Ulli Lust:
Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens

 

 

 

 

Berlin: avant-verlag, 2009

Martin Reiterer

 

 

 

»Schauen kann auch interessant sein.« Dieser unscheinbare erste Satz in Ulli Lusts »Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens«, der nur in einer Gedankenblase der Protagonistin zum Ausdruck kommt, reicht über das betreffende dritte Panel des 460 Seiten umfassenden Comics weit hinaus. Er enthält in nuce eine Programmatik, die – bei aller Unterschiedlichkeit der Beweg- und Erfahrungshintergründe – einen subtilen gemeinsamen Schnittpunkt zwischen Protagonistin und Zeichnerin/Autorin verortet.
Der dokumentarische Blick, der zwischen Distanz und Neugier vermittelt, der mit subjektiver Anteilnahme das objektive Erscheinungsbild der Ereignisse durchdringt, ist Ulli Lust vertraut. Die in Berlin lebende österreichische Autorin, Zeichnerin und Online-Verlegerin (www.electrocomics.de) hat 2008 einen Band mit »Bildkolumnen und Minireportagen aus Berlin« herausgebracht, wie das Buch »Fashionvictims, Trendverächter« im Untertitel heißt. Darin spürt sie oft winzigen Ereignissen, Szenen, Dialogfragmenten nach, die zusammen ein funkelndes Bild der Stadt aufleuchten lassen. Zeichnend und notierend ist Lust bei ihrer Arbeit Augen- und Ohrenzeugin zugleich. Mit bloßen Fakten kommt allerdings das Dokumentarische nicht aus, so wie Bilder immer bereits erzählen. Subjektivität und Erfindung sind die zweite Haut des Dokumentarischen.
In »Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens« – in Deutschland als Sensation gefeiert – rückt das Erzählen in den Mittelpunkt, bleibt aber schonungslos autobiografisch und dokumentarisch. Die Neugier der Protagonistin Ulli erinnert an das dokumentarische Interesse ihrer Autorin. Neugier, die sich nicht zufriedengibt mit den vorgegebenen gesicherten Mustern des Zur-Kenntnis-Nehmens und dagegen ein jugendliches wahrnehmendes Erleben setzt, ist ein zentrales Motiv der hier in atemberaubender Weise erzählten Geschichte eines Ausbruchs einer 17-Jährigen. Nachdem die aus einem österreichischen Kaff stammende Ulli soeben die Schule abgebrochen und bereits ihre ersten Punkerfahrungen in Wien gesammelt hat, beschließt sie, zusammen mit einer Freundin nach Italien abzuhauen, um dort zu »überwintern«. Nur mit einem Schlafsack als Gepäck und ohne Pass gelangen die beiden jugendlichen Punks, Ulli und Edith, am Ende des Sommers 1984 per Anhalter, mit dem Zug und teils zu Fuß (über die grüne Grenze) nach Italien, nach Verona und Rom, schließlich nach Palermo.
»Es juckt am ganzen Körper«: Die Erlebnisneugier der Jugendlichen lässt sich kaum anschaulicher ausdrücken als mit dieser Tagebuchnotiz der 13-Jährigen. Wie die Neugier körperlich, so ist der Anspruch der Intensität radikal, denn »heute ist der letzte Tag«. Dieses Lebensgefühl, das Erleben unter Nichtberücksichtigung der Zwänge des Kontinuums einfordert, entspricht einerseits ganz allgemein dem von Jugendlichen und wird andererseits von Punks und ähnlichen Gruppen nur zur Konsequenz gesteigert. Im Unterschied zu ihrer Freundin, die ihr Bedürfnis nach Erleben gleichsam blind zu erfüllen sucht, bleiben das Jucken und die Neugier bei Ulli immer an die eigene Wahrnehmung gekoppelt.
Was subjektiv wie eine Reise in die Freiheit von spießigen Zwängen beginnt, verfängt sich allmählich und gegen Ende schockartig in einer Sackgasse körperlicher und existenzieller Bedrohungen. Gleichsam außerhalb einer Zivilisation von Persönlichkeitsrechten findet sich Ulli plötzlich Zudringlichkeiten und Belästigungen ausgesetzt, die bis zur Vergewaltigung gehen. Die Zugvögel waren auf einmal vogelfrei.
Symbolisch hat sich die Aussteigerin das spießbürgerliche Sicherheitsdenken ans Ohr gesteckt, der Größe nach aufgereihte Sicherheitsnadeln zieren ihr Ohr: »Wenn ich Angst hätte, wär’ ich zu Hause geblieben.« Dieses mutige Statement – auch wenn Ulli später ausgerechnet auf die Sicherheitsnadel zurückgreift, um etwas von ihrer preisgegebenen Sicherheit zurückzugewinnen und sich gegen die Übergriffe der Blicke zu schützen – korrespondiert mit dem Bild am Buchcover: Mit offenen Augen schaut da jemand den LeserInnen in die Augen, sofern diese jenem bestimmten Blick nicht ausweichen. Tatsächlich kann man hier eine Interferenz entdecken, zwischen dem durchaus verbindlichen neugierigen Blick der jugendlichen Ulli und dem kaum weniger mutigen Rückblick der Autorin Lust, die mit der Geschichte ihres jugendlichen Alter Egos an die Öffentlichkeit tritt – jenseits einer retrospektiven Romantisierung wie einer nachträglichen Überheblichkeit gegenüber den Erlebnissen, Erfahrungen und Handlungen der Jugendlichen.
Eingebettet in die Autobiografie entfaltet der Comic eine Reihe thematischer Landschaften aus der Mitte der 1980er-Jahre, skizziert Elemente einer Jugend- und Punkkultur zwischen Wien und Rom/Palermo, fängt die angespannte Atmosphäre im »Krieg« gegen die sizilianische Mafia ein, zum Zeitpunkt der ersten Erfolge durch die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, oder entmystifiziert das romantische Klischee des italienischen Liebhabers.
Um dem Dokumentarischen zeichnerisch gerecht zu werden, erzählt die Autorin mit dem Bleistift: Der ungetuschte Strich dient dem Augenfälligen, dem rauen Unaufgeputzten der eigenen Wahrnehmung. Dem entspricht eine übersichtliche Seitenaufteilung. Umso wirksamer sind die Brechungen dieser Regeln, die mit der Intensität der Erlebnisse zunehmen, und dem Strich seine Handschrift verleihen. Dabei sind die Zeichnungen subtil im Nebenbei und im Subtext. Schließlich findet Ulli Lust zwischen der radikalen Reduktion der Zeichnung auf ihre fragmentarischen Umrisse, der den Körper allmählich verschwinden lässt, und dem alles auslöschenden Schwarz, einprägsame Mittel um darzustellen, was zum Bedrohlichsten gehört: die Ohnmacht und die Angst.

 

 

   

 

 

^