Heft 1/2025 - 30 Jahre springerin


Death to the Past

Hans-Christian Dany


1995 war super. Faserland kam auf die Welt. Gegen seine Langeweile hatte Christian Kracht eine wohlstandsverwahrloste Version von Der Fänger im Roggen geschrieben. In meinem Umfeld stieß das Buch auf Ablehnung. Ich mochte es, da ich wie der Held im Buch ständig mit der Bahn fuhr. Bereits am Neujahrstag rollte ich von Berlin zurück nach Hamburg. In der ehemaligen Mauerstadt hatte ich auf dem Chaos Communication Congress auf einem Panel über das Thule-Netz gesprochen. Die Ultrarechten entdeckten seit einiger Zeit das Internet. Um die Entwicklung zu verfolgen, sah ich ihnen unter dem Namen Christian Eckstein zu. Ganz Kind meiner Zeit gefiel es mir, meine Identität zu verbergen, und die Nazis hielt ich scheinbar für so blöd, dass sie mein Spiel mit dem Kinderreim „Eins Zwei Drei Vier Eckstein, alles muß versteckt sein“ nicht durchschauen würden. Erst langsam wurde mir klar, der Thule-Betreiber rieb sich vermutlich die Hände, dass ich seine Mailbox beobachtete, da schon damals alle gesehen werden wollten. Oder war es noch komplizierter und der Verfassungsschutz versuchte, durch das Simulieren einer Nazi-Mailbox Informationen zu sammeln oder sich durch die Inszenierung des Anstößigen eine Begründung für mehr Zugriff auf das Internet zu verschaffen? Der digitale Informationskrieg mit seinen verspiegelten Gesichtern war jedenfalls schon voll in Gang, und die Wahrheiten schienen sich zu verdoppeln.
Auf dem Kongress hatte ich Pit getroffen, und wir sprachen darüber, wie das Internet langsam seine Unschuld verlor. Noch bedrohlicher als die Netz-Nazis erschien uns das Auftauchen des Mosaic-Browsers. Mit dieser Software begann sich das World Wide Web rasant auszubreiten. An die Stelle des Gewebes aus Bulletin Board Services, in dem die vielen zu Sprechenden werden sollten, traten nun zunehmend sendende Webseiten, wodurch das Internet für kommerzielle Interessen als Werbe- und Distributionsmedium attraktiver wurde.
Als wir uns am Ende des Kongresses verabschiedeten, lud mich Pit – der es verstand, jedem Gespräch einen aufregenden Kick zu geben – zu einem „konspirativen Treffen“ in Spessart ein. Zweieinhalb Monate später fuhr ich in das Dorf in der Nähe von Frankfurt am Main, wo die Zusammenkunft in einem Bauernhaus stattfand. Um den großen Tisch saßen aufregende Leute und redeten wie die Wasserfälle. An diesem Wochenende am Land entstand der Begriff der „Netzkritik“. Neben einigen nerdigen Fragen ging es darum, wie jene Struktur, von der wir gedacht hatten, wir könnten sie selbst verwalten, nun bald unter interessierten Investoren verteilt wurde. Statt alle in Sender zu verwandeln, die aus überschüssiger Energie sendeten, was unserer romantischen Vorstellung entsprach, würden bald alle für Cash senden. Ungefähr so sah unsere Vision der kommenden Kontrollgesellschaften aus. Statt zum Arzt zu gehen, begannen einige, Kritik daran zu ihrem Beruf zu machen.
Beim Abschied wurde gleich das nächste Treffen in Budapest anberaumt. Als ich einige Wochen später mit dem Zug dorthin fuhr, unterbrach ich meine Reise in Wien und besuchte zum ersten Mal die Redaktion der gerade entstehenden Zeitschrift springer. Der Sitz des anfänglich noch männlichen Magazins befand sich in den Räumen des gleichnamigen Wissenschaftsverlags. Zeitschriften herauszugeben war in diesen Jahren trotz des Internets noch das Ding, und obwohl es bereits A.N.Y.P., Bahamas, Dank, Artfan, Neid, Heaven Sent, Frieze, Texte zur Kunst, Die Beute, documents oder Purple gab, war ein weiteres Magazin durchaus willkommen. Es gab 1.000 Fragen, und Zeitschriften lieferten Matrizen, um diese zu verhandeln, aber auch Bühnen, um das Ego darzustellen. Wo sich das bisher nur angekündigte neue Heft positionieren würde, erschien noch unklar. Helmut Lang ging in diesem Frühling durch die Decke, und ich hoffte, Mode würde eine Rolle spielen. In Wien schien alles gestalteter als dort, wo ich herkam. Die Anmutung von Form hatte auch damit zu tun, dass der Staat in Österreich im Unterschied zu Deutschland bereit war, mehr Geld für die Strukturen der zeitgenössischen Kunst auszugeben. Das gut Geförderte stand aber schnell im Verdacht, abhängige Staatskunst zu sein – eine Deutung, die die Gemengelage wiederum verkürzte. Es dauerte noch Jahre, bis ich die komplexe Haltung des „Seinesgleichen geschieht, oder warum erfindet man nicht die Geschichte?“ – wie Robert Musil den Geist der „großen Parallelaktion“ in Der Mann ohne Eigenschaften fasste, womit sich aber auch eine Wiener Leidenschaft für eine essayistische Lebenshaltung beschreiben lässt – besser verstand.
Der kurze Besuch in der Redaktion im April 1995 entpuppte sich als Beginn der Vervollständigung meiner Liaison mit der Stadt, die mit Artfan begonnen hatte. Die Affäre mit Wien verlief über die Jahre nicht immer reibungslos, wiederholt hielten mich die dort Lebenden für einen „Schnösel“ und beschimpften mich öfter mal lauthals derart. Doch nach einigem Schmollen fanden wir wieder zueinander und umarmten uns. Manchmal glaube ich, ohne diese anhaltende Verbundenheit hätte ich jene zahllosen Wege, die ich in den 30 Jahren gegangen bin, nicht durchgehalten. Ich möchte mich an dieser Stelle deshalb ganz herzlich für alles bedanken und bei der Redaktion der springerin im Besonderen dafür, dass mein deutscher Eifer, der immer zu früh anfangen wollte mit der Arbeit, für die effizientere Ökonomie des Abwartens auf den richtigen Moment geschult wurde.
Von Wien fuhr ich weiter nach Budapest, um zu tun, was, wie ich nun wusste, auch die springer(in) plante: über jene Sphäre nachzudenken, die damals noch „Netz“ genannt wurde. Nach der Ankunft wurde die Netzkritik-Gruppe in ein Restaurant eingeladen, in dem noch Froschschenkel auf der Karte standen. Schon bei der Vorspeise kam die Frage auf, wer hier eigentlich die Rechnung zahlt. Die Organisatoren drucksten herum, bis sie zugaben, Geld von der Soros-Stiftung erhalten zu haben. Jetzt entstand große Unruhe, besonders bei den Deutschen. Darf man von so einem Spekulanten Geld nehmen? Zwar gab es damals noch den heute so viel gescholtenen antideutschen Diskurs, aber ein alter Affekt wirkte stärker, angesichts des Geldgebers George Soros, der die Chuzpe besessen hatte, mit der Parole „Down with the D-Mark“ auf die eisenharte Währung zu wetten. Der Tisch ging in wildem Aufruhr auseinander. Manche verließen die Gruppe, da sie mit den Leuten, die Geld von diesem „Teufelskerl des Kapitalismus“ (Süddeutsche Zeitung) genommen hatten, nichts mehr zu tun haben wollten. Ich verbrachte die Tage im Dampfbad und ging manchmal auf die Konferenz. Den Aufstieg der antisemitischen Geister der Vergangenheit habe ich damals unterschätzt.
Ein drittes Treffen der Netzkritik-Gruppe fand in Venedig im Juni gleichzeitig zur Biennale statt. Diesmal war die Zusammenkunft Teil des Club Berlin, einer Melange aus Clubkultur und Kunst im Teatro Malibran, einem Traditionshaus in der Lagunenstadt. Der Deckel wurde diesmal mit gutem deutschen Geld bezahlt. Berlins Ruf sollte aufgebrezelt werden, um im kommenden Jahrzehnt als coolste Stadt der Welt zu gelten. Einige mussten das darstellen. Das Konzept des Auftritts klang hervorragend: „Erstellung eines maximalen Chaos als Voraussetzung für eine eigenständige Entwicklung der Party“. Die schönste Verwirrung dieses Credos lieferte der Musiker Robert Hood, der mit seiner Frau aus Detroit eingeflogen wurde. Äußerst aufgeräumt, sie im hellen Kostüm und er im schwarzen Anzug mit schmalkrempigem Hut, saßen die beiden wie ein Paar im Honeymoon auf der Piazza und löffelten ihr Eis. Ich war auch nicht aus Berlin, sondern nur ein dazu kuratierter Inhalt und schlurfte eingeschüchtert zwischen all der neuen Coolness umher. Ohne Frage, ich war beeindruckt, lernte aber schnell die andere Seite von diesem Berlin kennen: Immer gab es etwas zu nöhlen, und dann konnte es schnell recht grob werden. Worum es bei dem Drama in jener Nacht ging, habe ich vergessen. Ein Bild brannte sich mir aber ein: Dutzende Darsteller*innen des neuen Berlins standen empört in einem der oberen Räume des Theaters. In der Mitte des Raumes wand sich der Intendant des Club Berlin, sie nannten ihn Klaus, auf einem Schreibtisch. Der Körper auf der provisorischen Bühne trug einen Staubmantel, aus dem sich seine Knie nach vorne drückten, während sein Körper eine embryonale Haltung einnahm. Als er sich den Kragen über den Kopf zog, erkannte ich, der Staubmantel kam von Hugo Boss, da verließ ich den Raum.
30 Jahre später erkenne ich jenen Klaus, der sich damals auf dem Tisch gewälzt hat, auf dem Bildschirm. Er spricht aufrechtstehend, sein Mund bewegt sich, aber nichts ist zu verstehen. Klaus hat sich verändert. Seine Haare sind weiß, der Hals kräftig, und er erinnert an eine Filmfigur aus den 1980er-Jahren. Stimmen aus dem Off erklären, Klaus verkörpere an diesem Abend die deutsche Staatsräson. Eine komplizierte Rolle, denke ich, besteht sie doch darin, etwas zu sagen, was man oft gar nicht so meint. Um das Tabu, Israel zu kritisieren, zu untergraben, treten im deutschen Fernsehen, eingeladen von den Darsteller*innen der deutschen Staatsräson, ständig jüdische Menschen auf, die sich harsch von Israel distanzieren. Auch fast alle Preise, die an jüdische Kulturschaffende verliehen werden, gehen an Personen, die Israel auf das Schärfste kritisieren. An diesem Abend wurde einer kuratierten Israel-Kritikerin eine der besten Bühnen Deutschlands eingeräumt, und das deutsche Publikum war begeistert erschienen, als Nan Goldin, um Missverständnisse zu vermeiden, eine Ansprache hielt, in der sie Israel anklagte, um dann mit Deutschland ein ernstes Wort zu reden.
Während Goldin sagt, was die Deutschen wegen ihrer bescheuerten Staatsräson angeblich nicht sagen dürfen, wie schrecklich dieser Judenstaat ist und dass sie dessen Krieg in Gaza an den Holocaust erinnert, gibt ihr das dankbare Publikum mit tosendem Szenenapplaus ein ungeheuer positives Feedback. Zu Goldins Rede ließe sich noch einiges anmerken, aber der Nahostkonflikt ist eine Glaubensangelegenheit, bei der die meisten Argumente in den Wind gesprochen werden. Vielleicht denke ich deshalb in diesem Moment an Oswald Wiener, der vor 30 Jahren in einem der ersten springer(in)-Hefte über die Ergriffenheit schrieb. Wiener, ein gläubiger Mann, hatte sich früher als andere mit kybernetischen Feedbackprozessen beschäftigt. Als Erster ahnte er auch den potenziellen Absturz der kurzgeschlossenen Rückmeldungen in eine narzisstische Blase, welche die Wirklichkeit durch einen wohligen Strom, des „ich lasse mir nur noch zeigen, was ich sehen will“ ersetzt. An Wieners Überlegungen zum Feedback denke ich angesichts des glücklichen Ausdrucks in den Augen von Goldin in jenem Moment, nachdem das Berliner Publikum ihre Israel-Dämonisierung bejubelt hat.
Ein paar Tage später lese ich in der Frankfurter Rundschau ein Interview, in dem Goldin ihre Ansprache erklärt: „An diesem Abend wurde mir klar, dass große Reden wie Predigten sind. Sie haben so eine Ruf- und Antwort-Struktur.“ Vor meinem inneren Auge wiederholt sich der Auftritt von Goldin: ihre Anspannung am Anfang. Die Schweigeminute. Ihre scharfe Unterscheidung in israelische Täter und palästinensische Opfer. Der aufbrausende Jubel des deutschen Publikums in der Nationalgalerie, ergriffen von Dankbarkeit, dass die Stellvertreterin die unterdrückten Gefühle ausspricht. Als Feedback zeigt sich ein erleichtertes Lächeln auf dem Gesicht von Goldin. Alle Angst scheint von ihr abzufallen. Kurz denke ich an einen jüdischen Freund, der seit dem 7. Oktober 2023 Woche für Woche den gleichen Traum träumt, in dem er sich fragt, wer ihn verstecken wird, wenn sie kommen und ihn holen wollen.
Das Interview mit Goldin führt mich zurück zum Begriff der Netzkritik. Die Künstlerin erklärt in der Frankfurter Rundschau, wie sie zu dem, was sie für wahr hält, gekommen sei. Sie sei zu ihrer Meinung zum Konflikt gekommen, erzählt Goldin, nachdem sie über Monate auf Instagram der Kriegsberichterstattung der Vloggerin Bisan Owda gefolgt wäre, wie so viele in der Kunstwelt. Owda, die in der Meta-Welt „Wizard Bisan1“ heißt, ist eine begnadete Geschichtenerzählerin. Hochemotional schildert sie den Hunger wie das Leid, ergänzt durch die kanonischen Falschmeldungen der Hamas. All das sendet Owda über Wochen mit dem Hinweis, sie sei wie alle in Gaza vom Internet abgeschnitten – doch wie von Zauberhand gelang es ihr im selben Moment, in das Netz zu senden. Der Verbindung mit dem Publikum tut dieser Riss, wie zahlreiche Widersprüche ihrer Erzählung, keinen Abbruch. Und warum sollte ich Odwa, die seit 2015 mit der Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP) eng verbunden ist, auch als Wahrheit hinterfragen? „Was wir heute Wahrheit nennen, ist nicht, was wahr ist, sondern was man anderen einreden kann“, schrieb Montaigne bereits 1580. Und im Krieg erleidet die Wahrheit bekanntermaßen zuerst Schiffbruch. Um ein in der Kunst gängiges Vokabular zu benutzen, lässt sich Odwas „oral history“ als involvierte „Research“ betrachten, bei dem der eigene moralische Imperativ über die Wahrheit der anderen gehoben wird. Theoretisch ließe sich ihre „Überredungsstrategie“ mit einem Vokabular legitimieren, das Donna Haraway in ihrem Essay Situiertes Wissen (1988) gegen die herkömmliche Vorstellung von Wahrheit in Stellung brachte, da jede „Objektivitätsvorstellung“ ein „göttlicher Trick“ der patriarchalen Gesellschaft wäre.
Am Ende des letzten Jahrtausends, als Haraway dies schrieb, schien eine derart subjektiv zugespitzte Gegenwahrheit ein geeignetes Mittel, um die patriarchalen Hegemonien zu brechen. In einer Dekade der Politik der Affekte öffnet ein solches strategisches Überreden zur gewünschten Wahrheit dem „Krypto-Antisemitismus“ die Tür. Unter dem Begriff fasst Theodor W. Adorno das Wechselspiel aus geflüsterten Gerüchten und Verschwörungstheorien, wie ein pseudorebellischer Gestus, der gegen eine angenommene Autorität aufbegehrt, die angeblich jede Kritik am Judentum und seinen Ausformungen unterdrückt. Gerade die Revolte der sich unterdrückt erlebenden Stimmen, denen der Vater Staat den Mund verbietet, feierte in den letzten anderthalb Jahren fast orgiastische Zustände, so als sei dies die letzte mögliche Revolte. Auch Goldin beklagte das „Silencing“, das manche Autoritätshörige erleben, wenn ihr Aufschrei gegen das Tabu nicht mehr bezahlt wird. Aber warum schreibe ich diesen Namen überhaupt: Adorno gilt doch als kalter Kaffee. Ein weißer Gott, dessen Texte schon lange von avancierten Diskursen überholt wurden. Mittlerweile haben die der Zukunft Zugewandten erkannt, dass der Ballast der deutschen Schuld mit seinem wichtigtuerischen Holocaust nur ein Denkverbot sei, um das wirkliche Grauen zu vertuschen. In der Analyse dieser Erkenntnis treffen sich schon seit einigen Jahren Teile der von der postkolonialen Theorie geprägten Linken mit den Identitären bei den Schriften von Dirk Moses, dessen Essay Katechismus der Deutschen von Martin Sellner in der Zeitschrift Sezession bereits 2021 fasziniert zur Kenntnis genommen wurde. Noch gehen diese Strömungen der Rebellion gegen die unterdrückte Erlösung von dem Tabu nicht wirklich Hand in Hand, aber vielleicht ist das nur eine Frage der Zeit, bis alle gemeinsam singen: „There is only one solution.“
In der prekär erlebten Gegenwart braucht es aber nicht allein Einigkeit, sondern auch einen pragmatischen Realismus, der aufgrund der Härte der Gegebenheiten darüber hinwegsieht, dass Instagram, wo Odwas Kriegsberichterstattung, die Goldins Rede begründete, übertragen wird, kein unabhängiges Medium ist, sondern das Angebot eines Großkonzerns. Aber auch hier gibt es Antworten aus den 1990er-Jahren, die bereits in den 1960ern Gültigkeit hatten: Odwa zweckentfremdet die leere Oberfläche und besetzt sie mit ihren brennenden Inhalten. Die Neo-Situationistin im 21. Jahrhundert erkennt aber, dass sie ihr Geschäft des Détournement professionalisieren muss. Denn trotz 4,8 Millionen Followern verdiente Odwa in der ausbeuterischen Struktur von Meta mit ihren Klicks einfach zu wenig, um ihr Business so aufzustellen, wie es ihre politischen Notwendigkeiten erfordern. Sie begann deshalb, per Crowdfunding Geld zu sammeln. Dass dieses Geld an bedürftige Familien gehen würde, war ein Missverständnis. Die eingesammelten 400.000 Dollar verwendete sie zielgerichtet für den Aufbau ihrer Firma, die seitdem mit optimierter Videotechnik ihr Geschäft der Affekte betreibt. Den Ritterschlag erhielt Odwa von der National Academy of Television durch die Verleihung eines Emmys, handelt es sich doch bei ihrem Reality-TV um innovatives Internetfernsehen, das es versteht, sein Publikum emotional abzuholen. Elend als tägliche Gänsehaut im privilegierten Schutzraum – erregend und beschämend. Futter für einen westlichen Selbsthass, der dann wiederum auf andere projiziert werden kann.
Im medialen Komplex normalisieren sich aber mittlerweile auf viel höherem Niveau Ähnlichkeiten, die die Befreiung beschwören. Da ruft Elon Musk bei einer AfD-Veranstaltung den jubelnden Deutschen zu, es sei wieder okay, als Deutscher stolz auf sich zu sein: „There is too much focus on past guilt and we need to move beyond that“, und die Nationalfahnen werden im Publikum geschwungen. Gleichzeitig titelt die marxistische Zeitschrift Jacobin: „Germany’s reckoning with the past is no longer a model“, und die Lesenden schwingen die Fahne einer Nation, die sie Palästina nennen. Zumindest in der Frage der Erlösung von der deutschen Schuld besteht derzeit offensichtlich Einigkeit von rechts nach links.
Zeitschriften machen heißt, die Jetztzeit mitzuschreiben. Aber heißt das mitzuschreiben, was uns die Telefone via Met an gewünschten Bildern vermitteln? Oswald Wiener beschrieb diese Dynamik, allein das Gewünschte für wirklich zu halten, in Die Verbesserung von Mitteleuropa mit dem Bild des Bioadapters als Albtraum. Einem Helm, den man sich über den Kopf stülpen kann, um nur noch zu sehen, was man sehen will – eine Glaubensmaschine für die totale Gegenwart der Wünsche.