in sozial geprägten Community-Modellen auseinander setzen und den beteiligten AkteurInnen unterschiedliche Möglichkeiten der Artikulation bieten.
Die Frage nach der Ergründung europäischen Territoriums stellt die Eingangsarbeit im ersten Stock des O.K, in dem der Werkkomplex der in Istanbul entstanden Videoarbeiten gezeigt wird. »Hello Where Is It?« (2000) verfolgt Gespräche, die während einer Autofahrt über die Bosporusbrücke geführt werden. Der Ort lässt sich jedoch erst festmachen, als das Auto die Schilder »Welcome to Europe« und »Welcome to Asia« passiert. Ersens Arbeitsansatz verdeutlicht sich durch die aktive Teilnahme der Künstlerin am jeweiligen Geschehen, das den jeweils beteiligten ProtagonistInnen den Raum für inhaltliche Fragestelllungen und Formulierungen überlässt. Die dadurch entstehenden Kommunikationstechniken verstärken die Aussagekraft der physischen bzw. bildlichen Darstellungen von Raum. Sie verweisen auf dessen mentale, soziale und politische Kodifizierungen, die sich vor allem im Kontext europäischer Integrationsbestrebungen herausbilden. So etwa in der Arbeit »Brothers & Sisters« (2003), die sich den in Istanbul gestrandeten, illegalen afrikanischen EinwandererInnen widmet, denen eine Weiterreise an den Ort ihrer Wunschprojektionen verwehrt bleibt und die jahrelang in prekären Lebensumständen festsitzen. In »Hamam« (2001), einer für ein türkisches Bad im bulgarischen Plovdiv entwickelten Arbeit, unterminierte Ersen jene Erwartungshaltungen, die an sie als weibliche türkische Künstlerin gestellt wurden. Gemeinsam mit zwei jungen Frauen betrat sie zum ersten Mal ein klassisches türkisches Bad und filmte diese bei intimen Gesprächen über sexistische Vorkommnisse im Privatbereich.
Die vorwiegend bei Artist-in-Residence-Aufenthalten entstandenen Arbeiten befinden sich im Eingangsgeschoß des O.K, dessen Außenfassade mit einer überdimensionalen Fahne, die sich an jene des türkischen Fußballclubs Galatasaray anlehnte, versehen ist. Sie bildet das Ergebnis der 2003 bei »Blut & Honig« gezeigten Arbeit »im Strafraum« (2001). Türkischstämmige Bewohnerinnen in Deutschland trennten hierbei den schwarzen Balken der deutschen Flagge ab, um die übrig bleibenden gelb-roten Streifen aneinander zu nähen und somit zu duplizieren. Als Installation mit grünem Rasen und zwei ineinander gestülpten Toren verweist die Arbeit auf jenen kulturellen Strafraum, dessen Regeln in Form eines migratorischen Auswärtsspiels beachtet werden müssen. Auf europäischer Ebene gelang dies Galatasaray 2000 durch den Gewinn des UEFA Cup-Pokals.
Eine der eindrucksvollsten Arbeiten, die mittels Fotografien und einem Originaldokument repräsentiert ist, entstand 2003 auf Einladung von <rotor> in Graz. »Aussage« veranlasste die Künstlerin dazu, die Insassen des zweitgrößten österreichischen Hochsicherheitsgefängnisses, Graz-Karlau, zu besuchen und sie nach ihren Mitteilungswünschen für die Außenwelt zu befragen. Hier kehrte Ersen den Kommunikationskanal in die entgegengesetzte Richtung. Anstelle eines unilateralen Informationsflusses, der normalerweise nur in das Innere des Gefängnisses dringt, konnten die Insassen hier ihre persönlichen Befindlichkeiten auf Spruchbändern an das Äußere der Gefängnismauer transferieren.
Die stark politischen und auf Methoden der öffentlichen Ausgrenzung verweisenden Arbeiten werden zwischendurch auch mit leichterer Kost versehen. So erfahren BesucherInnen von den Vorstellungen über »sweet« und »cool girls« in japanischen Teenie-Magazinen. Mit jeweils speziell entwickelten Displays durchziehen die Videoinstallationen die Räumlichkeiten des O.K in ausgeklügelter architektonischer Manier, bevor die Ausstellung im Frühjahr 2006 in den Frankfurter Kunstverein unter der neuen Leitung von Chus Martinez wandern wird.
|