Post-Fake als Projektionsspiel

 

 

Zum Phänomen »Ursula Bogner« und der Veröffentlichung »SONNE = BLACK BOX«

 

 

Martin Conrads

 

 

 

»Nahezu unglaublich, dass meine Mutter, Ursula Bogner, Jan Jelinek bis dato verborgen geblieben war. Und genauso unglaublich, und doch so alltäglich wie die ihre, liest sich auch Jelineks Biografie. Es war in einem Flugzeug auf dem Weg nach Vilnius, als ich die Bekanntschaft Jelineks machte, der, so erzählte er, auf Konzertreise sei. Schnell kamen wir über den üblichen Smalltalk darauf zu sprechen, dass er, wie meine 1994 verstorbene Mutter, auch mit Synthesizern musizierte, allerdings nicht privatistisch wie sie im eigens eingerichteten Musikzimmer unseres Berliner Einfamilienhauses, sondern in einem eigens hierfür eingerichteten Berliner Studio. Im Gegensatz zu meiner Mutter ist das Interesse seines Umfelds groß, die Musik wird als eine seiner vielen exzentrischen Betätigungen wahrgenommen. Erstaunlich, denn vordergründig ist Jan Jelineks Lebenswelt durch und durch bürgerlich: studiert, Vater, neu eingerichtete Altbauwohnung im Prenzlauer Berg. Umso bizarrer scheint seine Obsession für elektronische Musik. Eine Obsession, die ihn glücklicherweise dazu antrieb, ein eigenes Studio einzurichten, um dort zu experimentieren und Aufnahmen zu machen. Gemessen an den üblich chronologischen Eckdaten, ist Jelineks Biografie schnell erzählt: 1971 in Bad Hersfeld geboren, zog er in den 1990er-Jahren nach Ost-Berlin, um Philosophie und Soziologie zu studieren. Schon während des Studiums, um 1994, begann er, elektronische Musik zu produzieren und zu veröffentlichen, teil unter seinem Klarnamen, teil als ›Farben‹, teils als ›Gramm‹ und zuletzt als …«
»Ursula Bogner« ist in erster Linie als offenes Prinzip zu beschreiben, für das die Musik als Botenstoff dient. Der Name, der erstmals 2008 mit »ihrer« posthumen, 17 Stücke beinhaltenden Veröffentlichung »Recordings 1969–1988« auf dem Label Faitiche des Berliner Musikers Jan Jelinek auftauchte, sorgte von Beginn an mit seiner Mischung aus Heimeligkeit und Mondänität für beste Voraussetzungen einer so gelungenen wie offensichtlichen Täuschung. Seither gab es zwei Ausstelllungen mit Partituren, Skizzen, Notizen in Zettelkastenästhetik und wissenschaftlichen Fotografien aus Bogners Fotoalbum (»Pluto hat einen Mond«, 2009/10 bei Laura Mars Grp. in Berlin, »Mélodie: toujours l’art des autres«, 2011 im CEAAC in Straßburg) inkl. Vinylsingle. Nunmehr liegt erneut eine den Namen Bogners tragende Produktion vor, von der abzuwarten bleibt, ob sie eine abschließende oder eine erst eröffnende sei wird: Denn das 2011 im Maas Media Verlag erschienene Buch »Ursula Bogner – SONNE = BLACK BOX«1 und die dazugehörige Audio-CD (bzw. limitierte Vinylausgabe) mit 15 Titeln werfen bereits einen Blick zurück auf die Rezeptionsgeschichte von Jelineks Kunstfigur (Buch) und präsentieren gleichzeitig neues Material (CD), das die künstlerische Biografie Bogners um neue Facetten ergänzt, sich von der Autorschaft Jelineks jedoch nun auch im Sinn der Audioproduktion entfernt.
Das deutsch-englische, 126-seitige Buch mit Beiträgen von Momus, Kiwi Menrath, Jürgen Fischer, Bettina Klein, Tim Tetzner, Andrew Pekler, einer Einleitung von Jelinek und zahlreichen Fotografien, Zeichnungen und Kompositionsskizzen Bogners, die zum größten Teil bereits die beiden Ausstellungen bestückten, durchleuchtet anhand der Figur Bogners Strategien eines (hier wohl erstmals gesetzten) »Post-Fake«. Laut Kiwi Menrath versuchen »Post-Fake-Strategien […], kritische Rekonstruktionen zu inspirieren, eher als sie selbst zu vollziehen« – etwas, das man auch mit dem Begriff der Pseudonymisierung künstlerischer Ordnung umreißen könnte.

In diesem Sinn fungiert die eingangs beschriebene, im Gegensatz zum Originalzitat2 für diesen Text aus der Sicht Sebastian Bogners – und nicht wie im »Original« aus der Sicht Jan Jelineks – beschriebene Begegnung im Flugzeug nach Vilnius als eine Art Test. Nämlich dahingehend, ob der gleichen Logik entsprechend in einem inspirierenden Umkehrschluss die Figur des Jan Jelinek nicht auch auf einem »Post-Fake« der Musikerin Ursula Bogner beruhen könnte – und was damit für Produzentensubjekte ausgesagt wäre. Tatsächlich war es laut des im Netz vielfach kopierten, auch in das Buch aufgenommenen Originaltexts zu »Recordings 1969–1988« Jelinek selbst, der im Flugzeug Bogners Sohn kennenlernte und sich von ihm über das Werk seiner bis dato als Musikerin unbekannt gebliebenen Mutter in Kenntnis setzen ließ, woraus die Idee entstanden sei, ihre Arbeiten zu bergen und in editierter Form der Öffentlichkeit nahezubringen. Die von Jelinek gesteckten Daten zu »Ursula Bogner« sind dabei jedoch so offensichtlich komisch und so komisch offensichtlich gewählt, dass man sich wundert, wie einige RezensentInnen von »Recordings« scheinbar aus Unsicherheit über das programmatische Ausmaß des Fakes diesen nicht als solchen erwähnten: Die 1946 in Dortmund geborene Bogner, beim Berliner Schering-Konzern angestellte Pharmazeutin sowie »Ehefrau, Mutter inklusive Einfamilienhaus« habe sich, neben ihrer Karriere als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Firma, privat für die Aktivitäten des Studios für elektronische Musik in Köln interessiert, Seminare von Herbert Eimert besucht, sich für Musique Concrète begeistert und zudem »später mit ihren Kindern die Liebe zu englischem New-Wavepop« geteilt. Hinzu kommt ihre ausdauernde Beschäftigung mit Wilhelm Reichs Orgonomie, aber noch entscheidender ist, dass sich all diese Fetische zu einem reichhaltigen musikalischen und grafischen Werk bündeln, das über 20 Jahre hinweg – aufgrund Bogners zurückhaltenden Charakters von der Öffentlichkeit unbeachtet – entstanden sei und das es nun peu à peu von Tonband zu bergen und editieren gälte. Mit anderen Worten: Wer, der wie Jelinek in einem Westdeutschland aufwuchs, in dem in den 1940ern geborene Frauen häufig Ursula hießen, gewöhnlich aber die beschriebenen Vorlieben in dieser Kombination nicht auf sich vereinten, wäre nicht gerne Sebastian Bogner gewesen? In diesem Projektionsspiel des (hier) typischerweise männlichen Produzentensubjekts liegt der Reiz des Projekts verborgen, wenngleich auch in der künstlich-enigmatisch produzierten Musik Bogners selbst, die auf dem rein instrumentellen »Recordings 1969–1988« eher noch Jelinek’sche Funk-Echos erkennen ließ. »SONNE = BLACK BOX« tritt demgegenüber eher mit versponnen-kosmischem Anspruch an und wartet neben Tonbandmanipulationen auch vielfach mit Ursula Bogners modulierter Stimme auf (Gesang: »Ist denn die Sonne eine Blackbox?«; »Ob man die Nacht abschaffen kann?«), wofür insgesamt der gemeinsam mit Jelinek bei Live-Improvisationen von Bogner-Material auftretende Andrew Pekler (nicht) verantwortlich zeichnet.

Die Figur Ursula Bogner gibt vor, für die popmusikalisch hoffnungslos verspätete »BRD« ein emanzipatorisches Nachträglichkeitsversprechen einzulösen, die unerwartete Schließung einer Lücke, nämlich die Hinzufügung einer »besseren Hälfte« zur elektronischen bzw. elektroakustischen Musikgeschichte der bundesdeutschen Nachkriegszeit, die im Gegensatz zu England (Daphne Oram), Frankreich (Eliane Radigue) oder den USA (Pauline Oliveros) immer eine männliche blieb (laut Momus ist Bogner Jelinek»in drag«). Auf »SONNE = BLACK BOX« wird mit der Verwendung von Bogners ausreichend historizistisch verzerrter, zumeist kosmische Topoi besprechender oder besingender Stimme bei gleichzeitiger Dokumentation ihrer Tonbandmanipulationen ein klangkultureller Bogen zwischen Köln (Studio für elektronische Musik) und Paris (GRMC/GRM) geschlagen. Dabei wird Karlheinz Stockhausens »Gesang der Jünglinge« aufgegriffen (Bogner: »Der Chor der Oktaven«) und die dortige Verwendung von Stimmen locker von, wie man gesagt hätte, E auf U gedreht – wodurch man zu einer Imagination weiblichen elektronischen Techno-Pops in Deutschland parallel zu den frühen Kraftwerk gelangt. Solcherart lässt der Zeitgeistkommentar »Ursula Bogner« das galanteste und glatteste »Verblödungsmodell« (Jelinek) erkennen, das die Retromanie in der BRD derzeit hergeben kann.


 

 

   

 

1 www.maasmedia.net/43verlagsprogramm-bogner-blackbox.htm
2 Vgl. www.faitiche.de/index.php?article_id=7

 

^