Seit 30 Jahren wird die zeitgenössische Kunst mehr und mehr vom Konsens geprägt. Eines der deutlichsten Zeichen dafür ist, von wie wenigen Konflikte man hört. Es geht in den Auseinandersetzungen in der Kunstwelt nicht mehr um offen verteidigte Inhalte. Konfrontationen werden nicht mehr sichtbar, sondern hinter verschlossenen Türen bzw. privat ausgetragen. Als Folge davon wird auch die Kunstkritik immer unwichtiger und harmloser, und Meinungsverschiedenheiten über Werte sind in der Kunstwelt praktisch verschwunden.
Ein weiteres Resultat der Entwicklung in den vergangenen 30 Jahren ist, dass die Meinung des Publikums viel unwichtiger geworden ist. Damit meine ich zweierlei. Erstens wohnt den Plattformen, auf denen das Publikum seine Meinung kundtun kann, im Vergleich zu anderen Kunstgattungen eine gewisse Zeitverzögerung inne, und zweitens bleiben die Laufbahnen der Künstler*innen von dieser Meinung meist gänzlich unberührt. Die wachsende Belanglosigkeit dessen, was das Publikum denkt, führte zu einer Lage, in der es sichtlich ausreichend und allein entscheidend ist, was die Profis denken. Eine der wichtigsten Rollen von Kritiker*innen, nämlich als Brücke zwischen Kunst und öffentlicher Meinung zu fungieren, ist damit ebenso obsolet geworden. Die Öffentlichkeit hat heute so gut wie keine Auswirkung auf die Bewertung von Kunstwerken mehr.
Unsere aktuelle Aufgabe muss es daher sein, die Debatten über Kunst so zu gestalten, dass die Meinungen des Publikums wieder mehr Gewicht bekommen und kritische Kunstdiskurse wieder größeren Einfluss auf die Kunstwelt erlangen. Zudem ist die Bedeutung von Kunst im Augenblick vorwiegend durch karrierebezogene Entscheidungen der im Feld Arbeitenden geprägt. Das kann sich jedoch ändern und damit künstlerische Experimente möglich machen, die Kunst und Leben wieder besser ausbalancieren. Kunst könnte sich im Zuge dessen wieder direkter mit den derzeit weltweit sich verändernden Lebensbedingungen auseinandersetzen – sofern diese immer stärker von neuen Technologien und den entsprechenden Konzernen geprägt werden.
Die Idee eines Ringkampfs, das heißt eines Kampfes in einem abgesteckten Raum mit vereinbarten Regeln, böte die Möglichkeit, Machtkämpfe innerhalb der Kunstwelt zu diskutieren. Wie setzen sich Künstler*innen mit Kritiker*innen oder auch Museumsdirektor*innen auseinander und wie sollten sie es tun? Wie können sie das Publikum aus der Defensive locken? Oder es vielleicht sogar in der Kunst der Auseinandersetzung schulen? Etwas überzeichnet ausgedrückt: Könnte eine „kämpferische Wende“ in der Kunst den kritischen Diskurs wieder kritischer machen?
Ich möchte in diesem Zusammenhang die direkten Verbindungen zwischen Kunst und Konflikt anhand von Sportarten wie Wrestling oder Boxen näher ins Auge fassen. Diese werden oft mit Widersetzlichkeit und Rebellion in Zusammenhang gebracht und bilden daher eine passende Folie sowohl für Menschen, die durch gesellschaftliche Normen an den Rand gedrängt werden, als auch für Künstler*innen, die die Konventionen der Kunstwelt auf den Prüfstand stellen wollen. Durch die Analyse, wie sich solche Kämpfe abspielen, möchte ich analog auch etwas darüber herausfinden, wie die Avantgarde fiktive oder echte Konflikte dazu verwendet, das Publikum einzubeziehen oder einen Dialog mit ihm zu provozieren.
Am 20. September 2017 versammelte Hiwa K mit seiner Arbeit Pin-Down die Amsterdamer Kunstszene um einen Kampfsportring.1 Das De Appel veranstaltete gemeinsam mit dem El Otmani Gym, einem stadtbekannten Kampfsportklub, eine Performance, bei der der irakisch-kurdische Künstler Hiwa K selbst und der ebenfalls in Berlin lebende irakisch-kurdische Philosoph und Taxifahrer Bakir Alo aufeinandertrafen. Die beiden Kontrahenten kämpften nicht nur körperlich gegeneinander, sondern auch verbal in einer Debatte über die kurdische Frage, Vertreibung und soziale Gleichheit. Zu Beginn redeten die beiden noch normal miteinander, doch nach und nach gingen sie während des Gesprächs in verschiedene Ringkampfstellungen über. In einem Interview erwähnte Hiwa K, dass die Idee zu der Performance spontan entstand, als ein Gespräch zwischen den beiden in seinem Atelier plötzlich handgreiflich wurde.2 Der Künstler deutete diese Eskalation als symbolischen „Verrat“ am Dialog, weil sie den natürlichen Gesprächsverlauf unterbrach und auch als Warnung an Künstler*innen gelesen werden kann, wenn diese explizit Stellung beziehen.
Ebenfalls 2017 thematisierte Hiwa K die Probleme, die kurdische Identität innerhalb der doch recht abgekapselten Kunstwelt zu diskutieren, mit einer Performance im Rahmen der Ausstellung To Remember, Sometimes You Need Different Tools im De Appel. Auch hier kam es zu einem Ringkampf als dialogisches Medium. Das führte zu der Frage, warum der Künstler überhaupt solche krasse Mittel wählt, um seine Themen anzusprechen. Was Hiwa K hinterfragen wollte, ist, ob man konfliktfrei über politisch und kulturell heikle Themen sprechen kann. Seiner Meinung nach erwies sich das normale Gespräch als unzureichend, sodass der Übergang in einen Ringkampf ganz natürlich erschien. Dies zeigt auch, dass der Künstler nicht an das klassische „Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen“ glaubt. Stattdessen plädiert er bei schwierigen Themen für die körperliche Auseinandersetzung. Besonders spannend ist, dass für Hiwa K die Diskussion über integrative kulturelle Themen wie die kurdische Frage einen „Verrat“ an sterilen Sprachnormen darstelle.
Jedenfalls stellt er mit seinen Performances die radikale Frage, ob Kunst politische und kulturelle Themen denn konfliktfrei behandeln kann. Seine Ringkämpfe sind direkt und metaphorisch gemeint. Sie zwingen das Publikum, sich zu überlegen, wo in kulturellen Belangen eigentlich die Grenzen zwischen verbaler und körperlicher Gewalt verlaufen. Pin-Down überschreitet die Normen der Höflichkeit, und genau deswegen zeigt sich daran, dass ein brutalerer, aber dafür ehrlicherer Umgang mit in der Kunst sonst verpönten Themen möglich ist. Das Publikum erlebt am eigenen Leib, wie eine Auseinandersetzung handgreiflich wird und wird so mit seiner eigenen Haltung konfrontiert. Ist man passiver Beobachter*in oder nimmt man am Kulturkampf, der sich vor den eigenen Augen abspielt, aktiv teil?
Diese Spannung zwischen Passivität und Engagement führt weiter zu der Frage, welche Rolle das Publikum in der Kunst spielt. Halil Altındere kuratierte unlängst im Alexandre-Vallaury-Gebäude der Union Française im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu die Ausstellung Our Body Is A Battleground mit Arbeiten aus der Sammlung Agah Uğur. Gözde Mimiko Türkkan baute zu diesem Anlass für ihre Performance/Installation Fight Like a Girl (2022) ebenfalls einen Kampfring im Kunstraum auf. Diesmal waren aber nicht Ringen oder klassisches Boxen die Medien der Wahl, sondern Thaiboxen. Die Künstlerin trat gegen Bihter Sabanoğlu, eine Schriftstellerin und Kunstkritikerin, zu einem Schaukampf an, der auf Video aufgenommen wurde. Explizites kuratorisches Ziel war, ein demografisch neues Publikum zu erreichen, weshalb sich Türkkan in der Ausstellung sogar als Thaiboxtrainerin anbot. Leute, die lieber privat bleiben wollten, konnten die Trainings auch nach den Öffnungszeiten konsumieren.
Eine solche Verschmelzung von Kunst und Kampfsport wirft die interessante Frage auf, was eigentlich ein Kunstraum ist. War der Ausstellungsraum auch noch Ausstellungsraum, als darin Thaiboxtrainings stattfanden, oder doch ein Gym? Die Trainings verwischten die Grenze zwischen Kunst und Leben. Zudem diente der Kampfring als metaphorische Arena, in der die Beziehungen und potenziellen Konflikte zwischen verschiedenen Beteiligten an der Kunstwelt – Künstler*innen, Kritiker*innen, Direktor*innen, Sammler*innen – unmittelbar sichtbar wurden. In diesem symbolischen Raum wurde auch deutlich, dass nicht alle Interaktionen in der Kunstwelt von ökonomischen Faktoren bestimmt sind, sondern dass man ihre Prestige- und Machtdynamik nuancierter verstehen muss.
Dana Hoey ist eine weitere Künstlerin, die den Kampfsport, besonders das Kampftraining für Frauen, das diese auch außerhalb der Kunst gut brauchen können, in die Kunst einbringt. Im Rahmen ihrer Ausstellung Dana Hoey Presents 2019 in der Petzel Gallery in New York3 und zuvor am Museum of Contemporary Art in Detroit 2017 organisierte sie Thaiboxabende für Frauen. Die Teilnehmerinnen bekamen ein Kampftraining, unter anderem in Jiu-Jitsu, um sich für Situationen in der realen Welt zu wappnen.
Für ihre Ausstellung in Detroit organisierte Hoey Performances, die Bürger*innen und Polizist*innen zu Jiu-Jitsu-Trainings zusammenbrachten, um damit gegen die Polizeigewalt in den USA zu wirken. Der Name des Kampfrings in der „Petzel Gallery Sweet Arena“ (2019) ist nicht nur an eine echte Arena angelehnt, das „Süße“ besteht auch in der Hoffnung, in Kampfsituationen den Schwächeren helfen zu können.
Hoey richtet mit ihrer Arbeit den Blick auf die Chancen der Kunst, Benachteiligten in ihrem Alltag zu helfen. Damit unterscheidet sie sich von den zuvor genannten „Kampfkünstler*innen“, denkt sie doch über den Kunstbetrieb hinaus. Ihre Kampftrainings für Frauen erweitern die Metapher des Konflikts auf Alltagsprobleme und zeigen, dass die Kunst benachteiligte Menschen tatsächlich ermächtigen kann und sich nicht in der Kritik institutioneller Machdynamiken erschöpfen muss.
Abseits des Kampfrings gibt es noch andere Ansätze, um die Idee des Kämpferischen in die Kunst zu transferieren. So skizzierte der chinesische Künstler Li Liao im Rahmen seiner Schau Attacking the Boxer from Behind is Forbidden (Eli Klein Gallery New York, 2015) nur die Umrisse eines Ringes auf dem Boden des Ausstellungsraums, in dem er dann einen echten Boxer platzierte. Diesem Boxer trug er auf, in Boxmontur samt Handschuhen in einer Ecke des den Ring darstellenden Feldes auf dem Boden zu sitzen. Betraten Besucher*innen das Feld, sprang der Boxer sofort auf, um diese mit Boxschritten und angedeuteten Schlägen zu verjagen. Die Performance diente also dazu, das Publikum abzuschrecken.
Wichtig ist, das Li Liao den Boxer nicht selbst darstellte. Er bediente sich vielmehr der Fäuste eines Dritten, um die Idee zu unterstreichen, dass der Künstler selbst die Distanz zwischen dem Publikum und seinem Werk durch Mittelsleute steuert. Die entstehende Dynamik erzeugte beim Publikum das Gefühl, gejagt zu werden, und das stand im Gegensatz zu Lis früheren Arbeiten, in denen er meist seine eigene Verletzlichkeit bloßstellte. Der Gegensatz zwischen dem Künstler und dem von ihm engagierten Profiboxer führt ein Risiko- und Spannungsmoment ein, das vielleicht die Essenz des Mediums Performance schlechthin ist. Dadurch, dass Li Liao die Konfrontation an einen Profi delegierte, spielte er mit der Distanz zwischen Kunst und Publikum: Seine Rolle eines Mittlers erzeugte eine scheinbar unberechenbare Machtdynamik, die das Publikums in seiner Behaglichkeit verunsicherte.
Bei all diesen Werken wird das Publikum von passiven Beobachter*innen zu aktiv Teilnehmenden, die ihre eigene Stellung im Kunstraum eruieren. Bei Türkkan wird das Publikum trainiert, bei Li Liao wird es aus dem Ring vertrieben und seines Sicherheits- und Distanzgefühls beraubt. Gemeinsam belegen diese Arbeiten einen neuen Trend, das Kämpferische in der Kunst zu verhandeln. Es geht nicht mehr um die metaphorische Repräsentation von Institutionskritik, wie bei Hiwa K ersichtlich, sondern um Mitmachen und Empowerment, wie Türkkan and Hoey zeigen. Kunst thematisiert damit Konflikt und Gewalt auf eine ganz neue Art.
Ich fasse zusammen: Wir sind heute mit immer mehr Künstler*innen konfrontiert, die politisch und kulturell Partei ergreifen müssen oder sich auf die „richtige“ Seite der „korrekten“ Sensibilität stellen wollen. Diese Künstler*innen wollen kämpfen – entweder boxen, thaiboxen oder ringen, sie machen Jiu-Jitsu oder lassen Profiboxer aufs Publikum los. Damit nutzen sie den Kampf als Medium, um die Normen der Kunstwelt zu kritisieren. Angesichts des unerbittlichen Drucks durch den Rechtspopulismus benötigen wir vielleicht wirklich eine entsprechende Arena jenseits unserer persönlichen Sensibilitäten. Wir brauchen womöglich eine „noch süßere Arena“, in der es beim Kämpfen nicht darum geht, sich auf diese oder jene Seite zu schlagen, sondern um die Möglichkeiten der Kunst und des Lebens an sich. Um dieser kämpferischen Wende im Kunstdiskurs Vorschub zu leisten, muss sich auch die Kunstkritik verändern. Sie darf nicht mehr nur über bestehende Strukturen nachdenken oder im Zuge dessen diese Strukturen legitimieren. Sie muss sich aktiv daran beteiligen, Räume für unsere vertrackten Konflikte zu schaffen, Stimmen hörbar zu machen und einen sinnvollen Dialog zu ermöglichen, der über den Status quo hinausgeht.
Übersetzt von Thomas Raab
[1] Vgl. https://www.deappel.nl/en/archive/events/1110-hiwa-k-pin-down.
[2] „Pinned Down“, Interview mit Hiwa K von Chris Clarke, in: Art Monthly, 451 (November 2021), S. 1–5.
[3] Vgl. https://dailyartfair.com/exhibition/9792/dana-hoey-petzel-gallery. [Ich danke Gözde Mimiko Türkkan für den Hinweis auf Dana Hoey.]