Heft 4/2002 - Netzteil


Japan, Japan ...

Über österreichisch-japanische Beziehungen im Electronica-Bereich

Christian Höller


Nachts um vier in einer Tokioter U-Bahn-Station: Die Kamera gleitet im Takt der leicht verträumten, ansatzweise »chilligen« Musik an müden Gesichtern entlang. Teils bereits eingenickt, teils noch aufgewühlt - ein Hinweis auf den zuvor stattgefundenen Rave -, halten die anonymen Jugendlichen dem seriell sich vorarbeiteten Kamerablick stand. Keine besondere Aufmerksamkeit, auch kein Posieren, durchbricht das kleine, sehr persönlich gehaltene »Stationendrama«. Denn jedes Mal, wenn ein neues Gesicht im Sucher auftaucht, poppt ein Fenster auf, in dem nach außen gestülpte Innenwelten sichtbar werden: Träume von Meeresstränden, von geliebten bzw. gehassten Menschen oder einfach nur vom bald aufsperrenden Fischmarkt. Oder sind es bloß nach innen projizierte Außenwelten, die ein touristischer Blick im detailreichen Tokioter Straßen- und Alltagsleben eingefangen hat?

Das Video, das Mathias Gmachl, Mitglied der Electronica-Gruppen Farmers Manual und GCTTCATT für die japanische Musikerin Noriko Tujiko gedreht hat, arbeitet mit solchen Außen-Innen-Verschachtelungen an zentraler Stelle. Die immer neuen Mikrowelten, die individuell auf die übernächtigen Gesichter zugeschnitten sind bzw. maschinell aus diesen hervortreten, lassen nach und nach den Kosmos der sie umgebenden Welt erkennen. Ein durch und durch nicht-orientalistischer Blick, der sich lieber in alltäglichen Beiläufigkeiten (und im nächtlichen U-Bahn-Schacht) verliert als dass er mit schmackhaften Exotismen aufwarten würde. Und auch wenn sich am Ende ein japanischer Lebensmittelmarkt flächendeckend ausbreitet, so bleibt der visuelle Zugang doch weit entfernt von jeder konsumistischen Einverleibung.

Auch das Wiener Label Mego, das mittlerweile bereits die zweite CD von Noriko Tujiko herausgebracht hat, pflegt den nicht-spekulativen, gänzlich »untouristischen« Umgang mit den Sound-Universen Japans. Tujikos erste Veröffentlichung, »Shojo Toshi« (2001), überraschte noch durch völlig Mego-untypische Poppigkeit, ohne gleichzeitig dem Klischeebild Japan = schriller Computerkitsch zu verfallen. Auf der aktuellen Release »Hard Ni Sasete (Make Me Hard)« (2002) sind Piano-Loops, zart hingetupfte Beats, allerlei Klangverzerrungen und Vokaleskapismen in einen noch unverkennbareren Melodik-Mix gegossen. Alleine die mitgelieferten Bilderwelten, gestaltet von Tujikos eigenem Designteam namens SlideLab, sprechen eine programmatische Sprache: Fanden sich auf »Shojo Toshi« noch ein auf einem Hochhaus thronender Soldat und der Wunderland-Topos Magic Mushrooms einander gegenübergestellt, so verdichtet sich das Bildrepertoire auf »Make Me Hard« zu einer zusammenhängen Collagelandschaft aus Kameramann, Strand, Auto, Kussmund und einem Porträt der Künstlerin. Gänzlich unexotische Stereotype, die sich durch die unaufgeregte Ineinssetzung beinahe wieder in ihr Gegenteil verkehren. Differenz, die aus einer farbenfroh zelebrierten Alltäglichkeit erwächst und nicht aus irgendeinem Zustand »far out«.

Wie leicht diese Selbstverständlichkeit immer noch als Hang zum Exotischen missverstanden werden kann, lässt sich am Beispiel einer anderen, kürzlich erschienenen Mego-Release ablesen. Masami Akita - bekannt auch als altgedienter Lärm-Großmeister Merzbow - lieferte selbst die Vorlagen für die Covergestaltung seiner CD »A Taste of ... Merzbow« (2002): handgezeichnete Illustrationen von Fischspeisen aus alten japanischen Bilderbüchern, die von der Gestalterin Tina Frank zu digital überformten Menükärtlein umgestaltet wurden. Die Tracks und deren Einzelteile, die allesamt nach Fischgerichten benannt sind, bekommen damit eine zur Musik kontrapunktische, visuelle Schraffur - unkoloriert, versteht sich; das optisch gedimmte Kulinarium der japanischen Küche tarnt das elektronische Sperrfeuer der Merzbow'schen Radikalabstraktion. Bereits vor fünf Jahren hatte eine kleine Elite der Noise-Szene rund um Masami Akita einen knappen Vorgeschmack auf ihre brachialen Kochgelüste gegeben. Titel der damaligen Verhackstückung: »Ich Schnitt Mich In Den Finger« (1997).

Musikalisch »verführerischer« verläuft da schon der Japan-Transfer, den das Wiener Label Cheap Records initiierte. Mit Take Rodriguez pickte man sich aus der vielgestaltigen und oft verschroben abstrakten Electronica-Szene Japans gezielt einen jener Musiker heraus, der - als einer der umtriebigsten seines Faches - mit allerlei Exotismus-Images virtuos zu hantieren versteht. Dies beginnt schon beim Titel der Cheap-Veröffentlichung, »Prince of Mambo Breaks« (2000), die Rodriguez mit seinem »Exotic Arkestra« einspielte. Als hypertrophes DJ-Unternehmen setzt er zu einer computerisierten Welttournee durch allerlei virtuelle World Music-Territorien an, die in Folge auch gründlich durcheinander geraten: »Mecca Salsa«, »Revcarib«, »Hali Hali« heißen die mit viel Überschwang gemorphten Gegen-Geografien, und immer wieder sind es Mambo-Rhythmen sowie überdrehte Dub-Fantasien, die Rodriguez auf seinen zahlreichen anderen Veröffentlichungen (etwa Sonic Plate) genüsslich vorexerziert. Neben Verbindungen zu Sonic Plate sind es neuerdings auch jene zum Tokioter Label Sound of Speed, welche von Cheap verstärkt gepflogen werden. Eine österreichische Parallelpräsentation der aktuellen CD »Live Ring« von kossio (Kuniyuki Takahashi), eines nicht uncharmanten Dark Electro-/ Ambient-Werkes der Tokioter Schule, fand zuletzt in den Räumen des quartier 21 im Wiener Museumsquartier, wo Cheap einen kleinen Laden betreibt, statt.

Aber nicht bloß der Transfer von Japan nach Österreich, ob gestalterisch oder release-mäßig, hat sich in den letzten Jahren intensiviert, auch der umgekehrte Weg wurde immer wieder beschritten. So waren etwa GrafikdesignerInnen wie lia oder dextro vereinzelt auf der japanischen CD-ROM-Reihe »Gas Book« vertreten. Dazu stehen immer wieder Festival- und Ausstellungseinladungen - vor allem für VertreterInnen aus dem Mego- bzw. dem Experimental-Electronica-Umfeld - ins Haus. Zuletzt hat etwa das Label Gasweb Tina Frank eingeladen, für seine DVD-Reihe einen Sampler von eigenen Video- und Grafikarbeiten zusammenzustellen. »Fuzzy Motion: Pictures Without Legs 1995 - 2002« enthält im Nonstop-Durchlauf eine Auswahl von Franks Musikvideoarbeiten - etwa für General Magic, Pita oder Fennesz (für letzteren das mittlerweile schon klassische »Aus«) - sowie Coverdesigns und kurze, eingestreute Sketches: aus der Desktop-Werkstatt direkt in das Video-Interface gespeist. Herausragend dabei das Stück »end of skot« (2000): Das von oben aufgenommene Foto eines toten Mädchens wird so lange mit digitalen Signalfarbschichten zu »animieren« versucht - während sich die Musik (von skot vs. hecker) gleichzeitig zu immer neuen Spasmen verdichtet -, bis das Bild buchstäblich zu zerfallen beginnt und schlussendlich in seine geometrischen Partikeln zerspringt. Abermals: ein reduzierter, nicht-sensationalistischer Bildzugang, der - auch abseits von größeren interkulturellen Transfers - im kleinstmöglichen Rahmen größtmögliche Dichte einfängt.