Marie-Luise Angerer:
Vom Begehren nach dem Affekt

 

 

 

 

Zürich/Berlin : Diaphanes, 2007

Ulrike Bergermann

 

 

 

Das 20. Jahrhundert war das des Begehrens, das 21. ist das des Affekts. Das 20. Jahrhundert war das des Unbewussten, das 21. Jahrhundert ist das des Bewusstseins. Das sagt zum Beispiel John R. Searle, der von der Sprechakttheorie zu biologischen Theorien des Bewusstseins übergegangen ist. Und das ist nur eins von zahlreichen Symptomen, die Marie-Luise Angerer innerhalb eines neuen Dispositivs ausmacht. Denn mit Blick auf das von Foucault beschriebene »Dispositiv Sexualität« konstatiert Angerer in ihrem neuen Buch einen Shift hin zu einem »Dispositiv Affekt«: Nach Sexualität und Wahrheit gehe es heute um »Affekt und Wahrheit«. Angerer registriert eine »flächendeckende Affektbegeisterung« in Medien, Kunst wie Filmtheorie (und ihrem »somatic turn«). Oberflächlich betrachtet, geht es um drei oder vier angloamerikanische Autoren und zahlreiche Veranstaltungstitel um »Kognition und Emotion« der letzten Jahre. Dahinter steht allerdings eine fundamentalere Diagnose, die die »two cultures« betrifft: Es geht einmal mehr um (Neuro-)Biologie und Repräsentation, Natur- und Kulturwissenschaften. Zwar entwickelte sich auch die psychoanalytische Theorie aus der Biologie heraus, konstitutiv blieb ihr aber die Differenz und nötige Übersetzung: »Es sind nicht die Gene, die die Libido steuern, … es ist jener ich-fremde, affektive Zustand, der Angst, Glück, Aufregung und Erregung in Bilder transponiert, die die Realität übersetzen. Diese Übersetzungsdimension, die ein Aufmachen des Körpers durch die Sprache ermöglicht, ist in der Fassung einer affektiven Reaktion verloren gegangen.« Differenz und Repräsentation werden nun nach Angerers Analyse von den Affekttheorien kurzgeschlossen: »Freuds Begriff des Sexuellen als Trieb, der sich im Begriff des Begehrens von Lacan fortgeschrieben hat, ist heute durch die Evidenz von Neuronen, Genen und Hormonen ersetzt worden.« Und weiter: »Anstatt die Naturalisierung von Affekten als neue Form der Normierung zu begreifen, … werden sie eingesetzt, um etwas zu schließen«. Die Geist-Körper-Dichotomie, die Abgründigkeit von Sprache scheint mit dem Affekt überwindbar. Das Affektive in Neurobiologie, Gehirnforschung, aber auch Kunst- und Kulturtheorien suggeriert eine ungespaltene Beziehung von Ich und Welt. Das ist nachzulesen bei Brian Massumi, seit Mitte der 1990er Jahre einer der prominentesten Kulturtheoretiker des Affekts, bei Mark Hansens Übertragungen auf digitale Kunsträume, in Antonio Damasios Lehre von den angeborenen Affekten, der angloamerikanischen Rezeption von André Greens Affektlehre und Silvan Tomkins’ Emotionspsychologie der 1960er Jahre -– etwa von Eve Kosofsky Sedgwick oder Lisa Cartwright. All diese TheoretikerInnen kontextualisiert Angerer durch Bergsons Bildtheorie und Begriff vom affektiven Leib, Freuds Konzepte des Unbewussten oder der Spur, Spinozas Affektenlehre und Deleuzes Spinoza-Lektüre (»der Affekt ist das Nichtmenschlichwerden des Menschen«). In weiteren Kapiteln geht Angerer beispielreich der These nach, das Digitale unterhalte eine besondere Beziehung zum Affektiven.
Angerers bereits in früheren Schriften praktizierte Schreibweise, in rasanten Lektürebewegungen zu verfolgen, wer wen gelesen hat (und wann und wie), verdichtet sich hier nochmals zu dem Bild einer diskursiven Schichtung, deren kurz- und langfristige Verschiebungen wie in einem Polaroid-Panorama fotografiert werden. Insofern ist dieses Buch tatsächlich ein Ereignis. Es traut sich, große Bögen zu schlagen, um aktuelle Statements zu setzen. Die Mengen von zitierten AutorInnen dienen keinem Name-Dropping, sondern dem stetigen Durcharbeiten eines vieldimensionalen Netzes, dessen Knoten AutorInnen sind. Der große (Ent-)Wurf, die breite Analyse bietet gleichzeitig eine weit ausholende Zustandsbeschreibung und eine Stellungnahme: Angerer lässt keinen Zweifel daran, welche Diskurse sie für unterbewertet hält.
Ein Diskurs kommt hier nicht vor: Die Science Studies bzw. Wissenschaftsforschung könnten zwar keinen neuen »turn« bieten, aber die konstatierte heraufdämmernde Hegemonie von Hirnforschung, Kognition und Kybernetik aufbrechen. Ob ein »Begehren nach dem Begehren« selbst ein Historisch-Diskursives ist, bleibt unbefragt. Der Titel ist doppelt lesbar: »Begehren nach dem Affekt«, das ist das Begehren nach der aktuellen Diskursmode, der Affekt wird begehrt – oder das Begehren, das dem Affekt folgt (also: Affekt ist Mode, Psychoanalyse bleibt). Das Buch legt letzteres nahe – oder eher die Verschränkung von beiden als Symptom und Zeitdiagnose des beginnenden 21. Jahrhunderts. Eine spannende Lektüre für alle, die sich mit Theorien des Affekts beschäftigen, sowie für jene, die sich mit den aktuellen Verflechtungen von Kunst- und Mediendiskursen auseinandersetzen, und in jedem Fall ein Dokument, wenn nicht gar ein Manifest, für die Produktivität und anhaltende Kraft psychoanalytischer Theoriebildung in den Kunst- und Medienwissenschaften.

 

 

   

 

 

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