Heft 2/2017 - Netzteil


Radikal fremd?

Die diesjährige transmediale-Ausstellung alien matter erkundete den Zusammenhang von andersartiger Materie und Künstlicher Intelligenz

Christian Höller


Die Dinge werden immer smarter. Bedeutet dies gleichzeitig auch, dass ihre materiellen Designs uns immer fremder werden? Oder umgekehrt gefragt: Lässt der hohe Grad an Synthetik, wie er unsere Informations- und Kommunikationsumgebung bzw. deren dingliche Implementierung kennzeichnet, auf neue Arten von Intelligenz schließen? Gibt es irgendwo da draußen einen Konnex zwischen fremder Materie und uns noch unbekannter denkender Substanz?
Diesen Zusammenhang zu erkunden hatte sich die diesjährige Ausstellung der Berliner transmediale unter dem Titelalien matter zum Ziel gesetzt. Nicht allein das Fremde, Künstliche oder schlichtweg Unverständliche, das in der Infosphäre lauern mag, bildete den Fokus der Schau, sondern ein ungleich paradoxeres Ansinnen: „eine vom Menschen gemachte, aber dem Menschen gleichzeitig radikal fremde, potenziell intelligente Materie“, wie die Kuratorin Inke Arns in ihrem Konzept vorausschickte. Wie es um diese Fremdheit, die eine mögliche neue Intelligenz in sich birgt, genau bestellt ist, versuchten die Beiträge von knapp zwei Dutzend KünstlerInnen im renovierten Ausstellungssaal im Haus der Kulturen der Welt zu beleuchten.
Am einen Pol ging es dabei darum, inwiefern „die bislang als reine Gebrauchsgegenstände definierten technischen Objekte [immer mehr] zu autonomen Akteuren [werden]“ (Arns) – etwas, das Bruno Latours Aktanten-Theorie, ohne hier explizit genannt zu werden, seit gut 30 Jahren zu beschreiben versucht. Am anderen Pol, und hier holte der im Zuge von alien matter bemühte Theorieapparat noch weiter, nämlich bis zu Günther Anders’ Die Antiquiertheit des Menschen (1956 bzw. 1980) aus, stand das große Entfremdungsparadigma wirkmächtig im Raum: inwiefern nämlich die vielen kleinen Maschinen des technischen Fortschritts längst ihr Gehäuse verlassen und sich zu einer einzigen großen, den Menschen sowohl von außen wie von innen her durchziehenden Megamaschine verbunden haben. Kreiste der eine Fragenpol also primär um die zunehmende, sich uns immer mehr entziehende Handlungsmacht der Dinge (auch der nicht-maschinellen), so ging es am anderen Ende um das immer vertrackter werdende, von einem transzendenten Standpunkt aus immer weniger fassbarere Mensch-Maschine-Verhältnis. Wo in all dem die befremdliche, andersartige Materie eine Rolle spielt, erschien zunächst unklar, sieht man vom kuratorischen Auftrag an die KünstlerInnen ab, zu „zeigen, inwiefern unsere vermeintlich vertraute Umgebung bereits heute zu einer fremden Materie geworden ist“. Aber Medienökologie, möchte man meinen, ist nicht gleich Neuer Materialismus, und selbst die „neokybernetischen Kopplungen von Menschen, Lebewesen und Techniken“ verraten vorderhand wenig über die Eigenart neuartiger, im Zuge der Informationsausweitung in Umlauf kommender synthetischer Materien. Die im Übrigen auch nur so lange „fremd“ sind, bis sie in jedem Haushalts-Tool Teil der uns tagtäglich umgebenden physis geworden sind.
Dabei geizte die Jubiläumsschau im 30. Jahr der transmediale zunächst nicht mit eigenwilligen physischen Reizen. Im abgedunkelten Ambiente stachen, neben den erwartbaren Flatscreens und Projektionen, auf Anhieb einige sperrige, nicht uncharmante Materialinstallationen heraus. So war etwa als eine Art physische Blockade Joep van Lieflands Video Palace #44 – The Hidden Universe (2017) mitten im Raum platziert – ein aus unzähligen VHS-Kassetten gebauter kubischer Sarkophag, der einen grün leuchtenden Hohlraum in sich barg. Welches Universum darin versteckt sein mochte, blieb der Projektion der BegeherInnen überlassen. Gleich daneben lagerte die minimalistische Skulptur Burial Ceremony (2015/17) von Evan Roth. Zwei Kilometer schwarz ummanteltes Glasfaserkabel waren darin zu einer sich in der Mitte auftürmenden Achterform, in der man auch das Unendlichkeitszeichen erkennen konnte, verschlungen. Dies sollte an die endlosen Stränge von Unterwasserkabeln gemahnen, die das materielle Backbone des weltweiten Datenverkehrs bilden. Inwiefern sich darin aber eine „fremde Materie“ abbildet, blieb ebenso nebulos wie beim VHS-Palast. Vollends dekorativ wurde es bei Addie Wagenknechts XXXX.XXX (2014) – fünf an der Wand befestigten, über Ethernetkabel miteinander verbundenen Leiterplatten. Registrierte eines der Boards irgendwo in der Nähe einen Datenstrom bzw. WIFI-Spot (der jedes Smartphone heutzutage ist), blinkten grüne Lichterchen auf – ohne preiszugeben was, wie und warum.
Das konnte es nicht sein, dachte man und ging weiter zu Jeroen van Loons An Internet (2015). Eine nach Art eines alten Rohrpostsystems gefertigte Glasröhrenkonfiguration, die hübsch anzusehen war, stieß in unregelmäßigen Abständen Rauchsignale aus. Laut Beipacktext handelte es sich dabei um die in binäre Signale übersetzten Namen von 280 Internet-Unterseekabeln (mit Codenamen wie „TAT-14“ oder „WACS“). Das Eigenbaumodell eines (nicht des) Internets legte das Augenmerk weniger auf dessen materielles Substrat als auf den Aspekt der Flüchtigkeit – als sei das, was die vielen Glasfaserkabel so transportieren, noch bevor NSA oder die britische GCHQ etwas herauslesen können, ohnehin nur Schall und Rauch. Oder als sollten sie das utopischerweise irgendwann einmal werden, so sich die Datenflüsse jemals wieder vom Geheimdienstzugriff befreien lassen. All die genannten, den Ausstellungssektionen „Infrastruktur“ bzw. „Plastik“ zugeordneten Arbeiten konnten bei aller individuellen und teils gewitzten Verschrobenheit kaum ein Licht auf die Zusammenhänge von New Materialism und Artificial Intelligence werfen.
Fündiger wurde man in den Abschnitten „Internet der Dinge“ und „Künstliche Intelligenz“. So blitzte in Katja Novitskovas Installation Swoon Motion (2015), einer mit allerlei synthetischen, aber auch biotechnologischen Versatzstücken versehenen Babyschaukel, ein unangenehm berührender Effekt des besagten Zusammenhangs auf. Die erratische Bewegung der maschinengetriebenen Schaukel verstärkte die Anmutung der Befremdlichkeit, die von den verwendeten Stoffen und Bauteilen (Polyurethanharz, Hochleistungsmagnete, Fallrohrfilter etc.) gerade im Hinblick auf ein Hightech-Kinderspielzeug ausgeht. Auch Constant Dullaarts DullDream (2017), eine Art umgekehrter Gesichtserkennungssoftware, die ihre Zielobjekte in abstrakte Elektronikgemälde ummodelliert, artikulierte – wenn auch etwas eindimensional – den zumal sicherheitspolitischen Konnex von Fremdheit und Künstlicher Intelligenz. Eine Verbindung, die in Suzanne Treisters, man könnte sagen Ausstellung in der Ausstellung mit dem Titel HFT The Gardener (2014–15) eine ebenso pointierte wie ebenenübergreifende Bearbeitung erfuhr. Ausgangspunkt ist der erfundene Börsianer Hillel Fischer Traumberg (HFT), den die Rasanz und Abgründigkeit der Aktienkurse, vor allem im Zuge des Hochfrequenzhandels, in die – formal naheliegende – Psychedelik treibt. Treister breitet neben einem Videoexposé über mehrere Tische hinweg Traumbergs halluzinogene Anwandlungen und Botanikforschungen bis hin zu seinen Schamanismus- und Art-Brut-Erkundungen aus. Außer Kontrolle geratende KI der Gegenwart, gegengelesen und gebrochen durch die Entgrenzungsarchive der Vergangenheit.
Den umgekehrten Weg, bei ähnlich gelagerter Brisanz, beschreitet Johannes Paul Raether in seiner gleichfalls raumgreifenden Installation Protekto.xx. 5.5.5.1.pcp (2017). Hier ist es die schon länger als Raethers Alter Ego aktive Weltheilungshexe Protektorama, die den immer mehr Lebensfunktionen durchkreuzenden Smartphone-Fetisch der Gegenwart schamanistisch einzuhegen versucht. Wobei natürlich alles noch mehr eskaliert. Ausgestellt waren drei wandgroße Leuchtbilder von sich verflüssigenden iPhones, dazu ein Tisch mit zwei ungleichen stabförmigen „Maschinen“ sowie ein Audio-Track, der die Geschichte von Raethers „Heilungsaktion“ in einem Berliner Apple-Store im Juli 2016 rekapituliert. Das „Schmelzritual“, bei dem die an sich harmlose Seltene Erde Gallium zum Einsatz kam, endete mit einer Polizeiaktion und Evakuierung des Ladens. Die HKW-Installation breitete diese Story in aller Kühle und Glossiness aus – und schuf genau dadurch eine treffliche Allegorie auf die Befremdlichkeit einer sich immer abstruser materialisierenden KI. Smart alienness that matters.

alien matter, 2. Februar bis 5. März 2017, Haus der Kulturen der Welt Berlin