Issue 3/2026


Teslocracy

Editorial


In 6.000 Metern Höhe beginnt, was Bergsteiger*innen die „Todeszone“ nennen. In 6.000 Metern Tiefe zeigt sich, im Dunkel der „Midnight Zone“, eine ungeahnte Fülle des Lebens. Diese beiden Eckpunkte vermitteln einen Eindruck davon, was Bruno Latour die „kritische Zone“ nennt: jene hauchdünne Schicht, die sich wie eine zweite Haut um den Planeten legt und in der sich alles irdische Leben abspielt. Im Zeitalter von Erderhitzung und Artensterben drängt die Fragilität dieser Zone immer deutlicher ins Bewusstsein – doch es mangelt nicht an Versuchen, diese Bewusstwerdung abzuwehren: durch Verleugnen und Verharmlosen ebenso wie durch das Versprechen technologischer „Fixes“, durch „Solutionismus“ und „Green Tech“. Wie das Beispiel des Tiefsee-Bergbaus zur Rohstoffgewinnung für die Energiewende zeigt, verschärfen solche Maßnahmen oft gerade jene Probleme, die sie zu lösen vorgeben. Oder, um Bertolt Brecht zu zitieren: „Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen // und schrien sich zu ihre Erfahrungen, // wie man schneller sägen könnte, und fuhren // mit Krachen in die Tiefe, und die ihnen zusahen, // schüttelten die Köpfe beim Sägen und // sägten weiter.“ (Typoskript, um 1935)
Der Umgang mit der Klimakrise als existenzieller Bedrohung setzt längst auch das politische System einem Stresstest aus. Ausgehend von der Tesla-Gigafactory, die vor fünf Jahren vor den Toren Berlins in einem Wasserschutzgebiet errichtet wurde – unter Ausschluss der Öffentlichkeit und in einem beispiellosen Tempo –, spekuliert dieses Heft über die Entstehung einer neuen Machtkonstellation, der „Teslokratie“. Dabei entsteht eine Zone eigenen Rechts, in der andere Regeln gelten sollen als im Rest des Landes. Die neoliberale Begeisterung für das Konzept der Zone speist sich aus der Aussicht auf eine eigene Jurisdiktion, wie zuletzt auch im Kampf der Tesla-Geschäftsführung gegen die IG Metall deutlich wurde, in den sich Elon Musk höchstpersönlich mit Warnungen vor „äußeren Einflüssen“ einschaltete. Auf die Frage einer Journalistin nach dem Wasserverbrauch des Werkes reagierte er mit Gelächter: „Does this look like a desert to you?“ Dabei hat sich die besagte Region längst von einem Land des Überflusses in eine Gegend des akuten Wassermangels verwandelt.
Die in Kooperation mit den Gastredakteuren Christoph Chwatal, Alexander Karschnia und Heimo Lattner entstandene Ausgabe Teslokratie nimmt diese Beobachtung zum Ausgangspunkt einer umfassenderen Diagnose. Ob Energiewende, Digitalisierung oder Raumfahrtvisionen – der Ruf nach Geschwindigkeit und Innovation prägt zunehmend die Welt des Politischen und ihre Entscheidungsprozesse. Sichtbar wird darin ein neues Machtdispositiv: eine autoritär gelenkte Effizienzpolitik mit minimaler Öffentlichkeitsbeteiligung, die sich vor allem technokratisch legitimiert. Inspiriert von anarchokapitalistischen Denkfiguren, etwa von Murray Rothbard oder Curtis Yarvin, ist die Vision, Staaten wie Unternehmen zu führen, mit CEOs statt gewählten Repräsentant*innen, längst zum realpolitischen Programm einflussreicher Tech-Milliardäre geworden. Umso dringlicher stellt sich die Frage, was für eine neue Herrschaftsform sich in diesem Gemisch aus libertären, neofeudalen und autokratischen Zutaten auszubilden beginnt.
Der Begriff der Zone erweist sich dabei als erstaunlich elastisches Gelenkstück. Alexander Karschnia verfolgt seine Spur von den „zones rouges“ des Ersten Weltkriegs über Hakim Beys „Temporäre Autonome Zone“ bis hin zu Steve Bannons Strategie, mediale Öffentlichkeit mit Empörung zu „fluten“ – und zu Elon Musks Griff nach Twitter/X, wo aus der einstigen Ostzonenironie plötzlich eine Art globales Kampffeld wird. Von der Katastrophe über die Utopie zurück zur Katastrophe: Am Ende steht die Frage, ob nicht ein solidarischer Rückzug – „Half Earth Socialism“ – der einzige Ausweg aus dem kosmo-kolonialen Eroberungstraum sein kann.
Wie konkret sich die Teslokratie in einer Kleinstadt manifestiert, rekonstruieren Heimo Lattner und Julia Palmer in ihrem Beitrag Sand. Eine Erörterung. Anhand von Wasserrecht, Grundwasserständen und dem Protokoll einer Bürger*innenanhörung in Grünheide zeigt sich hier, wie eine „teslokratische Beschleunigungslogik“ auf die Eigenzeit natürlicher Systeme trifft, die sich nicht per Genehmigungsverfahren überwinden lässt. Mit Blick auf die Niederlande diskutieren Florian Cramer und Nienke Terpsma, ob der heutige hyperindividualisierte „postmoderne Faschismus“ – von Musk bis Wilders – überhaupt noch Künstler*innen im klassischen Sinn braucht, oder ob Meme-Kultur und Influencer*innen ihnen nicht längst den Rang abgelaufen haben.
Maike Weißpflug wiederum liest Andrei Tarkovskys Stalker (1978/79) als ästhetische Vorahnung einer Welt, die selbst zur unsicheren Zone geworden ist – ein Ort, an dem die Natur intakt scheint, während überall unsichtbar der Tod lauert, und an dem man lernen muss, mit veränderlichen Gesetzen und mit Katastrophen zu leben, die sich, wie die Hitzewellen des Sommers 2026, nicht mehr ankündigen, sondern einfach eintreten. Claus Leggewie schließlich taucht mit Julian Charrières Ausstellung Midnight Zone in die Tiefsee, jene letzte, dem menschlichen Blick entzogene Sphäre, die sich dem extraktivistischen Zugriff durch die Nassbagger der Rohstoffkonzerne (noch) verweigert.
Was die Beiträge dieses Heftes eint, ist der Verdacht, dass die Zone nicht bloß Metapher, sondern de facto Programm ist: ein Raum, in dem die Ausnahme zur Regel wird und Beschleunigung jede Form von Beteiligung ersetzt. Zwischen Todeszone und Midnight Zone, zwischen Grünheide und Mars, fragt Teslokratie nach ästhetischen und bildpolitischen Ansätzen, mit denen sich vonseiten der Kunst und visuellen Kultur auf die aktuelle Transformation demokratischer Öffentlichkeit reagieren lässt. Und ob dabei etwas anderes übrig bleibt als das Kopfschütteln jener, die ihr Sägen für bloßes Zuschauen halten.