Bridge Club habe ich parallel zu den Plakatentwürfen für die Konferenz „Krise als Form“ hergestellt. Man kann die Grafiken auch upside down anschauen, es sind Palindrome mit mehreren verdoppelten Fotos von Personen. In diesen Einheiten ist das Ausgangsmotiv dupliziert und jeweils vertikal sowie horizontal gespiegelt und dann am Anschnitt der Arme oder Hände aneinandergekoppelt. Das Prinzip ist dem der französischen Spielkarte abgeschaut. In solchen Denkerposen, auf denen die Hand förmlich „ins Spiel“ kommt, scheint mir ein Rest der „romantischen Ironie“ gegenwärtig zu sein. In einem kürzlich veröffentlichten Gespräch mit Helmut Draxler ist von „konstitutivem Subjektivismus“ als Chance für die Thematisierung von Produktions- und Reproduktionsbedingungen die Rede.1 Von hier aus war es für mich nicht weit zu einer möglichen Rückkoppelung dieses Ansatzes an Schlegels „Selbstschöpfung und Selbstvernichtung“ und einer Expedition in die Welt der faces gestern, heute und morgen.
Ich fand Beispiele nicht nur in der Malerei und der Fotografie. Im Sinne von Sándor Ferenczis These über den „Flatus als Privileg der Erwachsenen“ ist hier auch die patriarchalische Ermahnung des Kindes zu nennen, die Hand aus dem Gesicht zu nehmen. Ironischerweise (im Sinn der „objektiven Ironie“) ermahnen vorzugsweise jene Eltern, die einen Moment später mit der Hand an der Stirn dem Kind das Zeichen geben, nicht gestört werden zu wollen. Die Hand im Gesicht ist in dem einen Fall eine Unart, die zum Nasenbohren führen könnte, im anderen eine legitimierte Unverschämtheit. Als Pose in einer Fotografie drückt sich eine – wohlfeile – Distinguiertheit der zum Denken Berufenen und selbst in der Öffentlichkeit zur Kontemplation Berechtigten aus. Dies kann elitär oder jovial, nicht aber „revolutionär“ oder „ordinär“ sein. Doch auch die Umwertung solcher Attribute goes on and on.
Frühe Porträts dieser Art stammen von Arthur Schopenhauer, von George Sand 1855, zeitgleich mit dem Selbstporträt von Lewis Carroll im Alter von 23 Jahren, von Nietzsche 1882 usw. Bei Schopenhauer, mit dem die „Denkerstirn“ emblematisch geworden sein dürfte, ist es eine theatralische Geste, mit zur Seite geneigtem, aufgestütztem Kopf und geschwollenen Stirnadern, en face von unten beinahe verheult heraufblickend, während es bei Lewis Carroll eine coole intime Szene ist, die er in seinem eigenen Fotostudio aufgebaut hat, um sich en profil hineinzukomponieren.
Es sind Minikrisen, die in diesen frühen, leicht melancholischen Fotografien zum Klingen gebracht werden. Nachdenklichkeit, Zweifel und Nahbarkeit sind signalartig eingesetzt, um den steifen, distanzierten Modus aus der Anfangszeit der Fotografie mit ihren langen Belichtungszeiten zugunsten der Wahrhaftigkeit zu überwinden. Es scheint eine ethische und ästhetisierte Repräsentationskrise im Spiel gewesen zu sein, die mit der Geburtsstunde der Fotografie einhergeht. Erst später wird der der Malerei entlehnte neue Modus zu einer Sprache. Aber schon die Porträtmalerei machte Anleihen bei den Melancholiedarstellungen seit der Renaissance, etwa beim Porträt Schillers, wofür dieser fünf Jahre sitzen musste. Eines der Selbstporträts von Gustav Courbet, Le Désespéré, stellt eine Brücke zu Schopenhauers krisenverliebter Selbstinszenierung in der Daguerreotypie vom 3. September 1852 dar.
Innerhalb des Paradoxons von Vollendetheit (etwa in der Beleuchtung) und Unvollendetheit (in der Pose) kommt der jeder Autorschaft inhärente Übergang von Reden und Schweigen, Schreiben und Verstummen, von Position zu Persönlichkeit, von Werk zu Biografie, von Sujet zu Subjekt quasi zur Aufführung. Wenn in einer meiner Grafiken Deleuze auftaucht (zusammen mit Paul Valéry, Hubert Fichte, Anna Freud, Hannah Arendt, Gertrude Stein, Amy Sillman, Jutta Koether und Emilio López-Menchero „trying to be Andre Cadere“), dann scheint mir Deleuzes Haltung doch etwas anderes zu sein, weil sie weniger formelhaft ist als zum Beispiel die von Ulrike Meinhof als sehr junge Redakteurin oder eben Thomas Bernhard im Suhrkamp-Fotostudio. Meinhof benimmt sich noch, Deleuze lümmelt schon. Man sagte mir, Quentin Meillassoux würde so posieren. Ich fand das nicht bestätigt, ich bin nur auf ein entsprechendes Bild von Žižek gestoßen.
Die jüngsten der in den Grafiken verwendeten Porträts zeigen Amy Sillman, Katharina Sieverding und Christiane Rösinger. Deren Haltungen auf den Fotos sind eher flüchtig, es sind quasi Handyfotos. Die Suche nach brauchbarem zeitgenössischen Material für meine Experimente (denn nicht jedes Porträt mit Hand funktioniert) dauerte lange und war nicht sehr ergiebig. Ich fand mehr Frauen und mehr „Nicht-Kritiker“. Rainald Goetz, den ich nicht auslassen wollte, fasst sich konzentrationsfördernd an die Stirn. Umgekehrt lassen sich kaum Fotos von Melanie Klein und von Henri-Frédéric Amiel finden, auf denen der Kopf nicht abgestützt wird. Heute mögen die Gründe für looks and gestures höchst unterschiedlich sein, und wir sollten uns deshalb eher an „die Texte“ halten.
Die Arbeiten sind von Mai bis August 2017 im Rahmen der Ausstellung „Gemeinschaftsarbeiten / Society Pieces“ im Badischen Kunstverein Karlsruhe zu sehen.
[1] Eine Ethik der Demobilisierung. Ein Gespräch mit Helmut Draxler, in: Sex muss sterben #4. Ein Magazin von Sebastian Stein und Stephan Janitzky, Sommer 2016.