Heft 1/2025 - 30 Jahre springerin


Die sonderbare Abdankung des wohlwollenden „Westernisierers“

Boris Buden


In einem der springerin nahestehenden Medium, der internationalen Mailingliste Nettime, postete Ende Januar Brian Holmes, eines der aktivsten Mitglieder, eine Mail mit dem Betreff: „Wozu also Kunst, Theorie, Aktivismus?“ Darin reagierte Holmes auf die zweite Amtseinführung von Donald Trump als 47. Präsident der Vereinigten Staaten, die ein paar Tage zuvor am 20. Januar stattgefunden hatte. Holmes ist ein amerikanischer Philosoph, Politaktivist und Kulturarbeiter, der in der Kunstszene Europas bekannt ist und auch regelmäßig für die springerin schreibt.
Diesmal aber lieferte er keine seiner hellsichtigen politischen Analysen in Bezug auf das Ereignis oder allgemein das Phänomen Trump. Stattdessen kam eine kurze kritische Selbstreflexion, ein bitteres Eingeständnis, nah an Verzweiflung: „Die Themen, die diese Mailingliste seit mehr als 30 Jahren umtreiben, liegen zerschmettert vor uns. Die Chance auf eine offenere und gerechtere Welt, an die wir alle auf die oder andere Art geglaubt haben, wurde von einer gigantischen Abrissbirne hinweggefegt.“
Dieses Statement könnte eins zu eins auch für die springerin gelten. Die gleichaltrige Kunstzeitschrift aus Wien teilt mit Nettime mehr als das, was Holmes „idealistische Ziele“ nennt, nämlich die Erfahrung, in einer gemeinsamen Welt in einer gemeinsamen historischen Epoche zu leben. Mit anderen Worten ist die springerin eine echte Zeitgenossin von Nettime, die mit ihrem digitalen Peer die gemeinsame historische Zeit aktiv teilt und zwar in deutlichem Gegensatz zu der einstmals herrschenden Ideologie der Posthistorie.
Entscheidend ist demgemäß, „aktiv“ zu sein – sich nicht nur klarzumachen, dass man in einer sich rasch verändernden Welt lebt, sondern dass man diese auch verändern kann. So wurden wir Zeug*innen einer Geschichte, die unter anderem auch von uns selbst gemacht wurde. Das war letztlich auch der Grund, warum wir der weltlichen Trinität von Kunst, Theorie und Aktivismus so ergeben waren – vor 30 Jahren war es schlicht überflüssig zu fragen, ob deren Gebrauch sinnlos sei. Warum auch? Schließlich konnte man ihre Grenzen frei und froh überschreiten und vorwärts in Richtung einer noch besseren Welt streben. Um uns herum stürzten die Mauern ein, auch jene zwischen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur. Besonders Letztere genoss eine enorme Expansion. Nicht nur war Kultur nun überall. Alles wurde Kultur, sogar die Geschichte. Und genau im Rahmen dieses allgemeinen Laufs der Geschichte im Zeichen des kulturellen Fortschritts schien der Gebrauch von Kunst, Theorie und Aktivismus für sich selbst zu sprechen. Außerdem hatte man, wenn man Kunst machte, Theorie schrieb oder Aktivist*in war, den Eindruck, zu einer Elite des geschichtlichen Fortschritts, wenn nicht gar, zu einer Avantgarde zu gehören.
Im Rückblick überrascht indes die krasse Schlichtheit dieses Weltbilds. Es wurde aus ein paar Banalitäten zusammengezimmert: dass die Demokratie gut sei, der Kapitalismus mehr oder weniger harmlos, der Krieg schlecht, alle Menschen Frieden wollten, Technik das Leben besser mache, die Theorie erkläre, was rund um uns geschieht, und eine Leitlinie für gesellschaftliche Veränderungen biete, und der Aktivismus, wenn er seine Ziele nur nachdrücklich genug verfolge, früher oder später die Welt verbessern würde. Und die Kunst? Die Kunst war natürlich mehr als nur schön, sie war frei, und zwar nicht nur von ideologischen und politischen Zwängen, sondern frei, sich aktiv an der fortschrittlichen Veränderung der Welt zu beteiligen. Und diese Rolle konnte man begeistert annehmen.
Zudem sah die neue Weltordnung stabil und transparent aus. Auf dem Thron saß nun der unanfechtbare Sieger des Kalten Krieges. Um seine Machthierarchie und nackten Eigeninteressen zu verschleiern, gab er sich den ziemlich hochtrabenden Namen einer „Wertegemeinschaft“ – aka „der Westen“. Das vereinfachte die Kontrolle über die neue Weltordnung erheblich, denn wie immer die Frage nun lautete, die Antwort war immer: „der Westen“. Wo immer wir falsch abbogen, ging der richtige Ausweg nach Westen. Und was auch immer die Krankheit war, die Therapie hieß stets „Westernisierung“.
Die meisten, die damals mit Kunst, Theorie und Aktivismus zu tun hatten, blieben diesem Kurs treu. Mit wenigen Ausnahmen taten sie dies spontan und ohne ernsthaft kritische Selbstreflexion. An diesem Punkt waren ja auch die sogenannten westlichen Werte bereits essenzialisiert, verinnerlicht, und erschienen daher so natürlich, dass sie als gesunder Menschenverstand firmierten. Die Gewöhnung an diese Ideologie war so stark, dass sie sogar in einem Idealtypus personifiziert wurde. Man könnte ihn „wohlwollende Westernisierer“ nennen – Künstler*innen, Kurator*innen, Theoretiker*innen, Aktivist*innen, alle hatten sie teil an den historischen Transformationen der globalisierten Welt der 1990er-Jahre. Diese Figur implizierte nicht nur „echte“ Westler*innen, solche, die in dieser oder jener Hinsicht selbst aus dem Westen stammten, sondern umgekehrt auch Bewohner*innen der „Restwelt“, die im selben ideologischen Strudel gefangen waren, nämlich den richtigen Weg nach vorne, kurzum nach Westen zu finden. Schließlich konnten dessen „Werte“ ihre ideologische Funktion nur dann erfüllen, wenn sie von allen akzeptiert werden. Und wurde die westliche zeitgenössische Kunst zur zeitgenössischen Kunst schlechthin. Auch die Parteiendemokratie, Rechtsstaatlichkeit, freie unabhängige Medien und andere demokratische Ideale existierten scheinbar ausschließlich im Westen. Und eine starke Zivilgesellschaft, die man für eine „gesunde Demokratie“ für unabdingbar hielt, war dank selbstloser Aktivist*innen nur im Westen voll ausgeprägt. Obwohl die Figur des wohlwollenden Westernisierers nicht mehr als eine ideologische Kreatur seiner Zeit war, gab es sie tatsächlich. Ihre Kunst, ihre Theorie und ihr Aktivismus hatten reale Auswirkungen und veränderten nicht selten die Welt erfolgreich zum Besseren. Und doch konnte sie nicht verhindern, dass sich die Welt zum Schlechten verwandelte.
Die Welt der 1990er-Jahre, in denen die springerin und Nettime gegründet wurden, hatte auch eine nicht so sonnige Seite, für welche die wohlwollenden Westernisierer strukturell blind waren. Auf dieser Seite der Welt war der Westen nicht so sehr die Antwort, sondern bloß eine von vielen unbeantworteten Fragen. Hier gab es für die, die sich verloren vorkamen, keinen Ausweg, hier gab es keine Therapie für die Kranken. So stark er auch war, der gute Wille unserer wohlwollenden Westernisierer wirkte hier einfach nicht.
Im Jahr 1995 erschien das erste Heft der springerin, und Nettime schickte den ersten E-Mail-Thread aus. Zugleich tobte nur wenige Hundert Kilometer südlich von Wien seit vier Jahren bereits ein blutiger Krieg. Ein multiethnisches, multikonfessionelles, föderales Land zerfiel just ab dem Moment, ab dem die glorreiche westliche Demokratie Einzug gehalten hatte. Diese Seite der Welt war recht hässlich. Es gab nationalistischen Hass, ethnische Säuberungen, die Zerstörung ganzer Städte, Massenvergewaltigungen und Massaker an Zivilist*innen. Im selben Jahr im Juli fand in Srebrenica ein Genozid statt.
Ohne eine Vorstellung zu haben, wie eine gerechte politische Lösung der Jugoslawienkriege aussehen könnte, hatte der Westen immerhin eine klare und weithin akzeptierte Erklärung für deren Ursache – sie seien eine kulturelle Anomalie. Mit anderen Worten wurden die Jugoslawienkriege „balkanisiert“, das heißt von der westlichen Zivilisation abgeschnitten und dem Vergessen in den Schluchten des Balkans anheimgegeben. Von dort kamen sie ja auch angeblich, und dort gehörten sie auch hin. In den 1990er-Jahren galt ein Krieg in Europa noch undenkbar, wenngleich die jugoslawischen Kriege bereits mitten in Europa stattfanden.
Und doch wagten es damals nur wenige, anders zu denken. In seinem Buch Homo sacer deutete Giorgio Agamben die tragische Auflösung Jugoslawiens nicht als temporäre Ausnahme in der existierenden Ordnung, nicht als plötzlichen Rückfall in die Barbarei, nicht als Thomas Hobbes’ Krieg aller gegen alle, der früher oder später von neuen Gesellschaftsverträgen und der Wiederherstellung staatlicher Ordnung abgelöst würde. Agamben verstand die Jugoslawienkriege vielmehr als „blutige Vorboten“ eines permanenten Kriegsregimes, das sich auf der ganzen Erde ausbreiten werde, wenn man es nicht bekämpfte. Er sah den endgültigen Zerfall der alten internationalen Ordnung und das Entstehen eines globalen Systems voraus, in dem Europa und der Westen ihre Vorherrschaft einbüßen würden. Kurz gesagt sah Agamben im blutigen Zusammenbruch Jugoslawiens nicht das kulturelle Andere der europäischen Vergangenheit, sondern die kommende Auflösung der eurozentrischen Weltordnung schlechthin. Und diese Auflösung erleben wir gerade in Echtzeit im Zusammenhang mit neuen, sogar noch übleren Kriegen und Genoziden.
Um also auf die Frage von Brian Holmes zurückzukommen, wozu Kunst, Theorie und Aktivismus gut seien, „wenn die Welt sich in eine Klimahölle verwandelt, Technologie die Gehirne und Herzen der Menschen vergiftet, und die jeweils diensthabende faschistische Partei bald von der Mehrheit gewählt wird oder die Macht schon übernommen hat“? – Unser wohlwollende Westernisierer, der/die diese Frage damals als irrelevant abgetan hat, wird sie auch heute, drei Jahrzehnte später, mit Sicherheit nicht beantworten können. Nicht, weil er/sie aus der Geschichte, an der er/sie so begeistert teilhatte, nichts gelernt hätte. Nein, es gibt diese Figur einfach nicht mehr. Weder hat sie sich mit vor Scham gesenktem Haupt, weil sie uns in eine Sackgasse geführt hat, von der historischen Bühne verabschiedet. Noch ist sie friedlich eines natürlichen Todes gestorben. Nein, sie hat sich wie eine überreife Frucht aufgebläht und einen ganzen Schwarm monströser Wesen, die die Welt bisher nicht kannte, wie Samen ausgeschickt.
Diese Wesen beherrschen heute die Szene: feministischer Kriegstreiberinnen, deren toxische Männlichkeit jeden früheren Militaristen sanft und harmlos erscheinen lässt; ein Gründervater der europäischen Grünen, der in einem Atemzug Kernkraftwerke ablehnt und nukleare Sprengköpfe befürwortet; eine LGBTQ-Faschistin, die sich für einen homophoben Diktator und Kriegsverbrecher ausspricht; ein Christdemokrat, angeblich gläubig, der sich mit Faschist*innen verbündet, um aus seinem Land die „Gotteskinder“ einer anderen, angeblich fremden Kultur zu vertreiben; ein Linksliberaler, der zu den Waffen ruft, um die internationale Ordnung und die Prinzipien der nationalen Souveränität bzw. territorialen Integrität zu schützen, während er gleichzeitig Waffen an eklatante Kriegsverbrecher und Massenkindsmörder liefert, die just dieselbe internationale Rechtsordnung mit ihren Prinzipien der nationalen Souveränität und territorialen Integrität jahrzehntelang missachteten … und ein General, der beim Aufruf zu Besonnenheit und Frieden ausgerechnet Erich Maria Remarque zitiert.
Wer noch mehr Geschichten aus dem seltsamen Nachleben des wohlwollenden Westernisierers lesen möchte, findet sie in einem mehr als 100 Jahre alten Drama, das aus öffentlich getätigten Zitaten aus dem Ersten Weltkrieg besteht, nämlich Die letzten Tagen der Menschheit von Karl Kraus. Wollen wir alle hoffen, auch wenn es zusehends unrealistisch scheint, dass die Zitate, die wir heute sammeln, nicht die letzten Worte der Menschheit sind, obwohl wir jetzt bereits wissen, dass sie wohl die letzten Worte des Westens sein werden.

 

Übersetzt von Thomas Raab