Christoph Schäfer »Auslaufendes Rot – Anti-Monument für die Rote Ruhr Armee «

 

 

 

 

Justin Hoffmann

 

 

Ruhrtriennale 2009–2011
Essen und Dortmund

 

Essen und Dortmund. Die Aufregung war groß. Nicht die aufwendigen, budgetintensiven Kunstprojekte der Ruhr.2010 lieferten den interessantesten Gesprächsstoff in Sachen Kultur, sondern Christoph Schäfers Projekt »Auslaufendes Rot – Anti-Monument für die Rote Ruhr Armee« in Essen und Dortmund. Unter den zahlreichen Veranstaltungen im Rahmen des Kulturhauptstadtrummels gab es keine andere Arbeit, die eine vergleichbare politische Debatte auslöste. Durch sie kam es u.a. zur Bildung einer Gruppe, die eine Aktion mit dem Titel »Laufen des Rot« an der B1 und Autobahn A 40 zum Gedenken an 90 Jahre Rote Ruhr Armee durchführte. Sogar eine Montagsdemonstration anlässlich dieses Projekts fand statt. Bei dem Thema, das Schäfer für seine Arbeit wählte, spalteten sich die Geister. Dabei ist der Inhalt kein aktueller, sondern ein historischer. Die Niederschlagung der Roten Ruhr Armee gehört zu den tragischsten Kapiteln in der Anfangsphase der ersten demokratischen deutschen Republik. Sie ist Teil der noch wenig aufgearbeiteten revolutionären Phase nach dem Ersten Weltkrieg. Zu einer Neubewertung der Vorgänge lieferte der Hamburger Künstler mit Essener Wurzeln wichtige Beiträge.
Um die Arbeit besser zu verstehen, bedarf es einiger Informationen über die damaligen historischen Ereignisse. Den Anlass zur Gründung der Arbeiterarmee bildeten der Kapp-Putsch und die Vertreibung der demokratisch gewählten Regierung aus Berlin. Um das Militärregime zum Rücktritt zu zwingen, riefen linke Kräfte zum Generalstreik und zur Bildung eigener Truppen auf. Beachtliche 50.000 Personen schlossen sich im März 1920 zur Roten Ruhr Armee zusammen. Sie bestand weitgehend aus Mitgliedern der USPD und der KPD. Von Dortmund aus eroberte sie das ganze Ruhrgebiet. Eine Übermacht aus Reichsarmee und rechten Milizen rückte jedoch wenige Wochen später ins Revier ein und zerrieb die Arbeiterarmee. Die Möglichkeit einer neuen sozialistischen Republik wurde im Keim erstickt. Bei der Niederschlagung kam es zu zahlreichen Massakern. Gefangene wurden im Schnellverfahren hingerichtet. Ungefähr 1.000 Kämpfer der Roten Ruhr Armee verloren ihr Leben. Trotzdem werden diese Vorgänge in der Geschichtsschreibung nicht selten als gelungene Abwehr des Bolschewismus bezeichnet. Mit dieser Rezeption wollte sich der Hamburger Künstler Christoph Schäfer nicht zufriedengeben.
Eine wichtige Rolle im Kampf der Roten Ruhr Armee gegen Konterrevolutionäre spielte der Wasserturm Stehler Berg in Essen. Hier standen sich bewaffnete Rotarmisten und die Verteidiger aus Bürgerwehr und Sicherheitspolizei gegenüber. Christoph Schäfer reinszenierte für sein Projekt den damaligen Sieg der Linken. Rote Fahnen krönten so im Sommer 2010 die Spitze des Turms, die zudem mit rotem Licht beleuchtet wurde, was an die weitverbreitete Praxis des Aufpimpen von Industrieanlagen durch farbiges Licht denken ließ. In Schäfers künstlerischer Vision haben die Revolutionäre gewonnen. In seiner Transformation von Geschichte wird die Utopie eines sozialistischen Ruhrgebiets entworfen. Mit der Frage »Was wäre wenn?« wird auch die Diskussion über heutige und zukünftige gesellschaftliche Verhältnisse angestoßen. Die Intervention am Wasserturm besitzt für den Künstler auch eine biografische Note. In der Familie wird erzählt, dass sein Großvater den Verteidigern zu Hilfe eilen wollte. Er stand, so resümiert Christoph Schäfer, damals auf der falschen Seite. Eine Aussage, die einen Journalisten der »WAZ« dazu hinriss, ihn aufzufordern, in Therapie zu gehen – was fatal an NS-Polemik erinnert, die unliebsame Künstler gern als verrückt erklärte.
Christoph Schäfers zeichnerisches Potenzial kommt vor allem in seinen Plakaten und einem Animationsfilm zur Geltung. Individuelle Strichführung verschmilzt in diesen Arbeiten mit historischen Referenzen zu Konstruktivismus und Propagandaplakaten der 1920er-Jahre. Die Farbpalette ist auf Schwarz, Weiß und Rot beschränkt. Christoph Schäfer postierte 40 Zeichnungen als gedruckte Plakate auf einen Grünstreifen einer großen Straße in Dortmund; an der Stelle, an der das Freikorps Lichtschlag am 16. März 1920 eine entscheidende Niederlage erlitten hatte. Die Plakate waren so aufgereiht, dass sie eine Bildergeschichte des Arbeiteraufstands erzählen, ohne dabei einen konkreten narrativen Strang zu verfolgen.
Die Plakate wurden zudem für den Animationsfilm »Notizen zur Ruhr Armee«, den Schäfer im Eulenspiegel-Kino in Essen installierte, verwendet. Er basiert letztlich auf diesen Zeichnungen. Durch die Wahl der Schnitte und die Kameraführung sind einzelne Teile hervorgehoben und nach einer bestimmten dramaturgischen Überlegung aneinander montiert. Der Film beginnt mit Nahaufnahmen, die Striche gewinnen eine fast abstrakte Qualität. Dann wird der Abstand größer, die Kamera entfernt sich mehr oder weniger vom Zeichenblatt. Einzelne Textzeilen treten in den Blickpunkt, wirken wie Appelle. Neben Szenen der historischen Vorgänge sehen wir Diagramme, Symbole wie Fahne oder Roter Keil. Die Buchstaben, die Schatten werfen, stehen wie Menschengruppen auf dem Bildgrund. Die Darstellung einer einzelnen Rotarmistin fällt durch seine Nähe zu Comics auf.
Eine Straßenbahn in Dortmund wurde während der Projektdauer zur mobilen Ausstellung umgestaltet. Wörter und kurze Sätze wie »Hier ist dicke Luft« oder »Die Grünen schossen nur noch schwach« waren auf ihrer Außenseite angebracht. Im Inneren konnte man längere Textpassagen lesen, die auf Motive und Ziele des Arbeiteraufstands im März 1920 Bezug nehmen. In »Auslaufendes Rot – Anti-Monument für die Rote Ruhr Armee« bediente sich Christoph Schäfer in klassisch subversiver Manier der Strategien und Werbeflächen, die gewöhnlich dem kommerziellen Branding vorbehalten sind. Mit seinen linkspolitischen Inhalten durchkreuzte er dabei geschickt die von Konfliktpotenzialen gereinigten Marketingkampagnen des Kulturhauptstadtspektakels.



 

 

   

 

 

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