Belarus wird gerne als „letzte Diktatur Europas“ bezeichnet und häufig auch auf dieses Schlagwort reduziert. Im vorliegenden Text soll über den Staat in einem gemeinsamen europäischen Kontext gesprochen werden oder – anders gesagt – nach einer anderen, produktiveren Weise, über Belarus zu sprechen, gesucht werden. Meine These besteht unter anderem darin, dass sich das Feld der kunstaktivistischen Strategien in Belarus mit jenen in anderen europäischen Ländern bzw. weltweit vergleichen lässt. Und dass trotz deutlicher Unterschiede, was die politischen Verhältnisse angeht, das zentrale Problem in Belarus im Vergleich zu anderen demokratischen Ländern immer noch das Problem der staatlichen Gewalt gegenüber den BürgerInnen bleibt.
Der Grund für diese Gemeinsamkeit der kunstaktivistischen Strategien, die ich im Folgenden als guten Universalismus bezeichnen möchte, ist meines Erachtens stark mit den gegenwärtigen sozialen Trennlinien verknüpft. Die erste dieser Trennlinien könnte man als Opposition von Nationalismus oder Nostalgie nach dem Nationalismus einerseits und der Empfindlichkeit gegenüber der Vielfalt (diversity) andererseits bezeichnen. Diese Opposition ist dadurch charakterisiert, dass ihre beiden Pole heute gleichsam universalisiert sind: Sowohl die aktivistischen Praktiken, denen die Diversität ein Anliegen ist, als auch die Nostalgie nach dem Nationalismus bilden heutzutage kein bloß lokales Phänomen, sondern konkretisieren und stärken sich über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus. In diesem Zusammenhang lässt sich der zweite Pol dieser Opposition, die Nostalgie nach dem Nationalismus, auch als schlechter oder regressiver Universalismus bezeichnen. Dieser Gegensatz polarisiert heute die Gesellschaft nicht nur in Belarus, sondern weltweit und schwächte gleichzeitig die „civil societies“ sowohl in Belarus als auch darüber hinaus.
Im Folgenden soll erstens der schlechte Universalismus näher beleuchtet werden, um zweitens anhand einiger kunstaktivistischer Beispiele aus Belarus das Potenzial des guten Universalismus in Europa und weltweit zu diskutieren. Der Impuls, über guten und schlechten Universalismus zu sprechen, stammt dabei aus dem Buch
i>The Crises of Multiculturalism: Racism in a Neoliberal Age von Alana Lentin und Gavan Titley, worin „schlechte“ und „gute Diversität“ analysiert werden.1
Polarisierte Gesellschaften
Der schlechte Universalismus findet seinen Ausdruck in der Universalisierung der Nostalgie nach dem Nationalismus, wie dies in autoritär-populistischer Politik und in der Konstruktion neuer Formen der Fremdfeindlichkeit zutage tritt. Eine europaweite Umfrage 2016 zeigte, dass als „autoritär-populistische[...] Ansichten […] unter anderem einwanderungs- und menschenrechtsfeindliche sowie den EU-Institutionen abgeneigte Positionen zusammengefasst“2 werden. Darüber hinaus sei „die herkömmliche Einteilung in rechts und links durch eine sehr viel komplexere und pointiertere Mischung politischer Gruppierungen ersetzt worden“3, die ich in weiterer Folge auch als Asynchronie der Gegenwart bezeichnen möchte.
Der schlechte Universalismus wird in Opposition zum guten Universalismus geformt. Wenn wir an die aktuelle Situation in den USA denken, kann man zu dem Schluss kommen, dass der Slogan „Make America great again“ vielleicht auch als Antwort auf die Verstärkung der Human-Rights-Agenda einschließlich der Anerkennung von LGBTQ-Rechten oder Frauenrechten gedacht ist. Dafür spricht auch die Tatsache, dass Donald Trump den Human-Rights-Begriff in seinen Reden nicht oder kaum benutzt, während der Slogan „Make America great again“ vielerlei Gegeninterpretationen erhält wie etwa „Make America gay again“, „Women Rights are Human Rights“ etc. Amerikanische PolitologInnen sprechen in diesem Zusammenhang auch über eine Polarisierung der US-Gesellschaft.4 Das Entscheidendste dabei ist, dass die AnhängerInnen verschiedener Werte oder einzelner Gruppen einander als FeindInnen identifizieren. Als Folge davon scheint es, dass wir uns in einem Kreis bewegen, in dem eine Position die jeweils andere provoziert. Dieses Phänomen ist ein globales. Das bedeutet, dass sowohl die AnhängerInnen des Nationalismus in verschiedenen Ländern als auch ihre OpponentInnen sich vereinigen (wie einst die ProletarierInnen) und eine Bekräftigung der eigenen Position jenseits der Grenzen ihrer jeweiligen lokalen Gemeinschaft finden.
Bedeutet dies, dass wir es bei den beiden Gliedern der Opposition mit formal gleichen Strategien zu tun haben, das heißt mit einer formal gleichen Grenzüberschreitung? Bevor ich mich dieser Frage anhand einiger Beispiele aus dem belarussischen Kontext näher widme, möchte ich diese Trennlinie mittels einer anderen konkretisieren, nämlich jener zwischen den unterschiedlichen Zeitwahrnehmungen verschiedener Gemeinschaften, wozu sich der Begriff der asynchronen Gegenwart anbietet.
Die fiktive Einheit der Gegenwart überwinden
Die amerikanische Slawistin Nancy Condee sieht die Hauptvoraussetzung für die Entstehung der „asynchronen Gegenwart“ in einer spezifischen Form der Migration von ExsowjetbürgerInnen verschiedener ethnischer oder zwischenethnischer Herkunft, die in den 1990er-Jahren im postsowjetischen Raum stattgefunden hatte. Diese bedeutete eine wechselseitige Deterritorialisierung „als Emigration aus der Heimat und gleichzeitig auch der Heimat selbst von denjenigen, die ihre Bürger sein hätten können“5, was einen entscheidenden Bruch mit den vertrauten zeitlichen und räumlichen Koordinaten markierte. Dabei hat sich diese Deterritorialisierung in der Folge in verschiedene Richtungen entwickelt, was zu der angesprochenen Asynchronie geführt hat. So musste auch die Orientierung nach Europa eine zwiespältige Form annehmen. Es kam zu einer Orientierung an der Vergangenheit, bis hin zum Großfürstentum Litauen (ab dem 13. Jahrhundert) und der polnisch-litauischen Rzeczpospolita (ab dem 16. Jahrhundert), was in Begriffen der Nationalstaatlichkeit interpretiert wurde, wohingegen die Gegenwart der Europäischen Union die Frage nach einem postnationalen Europa in den Mittelpunkt gerückt hat. Obgleich eine Orientierung nach Europa für die „civil society“ in Belarus charakteristisch ist, führte die Vergangenheitsorientierung gleichzeitig zu einer Spaltung, was vom politischen Regime ausgenutzt wurde und der genannten Trennlinie entspricht.
Passieren heutzutage nicht ähnliche Prozesse im gesamteuropäischen Raum bzw. weltweit? Ich meine dabei Prozesse der Globalisierung einschließlich der Finanzialisierung, die sowohl von den Widersprüchen des Multikulturalismus bzw. zwischen verschiedenen Generationen als auch von der Erosion des Sozialstaats begleitet werden. Ihre Folgen sind inzwischen bekannt: das Wachstum der sozialen Ungleichheit und die schon erwähnte Polarisierung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. Verschiedene Gemeinschaften sind dabei immer stärker durch elektronische Technologien fiktiv miteinander verbunden, was zugleich die Frage nach alternativen Möglichkeiten der sozialen Bindung aufwirft.6
Es scheint, als ob in bestimmten Praktiken der Gegenwartskunst trotz neuer sozialer und politischer Asymmetrien diesbezüglich ein emanzipatorisches Potenzial zutage tritt. Dieses Potenzial verweist weniger auf lange (nationale) Vorgeschichten und deren vermeintliche Substanz, sondern gründet stärker auf differenzierten und vernetzten Erfahrungen, die sich dank der modernen Technologien über große Distanzen hinweg miteinander verbinden. Das hat individuelle und kollektive Identitäten zunehmend hybridisiert und auch die Grenzen verschiedener Gemeinschaften offener gemacht.7
Aus einer multikulturalistischen Perspektive geht es um die Entstehung und Verbreitung neuer normativer und sozialer Praktiken bzw. Institutionen innerhalb bestimmter Gemeinschaften. Davina Cooper betont diesbezüglich die dreifache Rolle von Grenzen (von Gemeinschaften), die erstens eine geografische, sozioökonomische und kulturelle Distanz gegenüber dem Status quo schaffen, zweitens die Verpflichtungen und die Vertrautheit der Mitglieder einer Gemeinschaft in Bezug auf lokale Praktiken stärken und drittens die Attraktivität des Status quo prinzipiell infrage stellen.8 Letzteres kann auch den Willen von kritischen BürgerInnen beeinflussen, private oder heimliche Räume durch die Schaffung neuer sozialer Bewegungen in öffentliche zu verwandeln. Als Beispiel kann die Ausbildung von Jugendlichen zum Thema Aids mit der Fokussierung auf eine gesamte Gemeinschaft dienen, „die sich sowohl auf die Teilung [der Erfahrung] und [Anerkennung von] Ähnlichkeiten als auch auf die Unterschiede, d.h. auf nicht streng ausgegrenzten Identitäten gründet”9.
Wie unterscheidet sich nun die Grenzüberschreitung im Fall der Nostalgie nach dem Nationalismus von jener der Sensibilität für die Vielfalt? Im zweiten Fall lässt sich von einer Pluralisierung von Gemeinschaftserfahrungen, Normen und Praktiken ausgehen. Die Grenze verbindet dabei verschiedene Erfahrungswelten und weist auf Ähnlichkeiten hin, die die Unterschiede nicht völlig infrage stellen, zugleich aber den Status quo der Diskriminierung problematisieren.
Im Fall der Nostalgie nach dem Nationalismus spielen Grenzen eher die Rolle der Abwehr und der Distanzierung von bestimmten Praktiken und Identitäten. Sie „inkorporieren“ eine bestimmte Gemeinschaft und erlauben keine Differenzierungen von Erfahrungen, die als feindlich interpretiert werden (zum Beispiel die mit der islamischen Kultur verbundenen). Es geht also um eine doppelte Homogenisierung und in diesem Sinne auch um eine Regression, welche die Nostalgie zur dominanten Form der Synchronisierung macht (Sehnsucht nach einer Zeit, als Unterschiede nicht entscheidend für die Selbstbestimmung waren).
Verkörpern nun die kunstaktivistischen Praktiken in Belarus die erstere Strategie, welche einen Beitrag zum Widerstand gegen das politische Regime leisten und zugleich auch als Muster der Überwindung oder Milderung von gesellschaftlicher Polarisierung dienen kann?
Lokale Narrative im Plural
Im Lauf der letzten anderthalb Jahre wurde in Minsk, Brest und anderen belarussischen Städte eine ganze Reihe von Ausstellungen, Diskussionen, Lesungen und Performances in neuen Kunsträumen (untergebracht in alten Fabriken) wie auch unter freiem Himmel organisiert, die als Beispiele für den guten Universalismus dienen können. Die meisten davon sind von neuen und/oder temporären Kunstkollektiven initiiert worden. Der Kreis der Themen umfasst die Ausschließung von MigrantInnen in Belarus wie auch weltweit, Probleme der sozialen Gerechtigkeit, das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft in Brest zwischen den beiden Weltkriegen und während des Holocausts, das Schicksal der psychisch Kranken in Belarus zwischen 1941 und 1944 sowie das tabuisierte Thema der Explosionen in der Minsker U-Bahn 2011, als zwölf Leute getötet und über 200 verletzt wurden.
Im Rahmen des Internationalen Monats der Fotografie 2016 hat das 2015 gegründete Kollektiv LЁD das Fotoprojekt Erworbener Reflex präsentiert. In der Beschreibung erklären die KünstlerInnen, dass die Serie den Versuch darstellt, sich selbst heimlich zu beobachten. Das Ziel besteht darin, Situationen zu präsentieren, „in denen man nicht genau weiß, wer oder was die Strategien der Handlungen bestimmt – wir selbst oder die Stereotypen, die Gewohnheiten oder der erworbene Reflex“10. Den Hintergrund des Projekts beschreiben die KünstlerInnen so: „Als Kinder haben wir in einem Staat gelebt, der heute nicht mehr existiert. Seine Werte existieren ebenfalls nicht mehr. Wir sind an der Schnittstelle verschiedener Epochen groß geworden und leben jetzt in einer Welt der elektronischen Impulse und des Kapitalismus. Wir fragen uns, was unsere gemeinsame Geschichte, gegenwärtig und vergangen, und unsere persönlichen Werte bestimmt?“11 Die Bilder der Serie zeigen sowohl das Kollektiv als auch Einzelne von ihnen in verschiedenen privaten und öffentlichen Räumen, die Züge der Sowjetzeit, aber auch des gegenwärtigen Belarus tragen. Die Bilder präsentieren verschiedene soziale Gruppen, zu den sich die KünstlerInnen als zugehörig imaginieren. Die halbstatische Form der Darstellung erlaubt den BetrachterInnen, eine Distanz aufzubauen, um so auch eine eigene Zeitwahrnehmung zu präzisieren.
Ein weiteres, hier zu erwähnendes Projekt ist die interaktive Ausstellung der informellen Ausbildungsinstitution European College of Liberal Arts in Belarus (ECLAB) im Cech-Kunstraum. Dabei hat die Gruppe von KuratorInnen, GeisteswissenschaftlerInnen und Studierenden, der ich auch selbst angehörte, drei thematische Aspekte ausgewählt. Der erste bezieht sich auf die informelle kulturelle Gemeinschaft von Minsk in der Spätsowjetzeit, der zweite auf ein Mapping unter dem Titel Minsk der Frauen – von Straßen, die Frauennamen tragen – und der dritte auf das jüdische Minsk im 20. Jahrhundert sowie die Visualisierung des Holocausts in den Spielfilmen. Aufgrund der starken Ideologisierung der staatlichen Ausbildung und der nationalistischen Orientierung vieler unabhängiger Initiativen erhalten all diese Themen viel zu wenig Aufmerksamkeit in der belarussischen Gesellschaft. Dabei spielen sie eine wichtige Rolle für die Wertschätzung von kultureller Vielfalt und diskursiver Pluralität sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart.
Die genannten Projekte, die auch von ökologischen und urbanistischen Initiativen unterstützt werden, weisen eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf, die auf Strategien einer nicht-fiktiven Synchronisierung der Gegenwart verweisen. Erstens geht es dabei um eine Pluralisierung der Versionen sowohl der Gegenwart als auch der Vergangenheit. Multikulturelle Gemeinschaften in der Vergangenheit und der reflexive Bezug auf die Sowjetzeit, die nicht negiert, sondern kritisch und in Kontinuität mit der Gegenwart wahrgenommen wird, dienen dabei als wichtige Beispiele. Zweitens sind diese Projekte darauf angelegt, kulturelle Identitäten innerhalb von sozialen Zusammenhängen zu denken. Dies schützt sie vor einer gewissen Romantisierung und rückt zugleich ihre politischen und ökonomischen Dimensionen in den Blick. Das Thema der Erniedrigung und die Vielfalt von Formen der Gewalt nehmen dabei eine wichtige Rolle ein, was insgesamt aus einer geschichtlichen und gegenwärtigen Perspektive präsentiert wird und so als eine Art der Universalisierung qua Synchronisierung der diese traumatische Erfahrung überwindenden individuellen und kollektiven Bemühungen verstanden werden kann.
Als Mittel der Synchronisierung dient die Suche nach neuen Formen und Instrumenten der Arbeit mit Dokumenten bzw. der Dokumentierung von individuellen und kollektiven traumatischen und Traumata bearbeitenden Erfahrungen. Diesen Erfahrungen werden sowohl lokale als auch globale Interpretationen zuteil; somit fungieren sie nicht bloß als kulturelle, sondern auch als soziale, wirtschaftliche und politische Faktoren. Nur so lassen sich die Bedingungen für die Artikulation neuer Erfahrungen und für eine Überprüfung der Kontexte derartiger Artikulationen schaffen. Da es dabei um nicht zuletzt eine nicht-homogenisierende Konstitution der Vergangenheit und der Gegenwart geht (wie auch um die gewalttätigen Folgen der Homogenisierung), spielen diese Strategien eine wichtige Rolle bei der Demokratisierung unserer Gesellschaft.
[1] Vgl. Alana Lentin/Gavan Titley, The Crises of Multiculturalism: Racism in a Neoliberal Age. London/Chicago 2011.
[2] Vgl. Umfrage – Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit in ganz Europa verbreitet, in: Zeit Online, 8. Oktober 2016; www.zeit.de/politik/ausland/2016-10/umfrage-europa-nationalismus-fremdenfeindlichkeit-buzzfeed-yougov.
[3] Ebd.
[4] Vgl. Russell Berman, What’s the Answer to Political Polarization in the U.S.?, in: The Atlantic, 8. März 2016; https://www.theatlantic.com/politics/archive/2016/03/whats-the-answer-to-political-polarization/470163/.
[5] Nancy Condee, From Emigration to E-migration: Contemporaneity and the Former Second World, in: T. Smith/O. Enwezor/N. Condee (Hg.), Antinomies of Art and Culture: Modernity, Postmodernity, Contemporaneity. Durham 2008, S. 239.
[6] Vgl. Manuel Castells, The Information Age: Economy, Society and Culture. Volume 1: The Rise of the Network Society. Oxford 2010, bes. Kapitel 7, The Edge of Forever: Timeless Time.
[7] Vgl. dazu Boris Groys’ Überlegungen zu zeitlichen oder situativen Gemeinschaften, Comrades of Time, in: e-flux journal #11, Dezember 2009; www.e-flux.com/journal/11/61345/comrades-of-time/.
[8] Vgl. Davina Cooper, Challenging Diversity: Rethinking Equality and the Value of Difference. Cambridge 2004, S. 189.
[9] Vgl. Richard K. Caputo, Multiculturalism & Social Justice in the United States: An Attempt to Reconcile the Irreconcilable within a Pragmatic Liberal Framework, in: Race, Gender & Class, Vol. 8, Nr. 1, 2001, S. 174.
[10] Acquired reflex; http://maximdosko.com/en/led-collective.
[11] Ebd.