Hito Steyerl:
Die Farbe der Wahrheit

 

 

Dokumentarismen im Kunstfeld

 

 

Wien: Turia + Kant, 2008

Kathi Hofer

 

 

 

Einige Wahrheiten über die Farbe Orange: 1. Im Farbcode der US-amerikanischen Behörde für innere Sicherheit signalisiert sie die höchste Terrorwarnstufe. 2. Ihrem Träger vermag sie eine Aura von Drastik, Opulenz oder Aggressivität zu verleihen. 3. Pures Orange als form- und grenzenlose Monochromie bewirkt Desorientierung und Realitätsverlust.
Auf den entsicherten Status der orangen Farbe, die, je nach Hintergrund, zwischen eindeutig lesbarem (Warn-)Signal und intensiver A-Signifikanz schillert, setzte der Künstler Iñigo Maglano-Ovalle in seiner im Rahmen der documenta 12 realisierten Arbeit »Radio«. Die Installation bestand aus einem am Boden platzierten, schwarzen Radio in einem sonst leeren Raum, der seinerseits vollkommen von orangefarbenem Licht durchflutet war. Aus dem Radio drang konturloses Rauschen. Das Setting evozierte in seiner heftigen, dabei hohlen Alarmwirkung ein dunkles Gefühl von Bedrohung und Bedeutungslosigkeit.
In ihrem neuen Buch führt Hito Steyerl »Radio« beispielhaft vor, um künstlerisch-dokumentarische Formen in ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit und zur Politik der Gegenwart zu begreifen. Es sind diese und ähnliche Szenen »verwirrender Drastik«, die Steyerls Abhandlung dominieren. Drastisch ist dabei ihre Diagnose selbst: So erklärt Steyerl Unschärfe und Intensität nicht nur zu Grundprinzipien gegenwärtiger dokumentarischer Praxis, sondern sie sieht zudem die indexikalische Relation zur Realität, wie sie das Dokumentarische ursprünglich legitimiert, darin bestätigt und bezeugt. Denn in Zeiten pixeliger Videobotschaften und schleierhafter Feindbilder wird intensive Unschärfe als authentisch erfahren: Verwackelte Bilder zeugen von Unmittelbarkeit, von Präsenz und Teilhabe am Geschehen, von Live-Erleben. Demgegenüber erscheint die Einforderung einer reflexiven, kritischen Außenperspektive unglaubwürdig oder heuchlerisch.
Für Steyerl ist die »dokumentarische Unschärferelation« zum Hauptmerkmal gegenwärtiger Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Wahrheits-, Politik- und Kunstbegriffen geworden. Und zum Indiz einer generellen Krise der Repräsentation: Die politische und mediale Globalisierung und die digitale Reproduzierbarkeit von Bildern ließen flottierende (Teil-)Öffentlichkeiten entstehen, die sich nicht mehr über einen staatlichen oder ästhetischen Repräsentanten vermitteln lassen. Traditionelle Orientierungs- und Wahrheitsverfahren verlieren damit an Aussagekraft; erkenntnistheoretische, politische und ästhetische Kategorien werden ununterscheidbar. Vor dem Hintergrund dieser Zeitdiagnose insistiert Steyerl vor allem auf zwei zentralen Fragen: Wie lässt sich das Reale selbst nunmehr denken? Und: Ist Kritik überhaupt noch möglich, wie?
Mit Agamben etwa betont Steyerl die Unmöglichkeit wirklicher Erfahrung, die sich, seiner Auffassung nach, in politischer Handlungsfähigkeit erst einlöst, und die zunehmend in verstreute »sensomotorische Schockmomente« ohne Ursache und Wirkung zerfällt. Mit Flusser und Sekula (Fotophilosophie in Wort und Bild) argumentiert sie fernerhin, Dokumentarbilder würden heute nicht mehr Realität abbilden, sondern diese hervorbringen; sie seien weniger informativ als intensiv.
»Oranges Rauschen« nennt Steyerl die unsägliche Aura von Maglano-Ovalles »Radio«; es ist eine synästhetische, hochpolitisierte A-Signifikanz, die auch unsere gesellschaftliche und politische Realität vollkommen absorbiert. Politik sei gegenwärtig nicht mehr an Wahrheit orientiert, so Steyerl, sondern an Wahrnehmung und an Heftigkeit.
»Die Farbe der Wahrheit« beschreibt generell eine Prekarisierung der Formen, die Hito Steyerl auch im Schreiben formal nachvollzieht – in gedanklichen Unterbrechungen und Einschüben, durch Perspektivenwechsel und wiederholte (Selbst-)Hinterfragung. So bleibt das Buch in Form und Inhalt stets ambivalent: Die Repräsentationskrise lässt nicht nur politischen Populismus entstehen, sondern auch innovative dokumentarische Ansätze; und in der Umkehrung der Bedeutungsvektoren zwischen Realität und Bild blitzt ein gleichsam utopisches Handlungspotenzial künstlerischer Praxis auf. Mögliche Ansätze führt Steyerl in ihrer eigenen Kunst- und Theorieproduktion vor, zumal im vorliegenden Buch: im Versuch der eigenen Entsicherung – durch Übernahme widersprüchlicher Sprechpositionen und in permanenter Neuverhandlung der benutzten Kanäle und Medien.

 

 

   

 

 

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