Heft 2/2017 - Krise als Form


Mit dem Rücken zur Zukunft

Über die richtige Richtung und linke Melancholie

Eva Kernbauer


„Krisenszenarien nehmen in der marxistischen Tradition einen Ehrenplatz ein, dennoch war der Versuch, sie strategisch, konjunkturell und politisch zu denken, nie von besonderem Erfolg gekrönt.“1 Die in Stuart Halls Beobachtung implizierte Kritik zielt auf ein auch heute noch zentrales Thema ab: die Geschichte und, in Halls Augen, die falsche Vorstellung, die sich die linke Politik davon macht. In seinem 1988 erschienenen Buch The hard road to renewal: Thatcherism and the crisis of the left führt Hall eine Reihe von Beobachtungen an, die für die historische Situation, die er analysiert, ebenso relevant sind wie für unsere heutige Situation. Er kommt dabei wiederholt auf folgenden Punkt zurück:
„Wir folgen in unserem Denken unbeirrt einer unilinearen und irreversiblen politischen Logik, die getrieben ist von einem abstrakten Gebilde namens ‚Wirtschaft‘ oder ‚Kapital‘, welches sich auf sein vorherbestimmtes Ende zu entwickelt. Dabei folgt die Politik, wie der Thatcherismus eindeutig belegt, viel eher der Logik der Sprache: Man kann es immer auch anders ausdrücken, wenn man sich nur Mühe gibt.“2
Nach einigen Monaten der neuen US-Regierung und deren „alternativen Fakten“ ließe sich hinzufügen, dass man sich dabei gar nicht einmal sonderlich viel Mühe geben muss. Im Kontext von Halls Kritik öffnet sich eine Kluft zwischen der Geschichte und ihrer Narration, Darstellung und Interpretation – jener Bereich, in dem Geschichte geprägt und gemacht wird, in dem Krisen ihre Form annehmen. Wie wir uns erinnern, hat dieser Bereich in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von harten Rückschlägen erlitten: Die großen Narrative der Moderne (von denen jede seit ihrer Entstehung ihre eigene Krise mit sich herumschleppt) sind gefallen, dekonstruiert von ihren eigenen „drei Kritiken“, wie Helmut Draxler sie nennt (postkoloniale Kritik, feministische Kritik und historiografische Kritik),3 und mit ihnen auch die jeweiligen Modelle von Subjektivität, Agentialität und Geschichtlichkeit. Historiografische Visionen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden und in der Lage sind, Visionen vom historischen Fortschritt zu prägen und diesen Gestalt zu verleihen, scheinen unwiderruflich verloren, ein Verlust, den man sehr wohl als katastrophal erleben kann. So bemerkt Ernesto Laclau in einer Rezension von Derridas Marx’ Gespenster: „Wir können die teleologischen und eschatologischen Dimensionen abschaffen, wir können gar alle vorliegenden Inhalte der historischen Messianismen abschaffen, aber was wir nicht abschaffen können, ist das ,Versprechen‘, denn letzteres ist struktureller Bestandteil einer jeden Erfahrung.“4
Dies deutet auf ein bestimmtes Modell hin, dessen Struktur sich durch „Erfahrung und Erwartung“5 ergibt und das ebenfalls auf das doppelte Wesen der Geschichte als Grundlage für Fortschrittsmodelle verweist. Doch muss Laclaus Plädoyer für das „Versprechen“ deutlich akzentuiert werden, um nicht in die historiografische Falle zu tappen, auf die Stuart Hall uns hinweist – nämlich die Agentialität an den „Lauf der Geschichte“ zu delegieren, entweder an eine vage Hoffnung, dass „die Geschichte sich uns zuwendet“, oder an die Überzeugung, dass sowieso alles verloren ist. Stattdessen ermahnt Hall uns mit Gramsci dazu, uns vehement den Dingen zuzuwenden, wie sie wirklich sind.6 Wenn die Katastrophe, nicht etwa die Krise, nicht nur die großen Narrative der Moderne heimgesucht, sondern auch die jüngere politische Erfahrung geprägt hat, dann könnte die katastrophale Erosion von geschichtswissenschaftlichen Modellen, so Hall, ein Anlass sein, uns verstärkt einer auf Gegenwart gerichteten Agentialität zuzuwenden.

I Sich vehement den Dingen zuwenden, wie sie wirklich sind
Sich den Dingen zuwenden: Dies scheint einen klaren Orientierungssinn zu erfordern. Im Herbst des Jahres 1815 schrieb Rahel Varnhagen sehr aufgewühlt an ihren Mann Karl August von Ense – zum einen hatte ein Goethe-Gedicht sie sehr bewegt, und zum anderen hatten am Abend zuvor drei betrunkene russische Soldaten an ihre Tür gehämmert:
„Ach August, wie ist’s mit unserem Leben, mit seiner Optik der Zeit! Ein Gedanke hämmert mir jetzt bald den Kopf entzwei. Der nämlich, daß die Zukunft uns nicht entgegenkommt, nicht vor uns liegt, sondern von hinten uns über das Haupt strömt. Da wehre sich einmal einer!“ (Rahel Varnhagen an Karl August Varnhagen, Frankfurt a. M., den 11. Oktober 1815. Nachmittag halb 5 Uhr)7
Wenn die Zukunft von hinten uns über das Haupt strömt: Dies ist ein sehr lebhaftes Bild, und noch dazu eines, in dem ich mich im letzten Jahr mehrfach wiedergefunden habe. Auffallend ist, dass Rahel vor allem „die Optik der Zeit“ beschäftigte: nicht nur in Bezug auf die tatsächlichen Geschehnisse des Jahres 1815, sondern auch im Hinblick darauf, wie diese Ereignisse die Form der Zeit gewissermaßen verändert haben. Ihre poetische Belastungsgrenze war erreicht, als sie das Gefühl überkam, die Gegenwart nicht mehr erahnen und erleben zu können. Die Dinge drangen als bereits Geschehene zu ihr vor oder als vor ihren Augen, aber in der Vergangenheit geschehen. Ihre mit keinerlei Sinnesapparat ausgestattete Rückseite wendete sich der Zukunft zu; sie hatte die Fähigkeit verloren, den Lauf der Geschichte in der Zeit mit ihren Sinnen wahrzunehmen; und mit dieser Sinneswahrnehmung verabschiedete sich zugleich auch die Ausrichtung bzw. Orientierung innerhalb dieser.
Modern ausgedrückt würde man dieses Gefühl von Taubheit und Unfähigkeit, sich bewusst innerhalb der Zeit zu bewegen, als Schock bezeichnen. Und für jemanden, der tief in den aufklärerischen Ideen der Geschichte und ihrer Entstehung verwurzelt war, muss dies eine katastrophale Erfahrung gewesen sein. Wie kann man sich den Dingen zuwenden, wie sie wirklich sind, wenn das eigene Gesicht von dem abgewandt ist, was Rahel für die „richtige Richtung“ der Geschichte hielt: vorwärts? Als ich diesen Absatz im Frühsommer 2016, kurz nach der Entscheidung für Brexit und den schlechten Nachrichten über die Präsidentenwahl in Österreich las, begann ich mich zu fragen: „Strömte die Zukunft plötzlich von hinten über das Haupt“, weil Rahel sich umgedreht, der Zeit den Rücken zugekehrt hatte – wie auch ihre ZeitgenossInnen? Oder kam die Zeit plötzlich aus der falschen Richtung?
Irgendwann wurde mir klar, dass dieser Fokus auf der Orientierung in einer linearen Wahrnehmung von Zeit verwurzelt war, die schnell an ihre Grenzen stößt. Um uns dem Kern von Rahels desaströsem Alptraum anzunähern, schlage ich deshalb vor, den Rahmen zu erweitern und der ersten Frage eine weitere hinzuzufügen: Bewegt sich die Zeit – oder wir uns?

II Bewegt sich die Zeit – oder wir uns?
In den meisten europäischen Sprachen orientieren sich Zeitwahrnehmungen an perzeptuomotorischen Interaktionen mit der physischen Welt: Wir bewegen uns genauso durch die Zeit wie durch den Raum. Dabei liegt die Zukunft vor und die Vergangenheit hinter uns. Unsere Gliedmaßen folgen uns als direkte Reaktion auf unsere Wahrnehmung – das macht auch Rahels plötzliche Unbeweglichkeit so niederschmetternd: Wenn wir die Zukunft nicht mehr spüren können, haben wir die Fähigkeit verloren, uns in oder mit der Zeit zu bewegen.
Untersuchungen im Bereich der interkulturellen Kommunikation haben in der madagassischen und in einigen Andensprachen Muster entdeckt, die auf unterschiedliche Zeitwahrnehmungen hindeuten. So zeigt eine Untersuchung aus dem Jahre 1995, dass im Madagassischen, anders als in den meisten europäischen Sprachen, die Vergangenheit, weil sie bereits bekannt ist, als „vor den Augen“, die Zukunft dagegen als „hinten“ beschrieben wird, und „niemand hat hinten Augen“.8 Eine spanische Studie aus dem Jahr 2014 hat in den Gesten und Zeitvorstellungen verschiedener arabischer Völker ähnliche Muster beobachtet;9 zwar verfolgen sie in der Sprache Metaphern, in denen die Zukunft als vorne dargestellt wird, tatsächlich aber verorten sie die Vergangenheit vorne und die Zukunft hinten.
TeilnehmerInnen der Studie von 2014 wurde eine gezeichnete Figur vorgelegt (in der spanischen Version hieß sie Juan, in der arabischen Mohammed), die aus einem Kreis als Kopf und einer kleinen dreieckigen Nase bestand, die der Orientierung diente. Dann wurde ihnen eine Kurzgeschichte mit verschiedenen zeitlichen Begebenheiten erzählt, woraufhin sie die Teile der Geschichte, die als „in der Vergangenheit“ bzw. „in der Zukunft“ beschrieben worden waren, jeweils den Kästchen zuordnen sollten, die sich „vor“ bzw. „hinter“ Juan/Mohammed befanden. Die Studie kam zu dem Schluss, dass SpanierInnen sich zeitlich an einer vor ihnen liegenden Zukunft orientieren, während MarokkanerInnen sich an einer vor ihnen liegenden Vergangenheit ausrichten – dies hängt mit einem in beiden Kulturen verschiedenartigen Fokus auf die Vergangenheit zusammen, der darüber hinaus völlig unabhängig von kultureller Zugehörigkeit mit dem Alter stärker wird. Das macht deutlich, dass unsere Orientierung in der Geschichte längst nicht so stabil ist, wie es scheint. Und Rahel könnte sich durch das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein, entsprechend dieser Logik ironischerweise ganz plötzlich sehr, sehr alt gefühlt haben. Nichtsdestotrotz tappen die MacherInnen der Juan/Mohammed-Studie offenbar in die gleiche Falle, die zu Beginn auch meine Überlegungen eingeschränkt hat – die Vorliebe für lineare Zeitkonzepte. Deshalb bevorzuge ich eine andere Lesart.
Der Verfasser der ersten Studie über die madagassische Kultur wendet sich ab von eng gefassten räumlichen Beschreibungen, die sich auf die Orientierung konzentrieren, und sieht sich stattdessen einen verwandten Aspekt an, der tief in der madagassischen Kultur verwurzelt ist: Im Madagassischen „kommt die Zeit von hinten und überholt die BeobachterInnen“ – die Menschen bewegen sich gar nicht in der Zeit. Sie stehen still, die Zeit kommt zu ihnen. „Frohes Neues Jahr“ wird auf Madagassisch so ausgedrückt: „Herzlichen Glückwunsch, dass das Jahr dich erreicht hat.“ Dies deutet auf ein gegenwartsorientiertes, ereignisbasiertes Zeitgefühl hin (Zeit vergeht nur, wenn etwas geschieht), das sich nicht darum schert, die Zukunft zu erahnen oder für sie vorzusorgen. (Hier kulturelle Grenzen zu ziehen, macht jedoch keinen Sinn. Obwohl westliche Sprachen und Zeitkonzepte, wie gesagt, typischerweise mit perzeptuomotorischen und folglich linearen Modellen arbeiten, kann es auch zu „passiven“ Konstruktionen kommen: Ein Beispiel ist das französische Wort für Zukunft, „avenir“ – „das, was kommt“.) Eine solche Lesart, die Aspekte der Orientierung mit Aspekten der Mobilität verbindet, verdeutlicht Rahels Zwangslage auf überzeugende Weise. Stillstehen, während die Zeit sich auf uns zu bewegt: Rahels Bild beschwört eine ähnlich geartete Unbeweglichkeit herauf, die, in ihrer Wahrnehmung, niederschmetternd ist. Während die „Zukunft von hinten über das Haupt strömt“, ist sie bewegungslos und „sinn-los“ und ohne jegliche Möglichkeit, sich zu verteidigen.
In einigen Punkten, und ganz gewiss in ihrer katastrophischen Interpretation, ähnelt ihre Lage einer Situation, wie sie in einem bekannteren Bild heraufbeschworen wird: Walter Benjamins Engel der Geschichte, der auf Paul Klees Angelus Novus (1920) Bezug nimmt. Benjamins These IX über den Begriff der Geschichte lautet:
„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“10
In seiner metaphorischen Komplexität wie auch in der Intensität der Katastrophe kann dieses Bild locker mit dem von Rahel mithalten. Der Engel-Historiker erkennt die Vergangenheit als eine Reihe katastrophaler Ereignisse, kann aber weder seine eigenen Bewegungen steuern noch den Lauf der Geschichte. Er ist gefangen in dem Sturm, den „wir den Fortschritt nennen“. Er ist fürwahr der Antipode zu Benjamins modernem Zeitgenossen, der sich hoffend dem Lauf der Geschichte ergibt und sich nicht umdreht, um zu sehen, was sich seit dem Sündenfall tatsächlich ereignet hat. Doch anders als der Engel interessiert sich Rahel nicht für die Geschichte, sie hat kein Auge für die Serie an schrecklichen Ereignissen, die vor ihr liegen; und obwohl sie nur fühlen kann, wie diese über ihr Haupt strömt, konzentriert sie sich voll und ganz auf diese Zukunft. Auch ihre Verzweiflung darüber, dass lediglich ihre „sinn-lose“ Seite der Zukunft zugewandt ist, kann ihre Unterstützung für aufklärerische Fortschrittsmodelle nicht schmälern. Es ist nicht nötig, dass sie tatsächlich an den Fortschritt im positiven Sinne glaubt; vielleicht stimmt sie mit Benjamin darin überein: „Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren.“11 Gewiss ist sie nicht bereit, ihre Historiografie aufzugeben und zieht es vor, Geschichte direkt zu erfahren und sich selbst einen Begriff davon zu machen und somit zur Geschichtsschreibung und -entstehung beizutragen.

III Die Zeit ist von Sinnen
Nun können wir zu unserer anfänglichen Frage zurückkommen: Wurde Rahel in die „falsche“ Richtung gedreht oder kommt die Zeit plötzlich von allen Seiten? Dieses letzte Bild ist in der Tat eine Katastrophe: Nicht Rahel, sondern die Zeit ist von Sinnen.
Angelus Novus ist eine Ikone der Geschichte-als-Katastrophe, die uns, konträr zu den Intentionen Benjamins, in einen Zustand versetzen könnte, den er aufs Schärfste verurteilte: die linke Melancholie. „Linke Melancholie ist bei Benjamin ein eindeutiges Schimpfwort für revolutionäre MitläuferInnen, die letztendlich mehr an einer politischen Analyse oder einem Ideal hängen – selbst am Scheitern dieses Ideals – als daran, Möglichkeiten für radikale Veränderungen in der Gegenwart zu ergreifen.“12
In ihrem Appell „Resisting Left Melancholy“ verwehrte sich Wendy Brown vor fast 20 Jahren gegen eine solche Haltung, und zwar mit einem weiteren Benjamin-Zitat: „In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“13 Das Erkennen des wahren Laufs der Geschichte sollte uns zum Handeln motivieren, die Zerschlagung bestehender Narrationen sollte die Geschichte wieder formbar machen. Brown baut ihre Argumentation in Anlehnung an die erwähnte Artikelsammlung von Stuart Hall zu Thatcherismus und der Krise der Linken auf, die in vielerlei Hinsicht aus dem Gefühl heraus entstanden zu sein scheinen, dass „die Zeit von Sinnen ist“. Dies spiegelt sich sowohl in Halls Warnung wider, die Geschichte nicht der Geschichte zu übergeben, als auch – was man nicht unbedingt erwarten würde – im Coverdesign des Buches: Margaret Thatchers Gesicht schwebt in den Wolken und bläst einer Menschenmenge, die eher aus ihren politischen GegnerInnen denn aus UnterstützerInnen zu bestehen scheint, den Atem des Fortschritts ins Gesicht – in Form von Geld und Konsumgütern. Die Menschen konfrontieren sie bzw. wenden sich ihr zu, während sie selbst im Hintergrund zu verschwinden scheint, vielleicht sogar in der Vergangenheit, wenn man versucht, aus dem friedhofsähnlichen Hintergrund schlau zu werden, der noch nicht mit ihrer vorübergehenden Präsenz und ihren Geschenken beehrt wurde. Damit wendet sich Thatcher selbst der Zukunft zu und hat die Vergangenheit im Rücken (und es wäre in der Tat seltsam, wenn es anders wäre und sie gewissermaßen die Position des Engels der Geschichte eingenommen hätte). Wenn sie sich aber in Richtung Vergangenheit bewegt, so ist das nur möglich, weil sich eine wachsende Menge von GegnerInnen von der Zukunft abgewendet hat, um sie zu vertreiben.
Hall selbst geht auf dieses hintergründige Cover nicht ein, welches womöglich ohne sein Wissen erstellt wurde. Im Bucheinband steht als Urheber für Graphics International Andy Dark, der eine Vielzahl von Bucheinbänden und politischen Plakaten gestaltet und „an wichtigen politischen Veranstaltungen der Socialist Labour League und ihrer Nachfolgerin, der Workers Revolutionary Party, teilgenommen hat“.14
Nehmen wir also einfach einmal an, dass er sich bei der Gestaltung des Covers etwas gedacht hat, und fassen wir dies wie folgt zusammen: In politischen Krisenmomenten kommt die Zeit in der Tat von allen Seiten, dennoch können wir davon profitieren, wenn wir beweglich bleiben, wenn wir in der Lage sind, uns zu drehen und die bestehende Politik in die Vergangenheit zu schicken.
Dieses Bild der perfekten Flexibilität innerhalb der Zeit hat seine eigenen aporetischen Momente. Es unterstützt die Annahme, dass die Katastrophe nicht in einem falschen Orientierungssinn besteht, sondern eher in einem Gefühl der Unbeweglichkeit und Wehrlosigkeit. Im Hinblick auf Rahel scheint dies zu suggerieren, dass sie sich tatsächlich in der richtigen Position und zeitlichen Ausrichtung befinden könnte, wenn sie – anachronistisch – dazu in der Lage wäre, die aufklärerischen Fortschrittsmodelle aufzugeben, die sie an die Passivität ketten. Doch würde dies in gewisser Hinsicht die Vorstellung von der Katastrophe als einer Auflösung der Krise beinhalten – etwas, das ich hier unaufgelöst stehen lassen möchte.

 

 

[1] Vgl. Stuart Hall, The hard road to renewal. London 1988, S. 127.
[2] Ebd., S. 273.
[3] Helmut Draxler, Jenseits des Augenblicks: Geschichte, Kritik und Kunst der Gegenwart, in: Eva Kernbauer (Hg.), Kunstgeschichtlichkeit. Paderborn 2015, S. 129–143.
[4] Vgl. Ernesto Laclau, The Time Is out of Joint, in: Diacritics, 25, 2, 1995, S. 86–96.
[5] Vgl. Reinhart Koselleck, „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ – zwei historische Kategorien. in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main 1989, S. 349–375.
[6] Hall, The hard road to renewal, S. 196.
[7] Rahel Varnhagen, Briefwechsel mit August Varnhagen von Ense, Band 9. Hg. v. Friedhelm Kemp. München, 1967, S. 355.
[8] Vgl. Oyvind Dahl, When the future comes from behind: Malagasy and other time concepts and some consequences for communication, in: International Journal of Intercultural Relations, 19, 2, 1995, Frühjahr, S. 197–209.
[9] Vgl. Juan de la Fuente et al., When you think about it, your past is in front of you: how culture shapes spatial conceptions of time, in: Psychological Science, 25, 9, September 2014, S. 1682–1690.
[10] Walter Benjamin, Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main 1980, Band I.2: Abhandlungen, S. 697f.
[11] Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, in: ders., Gesammelte Schriften V. Hg. v. Rolf Wiedemann. Frankfurt am Main 1982, S. 592 [N9a,1].
[12] Vgl. Wendy Brown, Resisting Left Melancholy, in: boundary, 2, 26:3, 1999.
[13] Zitiert ebd.
[14] Alex Mitchell, The artist who celebrated the lives of Lenin, Trotsky and Muhammad Ali: DAVID KING 1943–2016; http://cometherevolution.com.au/artist-celebrated-lives-lenin-trotsky-mohammad-ali-david-king-1943-2016/. Peter Osborne schlägt eine völlig andere Interpretation des Buchcovers vor, die mit Andy Darks trotzkistischen Überzeugungen einhergeht. Für ihn versperrt Thatchers Bild den Weg zur Zukunft. Auch wenn dies gewiss eine ebenso plausible Interpretation von etwas darstellt, das am Ende vielleicht nicht mehr als ein rätselhaftes Coverdesign ist, kann ich mich ihr nicht anschließen, weil ich mir Margaret Thatcher einfach nicht als Person vorstellen kann, die sich der Vergangenheit zuwendet.