Liebe springerin-Redaktion,
vielen Dank für diese Einladung! Ihr habt uns allen einen Fragenkatalog geschickt, und wir beginnen mit der letzten Frage, weil sie uns von der Entstehungszeit der Zeitschrift in die Gegenwart führt.
Wir möchten eine Episode vom Januar 2025 vor dem Gebäude der Akademie der bildenden Künste in Wien schildern, an der wir seit dem Jahr davor lehren. Einige Studierende planten, die Jahresausstellung zu bestreiken, um ein Zeichen gegen die drohende neue rechte Regierung zu setzen. Dafür gibt es dringende Gründe, die wir hier noch einmal aufschreiben, obwohl sie doch schon so oft genannt wurden – denn Aufschreiben und Nennen sind nicht dasselbe. Wir beziehen uns auf die Erfahrungen in Deutschland seit den letzten zwei Jahren. „Kulturkampf“ ist ein zentrales Schlagwort neuer rechter, klimarevisionistischer und petromaskuliner Regierungen. Es begründet den Rückbau von Fahrradwegen und die Reaktivierung von Atomkraftwerken genauso wie die Austeritätspolitik in Kultur und Bildung, die Umbesetzung der Posten in Institutionen, die Revision antidiskriminatorischer Sprachregelungen und – wir nennen es in einem – die Verdächtigungen, antisemitisch zu sein, die sich spätestens seit der documenta fifteen als ideales Tool zur Beschädigung der politischen Autonomie von Kultur erwiesen haben. In Berlin gab es seit 2019 und erst recht danach parlamentarische Debatten – zunächst auf Initiative der AfD und dann aller Parteien – über die antisemitische Tendenz der Postcolonial Studies. Nun gibt es eine neue Anfrage der AfD, in der es um die Rechtfertigung des deutschen Kolonialismus geht – als Zivilisateur, dessen Genozid eine Folge des Massakers der Nama an deutschen Siedlern war.1 Wir schließen die Aufzählung der dringenden Gründe, indem wir auf die kulturpolitische Situation in Ungarn, der Slowakei, den Niederlanden und Italien verweisen.
Der Streik war nicht geplant als eine völlige Schließung der Studios, sondern als eine Unterbrechung der Rundgangseventroutine für ein paar Stunden.2 An der Fassade der Akademie hingen Transparente gegen eine Koalition von ÖVP und FPÖ, und es gab Redebeiträge über die Situation in der Slowakei, über das Verdrängen des städtischen Freiraums St. Marx durch eine dieser gigantischen Monokultur-Eventhallen, die groß genug sind für Taylor Swift. Die Beiträge wurden unterbrochen von „Free Palestine“-Chören, schon eingefroren in ihrer Rolle zu intervenieren und selbst wenn sie eingeladen wären, das Mikrofon zu fordern, und selbst wenn sie es in der Hand hätten, nichts sagen zu können vor lauter Atemlosigkeit und dem Fehlen von Worten, aber gefilmt dabei – immer – von den Kameras der Medien sehr nah. (Und ist es nicht angesichts der humanitären Katastrophe nachvollziehbar zu schreien und nicht aufhören zu können damit, selbst bei einer angekündigten Waffenruhe, im Zuge derer die voreilig Feiernden im Gaza schnell mit weiteren Bombardierungen kujoniert wurden?) Es wurde das Gedicht Der Kälbermarsch von Bertolt Brecht vorgetragen. Nachher gab es den Verdacht, dass der Vers „Die Hände sind blutbefleckt / Doch immer noch leer“3 ein Motiv der Hamas sei und die „Free Palestine“-Chöre angestachelt hätte. Dieser Verdacht wurde schnell als lächerlich beigelegt, aber er gehört zu den vielen ähnlichen Verdächtigungen, die nicht nach Inhalten, sondern nach der Logik von Suchmaschinen argumentieren, nach Stimuluswörtern, die dann viral gehen und den Response der Shitstorms erzeugen.
Die Demonstration vor der Akademie war klein und zerrissen. Sie fand nirgendwo den Rückhalt und die Unterstützung, die sie gebraucht hätte, und sie selbst war zu schwach, um Rückhalt zu geben. Die Umstehenden, die Rückhalt geben wollten, waren das, was man eine hilflose Schar nennen möchte. Danach war die Akademie offen, die Studios konnten besucht werden, und es war, als ob alle endlich ihre Arbeiten gegenseitig in Ruhe anschauen könnten, nicht an die Wand gedrängt von dieser etwas unheimlichen Rundgangeröffnungskultureventmasse, die sich ansonsten durch die Gänge wälzt wie eine große ritualisierte Schlange, die einfordert, dass alles so funktioniert wie immer und blind dafür ist, dass es so nicht mehr weitergehen wird. Stattdessen gab es Security auf jeder Etage, und einer kam, um zu sagen, dass die Studierenden nun sofort die YPG-Fahne4 abhängen müssen, die aus einem Fenster über der Fassade hing, ohne zu sagen, wer das denn angeordnet hätte und warum, ob die YPG-Fahne auch schon antisemitisch sei wie das Kälbermarsch-Gedicht oder zu nah an einem Terrorismus, wie er von den Verfassungsschützern definiert wird, und wer sich denn nun davon getriggert fühlen könnte. Am nächsten Morgen waren auch alle anderen Protesttransparente, die die Studierenden an die Fassade gehangen hatten, entfernt worden.
Wenn ihr also nach den zukünftigen Räumen für das Gegenwartskunstgeschehen fragt, liebe Redaktion, dann sieht es schlecht damit aus, solange wir Gegenwartskunst als eine Äußerungsform begreifen, die Zivilcourage, Solidarität, Empathie und Empörung über Unmenschlichkeit zu ihrem Antrieb hat. Wir können nicht entscheiden, ob es sich hier um institutionelle Verantwortung handelt, rechtem Druck möglichst auszuweichen, oder ob die Angst der „Räume“ vor ihrer eigenen Entmachtung sie nicht selbst zuvor schon zutiefst korrumpiert.
Ihr habt auch gefragt, wo und in welchem engeren Milieu das Projekt springerin vor drei Jahrzehnten angesiedelt war. Und wir erinnern uns an einen anderen Streik vor 30 Jahren, an dem wir beteiligt waren. Damals hatten wir die Kunsthalle in Düsseldorf blockiert, deren Ausstellung Deutschsein das Selbstbewusstsein der Deutschen stärken sollte, während in deutschen Kleinstädten die Pogrome der Neonazis an Migrant*innen stattfanden und das Recht auf politisches Asyl zum ersten Mal eingeschränkt wurde. Wir wollten die Routine einer Ausstellung unterbrechen, die angesichts dieser Pogrome Solidarität mit den Deutschen und nicht mit den migrantischen Opfern einforderte. Wir wurden als Linksfaschisten beschimpft. Es waren Zeitschriften wie springerin und Texte zur Kunst, die uns Rückhalt gaben und die Möglichkeit, uns zu äußern.5 Sich zu äußern ist kein voluntaristischer, stets abrufbarer Sprechakt, sondern ein Prozess, den man zusammen lernt. Die springerin war für uns zunächst mehr Schule als Zeitschrift. In dieser Schule lernten wir, Worte und Argumente zu finden, wir lernten, dass Worte wie Messer sein können. Wir lernten, die Worte zu schleifen, bis sie scharf genug waren zu trennen, aber auch zu teilen.
Damals agierten wir gegen ein überkommenes kulturelles Establishment aus den bequemen 1980er-Jahren, das unsensibel für die Verwerfungen der Transformationsphase und die brutalen Triumphe des Neoliberalismus war. Das ist nicht vergleichbar mit der Gegenwart der globalen Klimaerwärmung, wo Regierungen sich ihres Auftrags als Bevölkerungsvertretung im „stummen Zwang“6 kapitalistischer Logik entledigen. Wir erleben Regierungen als grelle Clownerie von Katastrophengewinnlern, des neuen Darwinismus und einer Aufteilung der Welt als Biosphäre für Reiche und all ihrer verfügbaren Ressourcen. Wir wissen es nicht und müssen doch beginnen zu fragen, wie eine Schule, Worte zu finden, in dieser Zeit aussehen soll.
Worte zu finden wird erschwert durch die Entfremdung und Monopolisierung von Reden, Schreiben und Verstehen. Worte sind oft hochgradig vergiftet durch ihre algorithmische Assoziation mit Shitstorms in den jeweiligen Kanälen. Es ist offensichtlich, dass die narzisstische Selbstradikalisierung von Identitätsdiskursen gerade im Bereich der Akademie und der Kunst ohne die Kommunikationstechnologie mit ihrer Simulierung menschlicher Emotionen in Ein- und Ausschlüssen bzw. Liebe und Hass nicht möglich gewesen wäre. Genauso viel trägt ein poststrukturalistischer Idealismus dazu bei, Worte/Sprechakte als politische Wirklichkeit zu begreifen, korrekte Codes of Conducts ernster zu nehmen als die Gnadenlosigkeit der Lieferketten.
Eine Versammlung von Studierenden auf einem Platz vor einer Universität vermittelt zunächst ein stereotyp positives Bild von Protest, freier Diskussion und potenziellem Austausch. Aber dieses Bild stimmt genauso wenig, ist genauso bedroht – wie das Rundgangeröffnungsritual.
Wenn eine Versammlung von Studierenden auf einem Platz vor der Akademie so festgegossen aussieht, als seien sie Figuren auf den leeren Plätzen Giacomettis – dem Meister der Darstellbarkeit von Entfremdung –, erdrückt von heiseren Solidaritätschören, bewacht von Polizisten, belauert von den Medien, kommentiert in den Smartphone-Kanälen, die dies und das, was triggern könnte, in ihre Netzwerke einspeisen, die die Signale so schnell wie Neuronenbahnen an die Büros der möglichen Verantwortlichen weiterleiten, die dann unter Druck geraten, Transparente abzuhängen, um unausgesprochene Konsequenzen von der Institution abzuwenden, und ihr damit noch mehr schaden – dann sind Zeitschriften als Schulen, um Worte zu finden, sehr, sehr wichtig. Dann könnte das Redaktionsbüro ein Ort sein, an dem man übt, anwesend zu sein, gemeinsame Artikel zu schreiben, Kaffee zu trinken, Zeit herzustellen, an dem man das Smartphone verliert, das heißt, an dem man lernt zu streiken.
[1] Erster Antrag der AfD, März 2019: https://dip.bundestag.de/vorgang/bds-bewegung-verurteilen-existenz-des-staates-israel-sch%C3%BCtzen/247584; gemeinsame Anträge der CDU/CSU, FDP, der Grünen und der SPD, Mai 2019: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2019/kw20-de-bds-642892; kleine Anfrage der AfD, 2. Januar 2025: https://polit-x.de/en/documents/19801175/germany/federal-level/bundestag/drucksachen/kleine-anfrage-2025-01-06-finanzierung-von-projekten-der-auswartigen-kultur-und-bildungspolitik.
[2] https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20250116_OTS0008/akademie-der-bildenden-kuenste-wien-schliesst
[3] https://www.lyrikline.org/de/gedichte/der-kaelbermarsch
[4] YPG/People’s Defense Units, Rojava; https://ypgrojava.org/english.
[5] Vgl. Alice Creischer, Deutschsein fällt aus!, in: Texte zur Kunst, Nr. 10, Juni 1993.
[6] Ein Begriff von Karl Marx, der die Reproduktion ökonomischer Macht als bestimmenden Faktor gesellschaftlicher Verhältnisse beschreibt; seine aktuelle Anwendbarkeit ist beschrieben bei Søren Mau, Stummer Zwang. Berlin 2023.