»We do it.«

 

 

Die Isola Nachbarschaft in zwei unzulänglichen Beschreibungssystemen

 

 

Verena Felice

 

 

kunstraum lakeside
Klagenfurt
12.11.2009 - 20.12.2009

 

Klagenfurt. Isola ist ein lebendiger, vom Rest der Stadt isolierter Bezirk im Zentrum Mailands. Es ist ein typischer »Arbeiterbezirk« mit all seinen Problemen und Vorteilen. Die heute bunt gemischte Bevölkerung richtete sich ihren Bedürfnissen entsprechend ein, gestaltete zwei brachliegende Flächen in öffentliche Parks um und bekam in den 80er-/90er-Jahren von der Stadtregierung den unteren Stock der leer stehenden ehemaligen Fabrik La Stecca zur Einrichtung von Handwerksbetrieben und Versammlungsräumen für Vereine.
Seit etwa zehn Jahren sind die gewachsenen Strukturen des Bezirks durch einen Gentrifizierungsprozess bedroht. 2000 wurde ein Stadtbauplan vorgestellt, der vorsah, die offenen Flächen mit noblen Büro- und Wohnhochhäusern zu bebauen. Die Fabrik sollte geschliffen und ein Einkaufzentrum errichtet werden. Das führte zu Protesten der ViertelbewohnerInnen und einer breiten Widerstandsfront mit wechselndem Erfolg und Misserfolg. La Stecca wurde zum Dreh- und Angelpunkt des Widerstands, Kunst und KünstlerInnen zu tragenden AkteurInnen in dem Prozess und bei der Entwicklung von Alternativen. 2001 besetzten KünstlerInnen und KuratorInnen den ersten Stock von La Stecca und gründeten das Isola Art Project, das 2005 zum Isola Art Center wurde. Ihnen folgten mehrere andere Vereine. Es wurden unzählige künstlerische Aktionen, Veranstaltungen, Diskussionen, Feste und Ausstellungen in La Stecca und im Bezirk durchgeführt. Die Kunst wurde zu einem Mobilisierungsfaktor. Kennzeichnend waren und sind basisdemokratische Strukturen, die starke Einbindung des Bezirks und seiner Bevölkerung sowie die fortwährende internationale Verlinkung. 2007 wurde La Stecca geräumt und die ehemaligen Parks abgesperrt. Bauarbeiten wurden begonnen und wieder eingestellt. Das Isola Art Center besteht in der sich verändernden Realität weiter und nutzt heute den öffentlichen Raum, Geschäfte und Lokale für seine Projekte.
Die Ausstellung »We do it.« wurde von Marco Scotini unter Mitwirkung von Matteo Lucchetti kuratiert und präsentiert eine »Reartikulation« mit einer Serie von Dokumenten, Zeugnissen und Arbeiten, die mit dem Protest der Gegenbewegung verlinkt sind. Der Hinweis auf Martha Roslers Foto-Text-Installation »The Bowery in two inadequate descriptive systems«1 im Untertitel soll die Intention aufzeigen, sowohl die Genese des Neuplanentwurfs als auch das künstlerische Gegenprojekt der Opposition darzustellen.
Das erste Beschreibungssystem besteht aus der auf einer Wand aufgelisteten chronologischen Aufzählung der wichtigsten Ereignisse, geretteten Überresten von La Stecca und zwei mit einer Überfülle an Zeitungsartikeln und Dokumenten gefüllten Ordnern, in denen man (zumindest auszugsweise) die Prozesse rund um Isola nachverfolgen kann. Letztere sind in einem von Andrea Sala der Villa Savoye von Le Corbusier nachgebauten Präsentationsobjekt im Zentrum des Raumes zu sehen, das die Überleitung zum zweiten Beschreibungssystem bildet: den künstlerischen Arbeiten, die es umgeben.
Das auf eine Aktion wilder Bepflanzung verweisende Modell »Island Marquette« von Stefano Boccalini, »Wurmkosbau« der Gruppe Wurmkos und zwei Tafeln des Büros OUT (Office of Urban Transformation) sind Arbeiten, die in Workshops unter Beteiligung der lokalen Bevölkerung entstanden. Sie verbindet eine modellhafte, optimistische visionäre Charakteristik in der Auseinandersetzung mit städtebaulichen Alternativen. Bert Theis von OUT ist mit einem Foto eines seiner Stadtmöbel vertreten. Mehr dokumentarischer Natur sind das Video von Enzo Umbraca, das einen 360-Grad-Schwenk einer Straße des Bezirks mit den in Interviews erzählten Geschichten zufällig Vorbeikommender koppelt, und Paola Di Bellos Fotoarbeiten, mit denen sie den Bezirk in Bezug auf seine sozialen und baulichen Strukturen vermisst und dokumentiert. Die internationale Vernetzung wird mit einer weiteren Serie von Arbeiten aufgezeigt: Das 1:1-Plakat mit dem Schriftzug »Revolution«, das eine stehen gebliebene Wand von La Stecca zeigt, ist von Stefano Boccalini als Projekt konzipiert, das in unlimitierter Auflage auf Reisen geht. Das von Marietta Schlitz zusammengetragene Videomaterial »Isola Nostra« war 2007 auf der Istanbul Biennale zu sehen. Das Museo Aereo Solar, durch ein Dokumentarvideo präsentiert, ist ein aus unzähligen Plastiksäcken unter Einbezug der Bevölkerung zusammengeklebtes Flugobjekt. Es wurde nach Isola auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kolumbien, Frankreich, in der Schweiz und in Albanien von Tomas Saraceno realisiert. Präsentiert werden Zeichnungen zur letzten Intervention in Isola von Christoph Schäfer zur »strategischen Verschönerung«, der Schriftzug »La revoluzione siamo noi« von Yang Jiechang, ein Foto der Installation »Hotel Isola« von Maria Papadimitriou aus La Stecca und ein Film von dem mit dem Bezirk stark verbundenen Künstler Adrian Paci, das sich auf ein Reality-Format im albanischen Fernsehen bezieht. Das undo.Net, eine Homepage zu zeitgenössischer Kunst, macht schließlich die Verlinkung von Projekten im Netz sichtbar und abrufbar.
Die Ausstellung nutzt den Raum auf allen Ebenen und lässt die Vielfalt und Fülle der Kunst und Projekte in und aus Isola erahnen. Die zwei »Beschreibungsebenen« – die dokumentarische und die künstlerische – ergänzen sich und lassen ein komplexes Bild von einem Kunstprojekt entstehen, das durch positive Kraft und den Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen, getragen wird und von Anbeginn an nicht auf seinen Regionalbezug beschränkt werden konnte.





 

 

   

 

1 Martha Rosler hinterfragt in ihrer Arbeit von 1974/75 die Rolle und Repräsentation der Dokumentarfotografie am Beispiel des heruntergekommenen Stadtbezirks Bowery in New York.

 

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