Heft 4/2025 - Artscribe


Fünf Freunde

3. Oktober 2025 bis 11. Januar 2026
Museum Ludwig / Köln

Text: Mounira Zennia


Köln. Es beginnt mit der Stille und dem Nichts. Sie stehen als maßgebende Kräfte im Mittelpunkt zahlreicher Arbeiten der fünf Freunde: der Musiker und Theoretiker John Cage, der Tänzer und Choreograf Merce Cunningham sowie die bildenden Künstler Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly. Im Jahr 1939 begann John Cage mit der Textsammlung Silence, zu der auch die Lecture on Nothing von 1949 gehört. In dieser legte er erstmals seine Konzeption der Stille dar. Es folgten die White Paintings von Robert Rauschenberg und Cy Twombly – Leinwände, mit nichts als weißer Farbe bemalt –, die ein perfektes Pendant zu Cages Idee der Stille ergeben. Cages Begeisterung für die White Paintings mündete anschließend in seinem radikalen Musikstück 4‘33‘‘ (1952), in dem er 4 Minuten und 33 Sekunden lang Stille erzeugt und damit alle bis dahin geltenden musikalischen Normen infrage stellt. Auch Jasper Johns griff die Idee des monochrom weißen Bildes auf, während der Choreograf und Tänzer Merce Cunningham das Konzept in seinem Tanzstück Stillness in körperliches Innehalten übersetzte.
Die kreativen Wechselwirkungen, die sich aus ihren Freundschaften und romantischen Beziehungen ergeben, bilden den Kern der Ausstellung Fünf Freunde. Die fast 200 Exponate sind fragmentiert und ohne klar erkennbare Struktur über einen großen Teil des Museums verteilt und spannen einen Bogen von Ende der 1930er- bis in die späten 1970er-Jahre. Zu den Exponaten zählen Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Multimedia-Kunstwerke, Partituren, Bühnenrequisiten, Kostüme und Archivalien.
Die Treppe zur Ausstellung führt die Besucher*innen an großen, transparenten Kästen vorbei, die in ihrem Inneren verschiedene Objekte aufbewahren zu scheinen. Gleich um die Ecke wird Cunninghams Film Walking Time (1968) gezeigt, eine Arbeit, die sich mit der Zeitlichkeit der neu aufkommenden Technologien der 1960er-Jahre beschäftigt, in der sich die Tänzer*innen rastlos um die transparenten Elemente bewegen. Die Merce Cunningham Dance Company und ihre Performances verkörpern die kollaborative Praxis der fünf Künstler in besonders eindringlicher Weise. Während Cage bis zu seinem Tod musikalischer Leiter der 1953 gegründeten Company war, war Rauschenberg für die künstlerische Beratung verantwortlich und gestaltete Kostüme, Bühnenbilder und Beleuchtung. Die transparenten Gebilde sind eine Referenz auf Marcel Duchamps berühmtes Großes Glas, stammen jedoch aus der Zeit, in der Jasper Johns 1967 die künstlerische Leitung übernahm, nachdem Rauschenberg die Company 1963 aufgrund eines Streits mit Cunningham verlassen hatte. Die gemeinsam entwickelten ästhetischen Konzepte der Tanzperformances zeigen Stilelemente des „Camps“ – subtil reflektieren sie queere Themen und bergen zahlreiche Referenzen auf nicht-heteronormative Begehren. In ihrem richtungsweisenden Essay Notes on „Camp“ 1 führt Susan Sontag aus, dass es sich bei „Camp“ nicht bloß um eine Stilrichtung handele, sondern um eine gewisse Sensibilität, mit der wir die Welt um uns herum wahrnehmen, deren Essenz in der Liebe zum „Unnatürlichen: zum Artifiziellen und zur Übertreibung“2 liege; kurz: einem queeren Empfinden.
Umgeben von zahlreichen Gemälden, Zeichnungen, Collagen, Skizzenbüchern, Skulpturen und Objekten wird in der Ausstellung eine Reihe sehr persönlicher Fotografien von Rauschenberg und Twombly gezeigt, die die Künstler gegenseitig von sich aufgenommen haben. Die Fotografien sind vor allem an idyllischen Orten wie dem Black Mountain College entstanden, an dem alle bis auf Johns eine Zeit lang lehrten oder studierten. Andere wiederum entstanden während einer Europa- und Nordafrikareise der beiden Künstler. Besonders beachtenswert ist Rauschenbergs Fotografie Quiet House – Black Mountain (ca. 1951), die zwei leere, nebeneinander stehende Stühle vor dem „Quiet House“ zeigt, während das Bild von quer verlaufendem Sonnenlicht durchzogen wird. Unweigerlich lassen die beiden unbesetzten Stühle an die romantische Beziehung der beiden Künstler denken. Für die Künstler waren Fotografien nicht nur ein Mittel zur Dokumentation, sondern ein Werkzeug, um persönliche Eindrücke, Beobachtungen und zwischenmenschliche Beziehungen zu reflektieren und künstlerisch zu verarbeiten. In diesen Bildern vermischen sich intime, private Erfahrungen mit ästhetischen Fragestellungen, sodass sich das Persönliche und das Künstlerische untrennbar miteinander verbinden.3
Die Verschränkung von Kunst und Leben zeigt sich auch in der Auseinandersetzung mit der politischen Weltlage während des Zweiten Weltkriegs, der McCarthy-Ära und des Kalten Kriegs. In diesen Epochen kam es zu einer systematischen Verfolgung von Personen, die als kommunistisch oder homosexuell wahrgenommen wurden. Vor diesem historischen Hintergrund können Johns berühmte Flaggen- und Zielscheibenbilder gelesen werden, die in der Ausstellung zahlreich vertreten sind. Auch die zunehmende Technologisierung der Gesellschaft, insbesondere die Raumfahrt und die ersten Fotografien der Erde aus dem All, flossen in das Werk der Künstlerfreunde ein. Dies zeigt sich beispielsweise in Cages Arbeiten der 1960er- und 1970er-Jahre, in denen Raumkarten als kompositorische Elemente Verwendung finden.
Aus heutiger Perspektive mag es selbstverständlich erscheinen, das künstlerische Schaffen der fünf im Kontext ihrer homosexuellen Identität zu lesen. In einer Zeit, in der eine solche Lesart jedoch nicht nur marginalisiert, sondern mitunter auch gefährlich sein konnte, war diese Perspektive alles andere als naheliegend. Umso bemerkenswerter ist es, dass es bis ins Jahr 2025 dauern musste, ehe das vielschichtige Werk der fünf in diesen zentralen Zusammenhang gestellt wurde.
In Notes on „Camp“ formuliert Sontag eine ihrer letzten Anmerkungen folgendermaßen: „56. Camp taste is a kind of love, love for human nature. It relishes, rather than judges, the little triumphs and awkward intensities of ,character.‘ […] Camp taste identifies with what is enjoying. People who share this sensibility are not laughing at the thing they label as ,a camp,‘ they’re enjoying it. Camp is a tender feeling.“4
Es ist dieses zärtliche Gefühl, das alles und jede*n in der Ausstellung zu verbinden scheint.

 

 

[1] Susan Sontag, Notes on „Camp“, 1964; https://monoskop.org/images/5/59/Sontag_Susan_1964_Notes_on_Camp.pdf.
[2] Ebd.
[3] Vgl. Achim Hochdörfer: „Deine Abwesenheit ist eine aktive“: John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly in den 50er Jahren“, in: Fünf Freunde: John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly, München: Schirmer/Mosel 2025, S. 36.
[4] Sontag, Notes on „Camp“.