Heft 4/2013 - Netzteil


NetzarbeiterInnen vereinigt euch!

Neue Formen gegenseitiger Unterstützung und kollektiver Verhandlungen

Trebor Scholz


Wenn Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft heutzutage von der „Sharing Economy“ reden, ist damit eigentlich digitale Arbeit gemeint, die häufig von Druck und Ausbeutung gekennzeichnet ist. Bei digitaler Arbeit geht es um die Datenproduktion für Überwachungsprojekte mit Codenamen wie PRISM und Boundless Informer, wie sie die National Security Agency betreibt, aber auch um den Profit von Unternehmen wie Facebook/Google/Twitter.
Außerdem gibt es da noch die stetig wachsende Crowdsourcing-Branche, die 2012 mindestens zehn Millionen Arbeitskräfte zählte. Hinzu kommen 42 Millionen amerikanische FreiberuflerInnen und die 20.000 ArbeiterInnen in Japan, die jedes Jahr durch Karoshi und Karojisatsu sterben. Karojisatsu ist durch übermäßigen Stress verursachter Selbstmord, und Karoshi bedeutet Tod durch Überarbeitung.
Wir alle sind heutzutage arbeitslos auf Bewährung, und die Sorge um Karriere und Arbeitsplatz vereint alle Generationen. Wenn wir eine Chance haben wollen, diese neuen Arbeitspraktiken zu ändern, müssen wir sie zunächst ganz genau studieren. Digitale Arbeit gehört zum Alltag von Millionen Menschen weltweit, doch möchte ich hier nur auf einen kleinen Aspekt eingehen, und zwar auf „AMT“.
Amazon Mechanical Turk ist ein Online-Crowdsourcing-System, das vor acht Jahren für das Arbeitsmanagement von Unternehmen entwickelt wurde. Der Name geht zurück auf einen Apparat aus dem 18. Jahrhundert, in dessen System ein Mensch versteckt war. In einer kompakten Holzkiste verborgen befand sich ein klein gewachsener Schachspieler, der die mechanischen Hände einer Türkenfigur bediente. In Europa erfreute sich der Automat großer Beliebtheit; zu seinen BewundererInnen gehörten Charles Babbage und Edgar Allen Poe.
Mittlerweile verwaltet Amazon Mechanical Turk über 500.000 registrierte Arbeitskräfte, von denen 50 Prozent in den Vereinigten Staaten und etwa 32 Prozent in Indien leben. Gebetsmühlenartig wird dabei mit der Flexibilität argumentiert, die stets sehr gelegen kommt, wenn es um irgendeine Art von freiberuflicher Arbeit geht. AMT-Beschäftigte wissen häufig nicht, woran sie gerade arbeiten, sie besitzen keinerlei Informationen über die Identität des Unternehmens, für das sie arbeiten, und haben natürlich auch keinen Kontakt zu den anderen Arbeitskräften.
18 Prozent der Mechanical-Turk-MitarbeiterInnen versuchen, ihren gesamten Lebensunterhalt über den Dienst zu bestreiten. Dies ist jedoch praktisch unmöglich, da selbst erfahrene Arbeitskräfte im Allgemeinen nicht mehr als 2 US-Dollar pro Stunde verdienen, ein Verdienst, der auch dem aktuellen Stundensatz von Unternehmen wie CrowdSPRING und vielen anderen entspricht.
Obwohl diese rein mechanische, repetitive und potenziell ausbeuterische Arbeit von Amazon choreografiert wird, beharrt das Unternehmen auf seiner Position als neutrale dritte Partei, die sich in etwaige Arbeitsstreitigkeiten auf der Website nicht einmische.1
Wie funktioniert AMT? Nun, Mechanical Turk macht es möglich, Aufgaben in viele Tausend Einzelaufgaben zu zerlegen. Zu den typischen Arbeitsaufgaben gehören die Kennzeichnung und Beschriftung von Bildern, die Transkription von Audio- und Videoaufzeichnungen oder auch die Beschreibung und Kategorisierung von Produkten. Einige WissenschaftlerInnen nutzen das System auch für sozialwissenschaftliche Umfragen.
Stellen Sie sich vor, Sie müssten eine kleine Änderung an 4.000 Bildern vornehmen, und diese spezielle Änderung ließe sich in Photoshop nicht automatisieren. Wenn Sie mit dieser Aufgabe eine einzelne Arbeitskraft beauftragen würden, wäre dies weitaus kostspieliger, als 1.000 Turk-MitarbeiterInnen anzuweisen, jeweils vier Bilder zu ändern, und ihnen dafür zwei Cent pro Auftrag zu zahlen. Arbeit wird also neu organisiert – gegen die ArbeiterInnen.
Felix Stalder stellte kürzlich in einer programmatischen Rede zur digitalen Solidarität eine Verbindung her zwischen Formen digitaler Solidarität und Sharing-Praktiken, die er in Fällen wie Wikipedia als produktiv und nachhaltig beschrieb. Demnach versteht sich Sharing als Beitrag zur Existenz verschiedener institutioneller Formen, die „dem Gemeinsamen“ (Commons) zugeordnet werden. Weitere Themen dieser auch in Foren wie Netzpolitik.org stattfindenden Diskussion über Netzwerkkulturen sind offene Standards, digitale Rechte, freie Software, „die Politik hinter den Kulissen von Google“, Googles „Downranking“-Praktiken sowie der Kampf gegen Post-Privacy-IdeologInnen, die behaupten, Datenschutz sei nicht länger erforderlich. Ich würde diese Idee der digitalen Solidarität gern über das Sharing hinaus auf andere Bereiche erweitern und den Schwerpunkt auf die digitale Arbeit legen, die in diesem Kontext selten thematisiert wird.
Nicht zuletzt wegen der vor sieben Jahren einsetzenden globalen Rezession sind die Bereiche, in denen digitale Arbeit zum Einsatz kommt, wirtschaftlich sehr erfolgreich. Crowdsourcing-Plattformen knüpfen an die Versuche von Taylor und Ford an, um Produktionsprozesse möglichst effektiv zu gestalten, nur dass heute keiner darüber nachdenkt, ob sich die ArbeiterInnen das, was sie produzieren, auch selbst leisten können. Die Unternehmen, die diese Plattformen betreiben, setzen damit fort, was Thatcher und Reagan begonnen haben, als sie den Kampfgeist gewerkschaftlich organisierter FluglotsInnen und Bergleute brachen.
ArbeitgeberInnen erhalten die ganze Arbeit sozusagen ohne die ArbeiterInnen, wie Alex Rivera in seinem Film Sleep Dealer zeigte. Keine Verpflichtungen, keine Fürsorgepflicht für die ArbeiterInnen, lediglich ein Überangebot weltweit rund um die Uhr verfügbarer Arbeitskräfte.
Digitale Arbeit und besonders Crowdsourcing haben organisierte Arbeit auf den Stand der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgeworfen, als die 80-Stunden-Woche die Norm war. Digitale Arbeit hat sich über hart erkämpfte Errungenschaften wie Mindestlöhne, Krankenversicherungsbeiträge seitens der ArbeitgeberInnen, bezahlten Urlaub und das Verbot der Kinderarbeit hinweggesetzt. Demgegenüber unterliegt digitale Arbeit, die im Rahmen der Peer-Produktion erfolgt, häufig anderen Gesetzmäßigkeiten.
Gewerkschaften, organisierte Netzwerke oder Vereinigungen sind wichtig, weil sie sich für die Anwendung und Durchsetzung des US-Arbeitsrechts im Online-Bereich einsetzen und dadurch wiederum ganze Industriezweige verändern könnten, die von Online-Arbeit profitieren. Änderungen am US-Arbeitsrecht könnten auch globale Auswirkungen haben, da Google/Amazon/etc. für das Gros der digitalen Arbeit verantwortlich zeichnen. Gewerkschaften könnten ArbeiterInnen über ihre Rechte informieren, für ein ökologisch nachhaltigeres Arbeitsumfeld kämpfen, den Status als „selbstständige AuftragnehmerInnen“ durch konzertierte Kampagnen zur Diskussion stellen sowie Ungerechtigkeiten dokumentieren und öffentlich machen. Damit Gewerkschaften für diese bereits sehr große und weiter wachsende ArbeiterInnenschaft interessant werden, müssten sie sich jedoch komplett neu strukturieren und auf einige Schwierigkeiten vorbereiten, von denen hier nur einige genannt werden sollen.
Eines der größten Probleme für Gewerkschaften ist die Anonymität der ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen, denn ohne Zugang zu den ArbeitnehmerInnen können sie keine Initiativen zur Selbstorganisation starten. Es herrschen andere Zeiten als in Die Faust im Nacken; heutzutage wäre Marlon Brando alias Terry Malloy auf Facebook. Natürlich könnten Foxconn-ArbeiterInnen Facebook, Qzone und RenRen nutzen, um andere ArbeiterInnen in Shenzhen über Gewerkschaftsinitiativen zu informieren, doch wäre es nicht sicher, sich auf diesen Plattformen zu organisieren.
Früher standen kapitalistische EigentümerInnen auf der einen und die Masse der ArbeiterInnen, häufig vertreten durch die Gewerkschaft, auf der anderen Seite. Heutzutage gibt es anonyme Einzelpersonen, denen in einigen Fällen anonyme ArbeitgeberInnen gegenüberstehen. Gewerkschaften können ArbeiterInnen nicht einfach durch kollektive Verhandlungen mit einzelnen Firmen vertreten, da die ArbeiterInnen Verträge mit mehreren Unternehmen gleichzeitig haben.
Eine weitere Schwierigkeit ist die Größe. ODesk und Elance managen beispielsweise zwischen 2,5 und 3 Millionen stark individualisierte MitarbeiterInnen. Hier ließe sich hinzufügen, dass die Automatisierung, das Ersetzen von ArbeiterInnen durch Maschinen, eine weitere ernsthafte Gefahr für die gewerkschaftliche Organisation darstellt. Man denke nur an Amazon.com, das mit dem Erwerb des Roboterherstellers KIVA Systems bereits den Weg für den Austausch seiner LagermitarbeiterInnen bereitet hat.
Die Identität stellt ein weiteres Problem dar. Ähnlich wie FahrradkurierInnen oder MitarbeiterInnen eines Fast-Food-Restaurants klinken sich einige digitale ArbeiterInnen unter Umständen nur für fünf Stunden die Woche in den Arbeitsprozess ein und betrachten sich womöglich gar nicht als ArbeiterInnen. Ross Perlin, Professor an der New York University, hebt hervor, dass der Vollzeitpraktikant sich vielleicht weiterhin als Student begreift. Er sieht sich möglicherweise gar nicht als Arbeiter, sondern betrachtet die Arbeit lediglich als vorübergehende Beschäftigung. Aktuelle Bemühungen, Beschäftigte in der Fast-Food-Branche in den gesamten Vereinigten Staaten gewerkschaftlich zu organisieren, stoßen auf ähnliche Schwierigkeiten.
Bei Amazon Mechanical Turk werden manche Leute erst nach ihrer eigentlichen Arbeit aktiv; sie erledigen digitale Arbeit, anstatt fernzuschauen oder Videospiele zu spielen. Sie betrachten diese Tätigkeit nicht als Arbeit. Die Grenzen zwischen Arbeit/Spiel, Arbeit/Konsum, Arbeit/Unterhaltung und Arbeit/Freizeit sind bis zur Unkenntlichkeit verschwommen. Die Arbeit bei AMT bietet außerdem eine Möglichkeit, sich als Teil einer techno-utopischen Saga grenzenloser Freiheit à la John Wayne zu fühlen; sie gilt als cool. So sieht es im 21. Jahrhundert aus, wenn Tom Sawyer den Zaun streicht. Warum Gewerkschaftsvertretung fordern? Ist doch alles total coooool.
Zu guter Letzt scheint es für ArbeiterInnen angesichts einer transnational verteilten ArbeiterInnenschaft schwer zu sein, die rechtliche Anerkennung als „Interessengemeinschaft“ zu erlangen, die dann als Verhandlungspartei fungieren könnte. Zuletzt wurde ein derartiger Fall im Jahr 1995 vor einem US-amerikanischen Gericht verhandelt. Ursula Huws berichtet von erfolgreichen Initiativen zur gewerkschaftlichen Organisation von „E-Workern“ in der Karibik und in Brasilien, die jedoch stets auf die nationale Ebene beschränkt blieben.2 Nationale Gewerkschaften für Mechanical-Turk-Beschäftigte in Indien und den Vereinigten Staaten wären vielleicht ein erster möglicher Schritt.
Schließlich gab es bereits Fälle, in denen Gewerkschaften ähnlich schwierige Situationen gemeistert haben. Anfang der 1960er-Jahre war César Chávez an der Gründung der späteren United Farm Workers Union (UFW) beteiligt, die sich für die Interessen der WanderarbeiterInnen in der Landwirtschaft einsetzte und mit ihnen von Feld zu Feld zog. Unter der Führung von Chávez organisierte die UFW Verbraucherboykotte gegen Weintrauben und Salat aus nicht gewerkschaftlicher Produktion, was nach einigen Jahren schließlich dazu führte, dass diese WanderarbeiterInnen höhere Löhne erhielten. Dies ist von historischer Bedeutung, wurde die Organisation von WanderarbeiterInnen doch als vollkommen unmöglich erachtet.
Auch die gewerkschaftliche Organisation von Walmart-MitarbeiterInnen galt zunächst als unmöglich, und doch waren im letzten Jahr in diesem Sektor deutlich mehr Anstrengungen erkennbar. Für die gewerkschaftliche Organisation von „GoldfarmerInnen“3 spielt Cory Doctorow in seinem Buch For the Win ein erfolgreiches Szenario durch. Außerdem war da noch der große Sieg von 2012, als der Stop Online Piracy Act – kurz SOPA – abgewiesen wurde, zumindest bis auf Weiteres, nachdem Google und Wikipedia und unzählige andere ihre Websites am 18. Januar 2012 schwarz geschaltet hatten und SenatorInnen Millionen von E-Mails, Telefonanrufe, Briefe etc. bekamen. Den Abgeordneten wurde plötzlich klar, dass SOPA sich womöglich auf die Wahlen auswirken konnte.
Bisher ist die Crowdsourcing-Industrie vom Widerstand der ArbeiterInnen weitgehend verschont geblieben, doch regt sich erster Widerstand in Form von Turkopticon.4 Dies ist ein webbasiertes Design-Interventions-Tool, das bereits von über 7.000 Mechanical-Turk-MitarbeiterInnen verwendet wird. Technisch gesehen handelt es sich bei Turkopticon schlicht um eine Browsererweiterung für Firefox und Chrome. Das von Lily Irany und Six Silverman entwickelte System ermöglicht es den ArbeitnehmerInnen, sich auszutauschen und zu bewerten, wie sich ihre ArbeitgeberInnen bei der Kommunikation in Sachen MitarbeiterInnenschaft, Fairness bei den Honoraren und ihrem Recht, getane Arbeit abzulehnen, verhalten. Die EntwicklerInnen von Turkopticon bestehen darauf, dass ArbeitgeberInnen verpflichtet sein sollten, die Ablehnung bereits durchgeführter Arbeiten zu begründen. Auf der Startseite führen Silverman und Irany an, dass Turkopticon den Menschen in der „Crowd“ helfe, aufeinander zu achten, da dies offenbar niemand anders tue.
Zwar gibt es schon länger Online-Hubs, also zentrale Anlaufstellen wie Turker Nation und MTurkforum, doch bewirkt Turkopticon tatsächlich eine Änderung der Situation der ArbeiterInnen, die sich nicht länger mit anonymen ArbeitgeberInnen konfrontiert sehen, sondern sich jetzt mit anderen Betroffenen austauschen können, etwa um sich abzustimmen, Empfehlungen zu machen, sich zu beschweren oder vielleicht auch den Boykott eines bestimmten Unternehmens zu beschließen. Das Tool soll dazu beitragen, dass Unternehmen ihr Verhalten verbessern, und für mehr Aufmerksamkeit seitens der Presse sorgen.
Vielleicht lassen sich über Turkopticon unsere Handlungsfähigkeiten ausbauen, um aus der Sackgasse, in der sich die digitale Arbeit derzeit befindet, wieder herauszufinden. Ein historisches Pendant dazu findet sich in der Geschichte der deutschen Wanderleute, die Informationen über die Unternehmen weitergaben, bei denen sie gearbeitet hatten.
Die Entscheidung liegt auf der Hand: Entweder man wartet darauf, dass sich eine Bewegung der immateriellen ArbeiterInnen bildet, oder man hilft, Koalitionen zu schaffen, die dazu beitragen, kollektive Bedürfnisse zu erfüllen. Wobei klar ist, dass digitale Solidarität und gegenseitige Unterstützung ohne Empörung, Konflikt und Protest keine nennenswerten Fortschritte machen werden.

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Anja Schulte

Der Text basiert auf einem Vortrag, der im Juni 2013 bei der Tagung Shared Digital Futures, veranstaltet vom World-Information Institute, gehalten wurde; www.world-information.net. Der Sammelband Digital Labor, herausgegeben von Trebor Scholz (scholzt@newschool.edu), ist 2012 bei Routledge erschienen.

 

Übersetzt von Anja Schulte

 

1 Bereits 1994, als Jeff Bezos Amazon gründete, beschrieb er das Unternehmen als „System zur Bedauernsminimierung, um zu verhindern, dass man es im späteren Leben bereut, nicht seinen Anteil am Internet-Goldrausch eingefordert zu haben“ (zitiert bei Joab Jackson, Google: 129 Million Different Books Have Been Published, in: PCWorld, August 2010).
2 Vgl. Ursula Huws/Colin Leys, The Making of a Cybertariat: Virtual Work in a Real World. New York 2003.
3 GoldfarmerInnen sind meist in China oder Indien lebende SpielerInnen, die in Online-Rollenspielen Spielwährung ansammeln oder den Status eines Avatars verbessern, um diesen dann zu verkaufen.
4 http://turkopticon.differenceengines.com/