Heft 2/2019 - Lektüre



Doro Wiese:

F – Faust

Mit Kunst von Anna Lena Grau und Richard Serra (Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden, Bd. 21)

Hamburg (Textem Verlag) 2018 , S. 74 , EUR 16

Text: Sabine Rohlf


Eine Faust steht für die Schlagkraft sozialistischer Bewegungen, für körperliche Gewalt, für mehr oder weniger anziehende Politiken, die spätestens seit Ende des Kalten Kriegs der Vergangenheit angehören. Sie wurde in zahllosen Bildern, Skulpturen, Texten zum Sinnbild linker und auch rechter Agitation. Wenn ein Buch F – Faust heißt, dann ist das interessant, aber auch ein wenig irritierend. Wie lässt sich mit diesem Motiv und all dem, wofür es stand oder steht, umgehen?
Doro Wiese, Anglistin und Theoretikerin, die sich schon lange für die Wechselwirkungen zwischen Kunst, Philosophie und Politik interessiert, richtet diese Frage an Moule (2015), eine Skulptur von Anna Lena Grau. Moule ist die überlebensgroße, begehbare Gussform einer Faust. Manche Menschen brauchen eine ganze Weile, um den Abdruck einer geballten Hand im Inneren wahrzunehmen. Erkannt oder auch nicht, vergrößert und verdreht die Riesenfaustform die zum Klischee erstarrte Figur. Und sie beschert ein eindrückliches sinnliches Erlebnis. Monumentalität, Verwirrung und Leere sind drei Stichworte, die einer im Inneren von Moule (das französische Wort für Form oder Abdruck) in den Sinn kommen können.
Es geht in diesem Buch darum, „formale Eigenschaften von Moule im Besonderen und Kunst im Allgemeinen auf ihre politische Wirkung hin“ zu befragen. Das „methodische Scharnier“, so Doro Wiese, bildet die „Ästhetik“, die „Lehre der sinnlichen Wahrnehmung“. Hier wird also am Beispiel der Faustskulptur ausgearbeitet, was bei der Begegnung mit einem Kunstwerk genau passiert: Die über drei Meter hohe, nach Gips riechende Moule, die Fragen aufwirft (was ist das?) und eine ungewohnte Raumwahrnehmung ermöglicht, dehnt die Zeit, reizt die Sinne ganz anders als zum Beispiel ein Videoclip. Erlebnisse der Dauer und Affizierung werden zu widerständigen Begriffen gegen Aktualitäts- und Informationsdominanz, die die moderne und in besonderem Maße die digitale Medienwelt prägen.
Das Buch arbeitet mit Begriffen von Gilles Deleuze und Félix Guattari, Walter Benjamin, Paul Virilio, Tiziana Terranova, Moira Gatens und Genevieve Lloyd und anderen. Seine Denkschritte sind gut erklärt, es ist zugänglich und genau, eine angenehme Lektüre und nebenbei eine gute Einführung in das Denken von Deleuze und Guattari, mit dem die Verfasserin eine „alte Liebe“, wie sie selbst schreibt, verbindet. Ihre theoriegesättigten Ausführungen wären vielleicht sogar ein bisschen zu schlüssig, würde nicht noch etwas anderes hinzukommen: Es ist ein narrativer Rekurs auf ihre Großeltern, KommunistInnen, die ihre Überzeugung auch nach 1933 lebten und entsprechend verfolgt wurden. Eine widerständige Alltagsgeschichte, in Familienanekdoten überliefert, aber eben auch Teil einer großen, durch NS-Gewalt zerstörten Bewegung, zu der die Faust nicht nur als Plakatmotiv gehörte.
Diese in die Auseinandersetzung mit einer Skulptur eingewobene, persönliche Erzählung hat genau jene Qualität, um die es in dem Buch geht: eben das, was nicht in Information aufgeht, etwas, das sich nicht so leicht, auch nicht in einer noch so klugen Argumentation, still stellen lässt und genau deswegen die LeserInnen bewegt. Und zwar nicht, weil „Biografisches“ anrührt, sondern weil Erzählen oder eben Kunst andere Denk- und Empfindungsräume adressieren, aktivieren, öffnen als ein Theorietext.
Der zweite Teil des Buchs widmet sich Hand Catching Clay, einem Video von Anna Lena Grau aus dem Jahr 2015. Richard Serras Film Hand Catching Lead (1968) variierend, zeigt es eine Hand, die Lehmplatten auffängt und zerdrückt. Grau zeigt das Video stets zusammen mit Moule, was Ausbeutungs- und Widerstandsmotive aufeinander bezieht, aber auch Materialität, Körperlichkeit und konkrete Produktion stärker ins Spiel bringt. Die Analyse der beiden Videos und ihrer Korrespondenzen bzw. Unterschiede ist genauso sorgfältig beobachtet und argumentiert wie der erste Teil des Buchs, aber diesmal gibt es keine Familiengeschichte oder andere Überlieferung bzw. Erzählung. Dafür wird hier stärker als im ersten Teil nach den Bedingungen der Arbeit gefragt, sei es in der Fabrik, im Atelier oder am Computer und nach den damit verbundenen Ausbeutungs- und Wahrnehmungssystemen. Der Schluss zieht dann alle Fäden zusammen und plädiert dafür, Veränderung nicht allein in kämpferischer Entschlossenheit, intellektueller Schärfe oder kreativer, selbstausbeuterischer Höchstleistung, sondern in der Reibung all dessen plus Dauer – sich Zeit nehmen! – zu suchen. Außerdem erinnert er daran, was Hände alles können, außer sich zu ballen.
Wir haben es in F – Faust mit einer künstlerischen, einer theoretischen und einer erzählenden Praxis zu tun. Die drei Dimensionen beantworten in ihrem Zusammenspiel die Ausgangsfrage des Buchs: „Wie lassen sich formale und ästhetische Eigenschaften von Moule sowie politische Einwirkungen auf die Sinne begrifflich fassen?“ Sie lassen sich fassen, und zwar in präzisem Beschreiben und Argumentieren wie hier, aber im Hinblick darauf, dass sie wirksam bleiben sollen, nicht fixieren. Wie sie in Bewegung bleiben, zeigt der Text besonders dann, wenn er einer erzählenden Sprache Raum gibt. Natürlich stellt sich am Ende die Frage, was das alles nicht nur für künstlerische Arbeiten, sondern für Ästhetiken des widerständigen Schreibens bedeuten könnte. Aber das wäre ein anderes Buch.