Bernd Krauß: Haus Krauß

 

 

 

 

Jan Verwoert

 

 

Künstlerhaus Stuttgart
Stuttgart
7.11.1997 - 12.12.1997

 

Ist jemand, der sich das Standbein bricht, aber das Spielbein eingipst, ein Simulant? Er hat ja wirklich etwas am Bein. Zudem liegt, wer auf dem Standbein nicht mehr stehen kann, nicht falsch, wenn er das Spielbein durch Gips zu einer stabilen Stütze macht. Der Vorwurf der Vorspiegelung falscher Tatsachen bleibt gegen so jemand natürlich trotzdem bestehen. Bernd Krauß ist so jemand. Im Künstlerhaus zeigt er Filme, Zeichnungen, Collagen und Objekte (Standbein) in verschiedenen Installationen (Gipsbein). Die Präsentation der Einzelarbeit im Zusammenhang der Installation ist das Problem, vor das einen Krauß stellt: er baut durch die Präsentationsform Erwartungen auf, denen das Präsentierte nie entspricht. Ob es sich dabei einfach um Beschiß handelt, oder ob dem Ganzen doch eine kryptische Logik zugrunde liegt, ist die Frage.

Angefangen mit der Installation im Eingangsbereich: auf einem Büchertisch gibt es Broschüren, auf einer Pinwand diverse Infos, dazu eine Theke mit integrierter Video- Einheit und einen Filmraum mit vorgelagerten Posterarrangements. Die Präsentationsform ist klar als die der Vermittlungskunst erkennbar und kommuniziert die Zugänglichkeit von Information. Das Präsentierte selbst ist nun aber weder zugänglich noch informativ: ein versautes Pumuckl-Malbuch, eine Reklame »Auch als Türke gehe ich zur Deutschen Bank« oder ein Video, in dem eine debile Gestalt in FC Nürnberg-Montur endlos repetiert, »Der Rudi hat g´sagt, wenn der Club g´winnt, kriegt jeder von uns 10 Mark«. Auf offiziellem Kanal wird also krauses Zeug und intimer Schweinkram gesendet. Ein Fall von boshafter Vortäuschung falscher Kontexte?

Auch der nächste Raum wirft diese Frage auf. Hier ist ein White-Cube-Simulator installiert: Es gibt Pseudo-Minimal-Skulpturen - einen Kubus aus umgestülpten Verpackungskartons und eine zugemalte Glasvitrine mit gerollten Isomatten obendrauf - dazu die Aquarellserie »Meine Freunde als kleine Mädchen« und als Dienstleistungsangebot Leporellos mit Privatfotos von Krauß zum Nachbestellen. Skulpturen also, die keine sind, und Dienstleistungen, die keiner braucht. Ähnliches passiert im schmalen Abstellraum des Künstlerhauses. Der ist als Galerie »rein & raus« umgemodelt: Vor unverputzten Wänden aus Ytongklötzen hängen im Wechselrahmen erotische Works on Paper von Krauß-Socius Simon Frisch. Die hundsmiserable Inszenierung unterbietet sogar noch die Standards lokaler Soziokultur. Kunst, die im Prinzip welche wäre, wird so von Krauß in einen Kontext verfrachtet, aus dem man nur Kunst kennt, die nix ist.

In der letzten Installation läßt Krauß schließlich zwei Präsentationsmodelle einander überwuchern: das Kernstück, Modell Diskussionstreff, ist eine kunstvoll arrangierte Stuhlgruppe, ausgeschildert als »Cafe Hörzu« - ein Remake des hauseigenen »Umbauraums« und eine Hommage an dessen Leiter, wie es das Graffiti »Das ist das Haus von Nicolaus« (Schafhausen) klarstellt. Diesem Modell pfropft Krauß nun das Modell Heimwerker auf: Die Klappstühle sind mit Tesapack Rücken an Rücken verklebt und Teil eines aus Brettern, Latten und Profileisen zusammengeschusterten U-Bahn-Waggons (Londoner District Line). Das Konstrukt dient als Aufhängung für allerlei kleine Bastelarbeiten und eine Reihe von Zeichnungen auf aus Tesafilm geklebten Transparenten. Obwohl sie fest in die U-Bahn eingebaut sind, sind diese Arbeiten formal wieder zu eigenständig, um wirklich im Installationszusammenhang aufzugehen.

Krauß spielt also ein doppeltes Spiel: da er seine Einzelarbeiten nie als eigenständige »Werke« setzt, sind sie auf die Stützkonstruktion ihres Installationskontextes angewiesen - so wie ein Standbein, das nicht von selbst steht, eben eine Stütze braucht. Da die Arbeiten wiederum aber in den Kontexten, in die Krauß sie stellt, nie aufgehen, genießen sie die relative Autonomie eines durch das Eingipsen des Spielbeins suspendierten Standbeins. Ohne Zweifel eine gewiefte Taktik.

 

 

   

 

 

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