HD - High Density RELOAD

 

 

 

 

Martin Conrads

 

 

NGBK - Neue Gesellschaft für Bildende Kunst / shift.e.V.
Berlin
11.9.1999 - 17.10.1999

 

Eine Schlüsselszene im Film Matrix zeigt einen Helikopter, der seitlich in einen Wolkenkratzer stürzt. Der Zusammenstoß erzeugt lediglich das wellenförmige Ausbreiten eines technischen Effektes: Das Bild wabert an der Stelle des Aufpralls, womit die Rechenleistung der Matrix, die logistische Fähigkeit ihrer Programmierer und das Abstraktionsvermögen ihrer Bewohner sich in einem eigentlichen Fauxpas der Realität kreuzen. Gezeigt wird in dieser Szene nichts anderes als die Darstellbarkeit der Überblendung realer und errechneter Räume. Wo frühneunziger VR-Fantasien von einer Übersetzbarkeit des realen Raumes auf einen virtuellen Parallelraum hinagierten, zeigt sich die skizzierte Filmszene als Bebilderung eines umso komplexeren Zustandes: Des Zusammenstosses von realem, rechnendem und gerechnetem Raum im gleichen Kontinuum.

Die Szene stellt dabei lediglich die Ausgangsfrage jeder Ausstellung dar, die sich derzeit mit der Verschränkung analoger und digitaler Kunst jenseits bloß Monitor-immanenter net.art auseinandersetzt. Denn die Verfrachtung binären Raumes in konkrete Ausstellungsräume unterliegt nicht nur digitalen Bedingungen, sondern auch den analogen des White Cube. Zwei Ausstellungen in Berlin versuchten zuletzt, die Arten der Vernetzung und Errechnung von Raum analog wie digital sichtbar werden zu lassen; die eine mit Mitteln der Architektur, die andere mit jenen des Spiels. Begriffe wie Modell, Überlagerung und Labyrinth gaben beiden Ausstellungen theoretischen Vorschub .

Als »Ausstellungsprojekt über die Verdichtung von Räumen« war HD- High Density bei NGBK angetreten, die drei erwähnten Raumtypen auf die Überlagerung von klanglicher, architektonischer und theoretischer Dichte hin zu überprüfen: Die von Büro 213 aus der Struktur einer der ersten Mikrochips und dem Stadtplan der idealen Renaissancestadt Sforzinda errechnete Ausstellungsarchitektur ergab ein Labyrinth, das den »unzweifelhaft vorhandenen Sinn der gemeinsamen Muster« (Katalog) erkennen lassen sollte. Auch wenn die abstrakte Struktur ihren Sinn nicht auf den ersten Blick offenbarte, so versuchten die in die Räume integrierten und das Überlagerungskonzept unterstützenden Arbeiten ihrerseits, architektonische Komplexität mit computergeneriertem Sound zu verrechen: Von in Echtzeit errechneten und abgespielten Files der letzten Oval-CD und deren abstrakter Visualisierung durch Frieda Luczak über Justin Bennetts Stadtraumaufnahmen bis zu sha.TMs stockdunklem Raum, in dem im Hof der NGBK aufgenommer Sound und dessen Internet-Verarbeitung zu hören war. Eine kafkaesk anmutende Bibliothek mit Literatur zum Thema und die didaktischen Videos des »Künstler-Philosophen« Andor Castius gaben dem Projekt technikhistorische Stütze. Und die beim Begehen der Austellungsarchitektur erahnbare »Matrix« ermöglichte punktuell in Momenten taktilen Vortastens eine tatsächliche körperlichen Positionierung im System.

Hatte HD die Darstellung räumlicher Vernetzungsstrukturen mittels Klang und Architektur zum Thema, widmete sich RELOAD bei shift e.V. dekonstruierend den Raumtypen vernetzter Computerspiele: 6 Künstler hatten hier, anhand des Computerspiels Quake, eigene game patches, gerenderte Spieloberflächen, kreiert. Stefan Wieland schuf architektonische Einbauten in die shift-Räumlichkeiten, die dem Besucher ein Gefühl verschiedener »Levels« vermittelten, Astrid Herrmann modellierte Nachbauten bekannter Quake-Räume, und vier digitale Patchversionen konnten auf Monitoren gespielt oder aus dem Netz heruntergeladen werden: Holger Friese verblüffte mit einer an die Design-Postmoderne der 80er erinnernde Quake- Version, in der die Regeln der Schwerkraft außer Kraft gesetzt und sich sämtliche Orientierungspunkte in einem ständigen auf und ab bewegen. Auch bei Christine Meierhofers Patch ist es nicht leicht, die Orientierung zu behalten, sie hat ihr Level in ein schwarz- weißes Drahtgitter verwandelt, in dem bei Unachtsamkeit jedes Texturmuster das eigene virtuelle Grab schaufeln kann. Tom Ehninger verwandelte sein Level in eine blendende Farborgie und ließ so die Dimensionen unkenntlich werden. Als den Kunstbetrieb auf die Klinge nehmendes Interieur verwandelten Florian Muser und Imre Osswald von »NoRoom Gallery« die Architektur der Hamburger Kunsthalle mitsamt aller sich darin befindenden Kunstwerke in eine Quake-Hölle. Hier kommt nicht die Aufsicht um die Ecke, sondern der Gegner mit der Pumpgun. Findet die Schlacht dann beim Betrachten eines digitalisierten Lüpertz-Bildes statt, ergeben sich plötzlich auch für analoge Kulturkritik neue Angriffspunkte. So könnte z.B. die Militanz des Digitalen durch Mittel der Architektur spielerisch auf das Level des gesellschaftlich Erfaßbaren zurückgepatcht werden.

 

 

   

 

Datum der Ausstellung im shift.e.V.: 25.9.1999 - 3.12.1999

RELOAD, shift e.V., Friedrichstraße 122/123, 10117 Berlin. (25.9.-3.12.)
http://www.re-load.org

HD - High Density, NGBK, Oranienstraße 25, 10999 Berlin. (11.9.-17.10.)
http://www.HDensity.de

 

^