Vorschau



Heft 4/2022

Touch

Nach den Erfahrungen der Lockdowns und des Social Distancing in der Pandemie zeichnet sich in der Gesellschaft vermehrt das Bedürfnis nach Nähe ab. Wie lässt sich Nähe am besten ausdrücken? Im Berühren der Anderen!

Aber: Wenn der Schutz vor Berührung in der Pandemie zum größten Gebot wird, dann werden Begriffe wie körperliche Integrität und Identität neu aufgeladen und gegen offenere, fluide und multiple Konzepte des Selbst in Stellung gebracht, nicht ohne soziale und politische Konsequenzen. Immunität wird zur inneren Grenze, welche jede Gemeinschaft zerschneidet. Empathie kann kaum mehr mit Intimität, Zärtlichkeit und emotionaler Verbindung in Beziehung gebracht werden. Leistung, Wettbewerb, Abschottung und Selbstsorge, zutiefst neoliberale Konzepte, treten an ihre Stelle. Und wenn es um Berührung geht, stehen fast allen die Haare zu Berge.

Hatten nicht schon emanzipatorische Theorien der 1970er-Jahre das Außen nicht als erstarrte Grenze, sondern als eine bewegliche Materie, belebt von peristaltischen Bewegungen, von Falten und Faltungen, die ein Innen bilden, dargestellt? Oder braucht es, um einander wieder berühren zu können, gar ontologische Neuorientierungen? Biopolitische und bioethische Fragen sowie ein kritischer Materialismus zeigen auch Aspekte der Neubewertungen von Berührungen auf. Berühren und Empfinden wären dann das, was die Materie tut, oder besser gesagt, was die Materie ist: eine Verdichtung der Fähigkeit zu reagieren, zu antworten. Schlösse eine solche Neuorientierung des Verhältnisses von Materie und kultureller Repräsentation die vielfältigen Aspekte des Berührens mit ein? Als aktive Teilhabe am Dynamisch-Werden der Welt?

Solchen und ähnlichen Fragen geht springerin in diesem Heft nach. Und der großen Sehnsucht, die sich in vielen Arbeiten von Künstler*innen manifestiert: der nach dem Berühren des Realen.

Erscheinungsdatum: 15. Dezember 2022