Heft 3/1999 - Artscribe


Andreas Siekmann: Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung

7. August 1999 bis 19. September 1999
Portikus / Frankfurt am Main

Text: Klaus Ronneberger


Angesichts der Ereignisse im Mai 1968 in Paris und auch anderswo kommt der französische Philosoph Henri Lefebvre zu der Ansicht, dass es sich bei der Revolte um eine »Kulturrevolution« handle: Habe bislang im Kapitalismus das Ökonomische eine vorherrschende Rolle gespielt, so komme nun der Alltäglichkeit diese Bedeutung zu. »Sie dominiert, sie resultiert aus einer globalen (ökonomischen, politischen, kulturellen) Klassenstrategie. Dieses Niveau muss man angreifen durch Parolen, durch die Parolen einer kulturellen Revolution mit ökonomischen und politischen Implikationen.« Für Lefebvre richtet sich die Kulturrevolution gegen die Fiktion einer institutionalisierten Kultur, einer Kultur, die vom Alltag entfernt ist und nur noch rezipiert beziehungsweise konsumiert wird. Indem die Kritik am Alltagsleben aufzeigt, wie die Menschen leben, erhebt sie zugleich Anklage gegen die Strategien, aus denen dieser Alltag erwächst, und legt die Willkür der herrschenden Ordnung bloß.

Genau dies versucht Andreas Siekmann mit einer Serie von Zeichnungen herauszuarbeiten, die unter dem Titel »Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung« im Frankfurter Portikus ausgestellt waren. Auf schlichten Holztischen liegen mehr als 200 Bilder im DIN-A4-Format aneinandergereiht, die mit Wasserfarben, Bunt- und Filzstiften ausgeführt sind und deren illustrativer, comichafter Stil sich unter anderem auf die Tradition sozialistischer Künstlergruppen der zwanziger Jahre bezieht. Stets geht es um die kritische Dekonstruktion realer oder imaginärer postfordistischer Lebenswelten. Die Erzählsequenzen enthaltenden Darstellungen reichen von der sozialen Degradierung am Arbeitsamt über die Kommerzialisierung der City bis hin zu Event-Strategien der Kommunikationsökonomie. Auf vielen Bildern tummeln sich verknautschte Blue Jeans, die für die kollektiv gelebte beziehungsweise erlittene Alltäglichkeit stehen und zugleich Ausbruchs- und Freiheitsphantasien der Individuen symbolisieren. Was der sozialwissenschaftliche Diskurs unter Begriffen wie »Fragmentierung« oder »flexible Normalisierung« als gegenwärtige Dynamik des Kapitalismus abstrakt zu umschreiben versucht, erhält in den Zeichnungen von Andreas Siekmann eine instruktive Anschaulichkeit. Nicht nur durch die Form der piktogrammartigen Stilisierung, sondern auch durch Diskontinuitäten und Brüche, die zwischen einzelnen Serien bestehen. Die postfordistische Vergesellschaftung untergräbt lineare Biografien und produziert heterogene Handlungsfelder. Widersprüchlichkeiten, die sich damit für die Individuen und Kollektive auftun, löst Andreas Siekmann nicht auf eine universelle Determinante hin auf. Der Künstler breitet zwar die Normalisierungs- und Entfremdungseffekte der Kulturindustrie in all ihren Verästelungen und paranoiden Verstrickungen aus, dennoch werden die Menschen nicht ausschließlich als konforme und verblendete Masse vorgestellt. Den Manchesterhosen haftet in manchen Bildern durchaus etwas Subversives an. Subjektivität scheint sich nicht völlig zur Ressource postfordistischer Verwertungsprozesse instrumentalisieren zu lassen.

Die Parteilichkeit und die (scheinbare) Eindeutigkeit vieler Zeichnungen nahm ein Kulturkritiker der »Frankfurter Rundschau« zum Anlass, um diese künstlerische Form der Gesellschaftskritik als »Volkspädagogik« und »Sozial-Klamotte« zu denunzieren. Wahrscheinlich als später Konvertit noch völlig dem postmodernen Diktum vom »Ende des Sozialen« ergeben, übersah dieser Autor, mit wie viel ironischen Anspielungen und Metaebenen Andreas Siekmann den Krümmungen und Windungen der postfordistischen Alltäglichkeit nachgeht. Dabei wird insbesondere deutlich, welche herausragende Bedeutung der Konsum von Signifikanten für die Konstitution postfordistischer Mentalitäten spielt. Die Kontrolle über Bilder und deren mögliche Bedeutungen entwickelt sich deshalb zu einem zentralen Machtdispositiv gegenwärtiger Herrschaftsverhältnisse. Dem Euphemismus neoliberaler Ideologien setzt der Künstler kritische Bilderserien entgegen, die lesbar sind, aber dennoch keine schlichte Illustration einer gesellschaftspolitischen Theorie darstellen.

Aus aktuellem Anlass reflektieren einige der Arbeiten das Megaprojekt der Deutschen Bank auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in Frankfurt. Zur völligen Überraschung von Parlament und Verwaltung, die nach einem mühseligen, mehr als zwei Jahre dauernden Abstimmungsprozess für dieses Areal die Errichtung eines »Urban Entertainment Centers« geplant hatten, präsentierte das globale Finanzunternehmen dem verdutzten Magistrat das Modell einer »Erlebnisstadt«, das in seiner Größenordnung die Dimensionen am Berliner Potsdamer Platz um einiges übersteigen würde. Der Bankenvorstand begründete die imperiale Vorgehensweise damit, dass man sich einen solch großen Wurf nicht schon im Vorfeld durch öffentliche Debatten zerreden lassen wolle. Eine Geschichte, wie man sie eigentlich nur aus den alten Agitproplegenden kennt.