Heft 1/2025 - Netzteil


Kartografien des Anthropozän

Über Brian Holmes’ politische Ökologie

Christoph Chwatal


Als Kulturtheoretiker ist Brian Holmes durch Publikationen wie Unleashing the Collective Phantoms bekannt geworden.1 Seit den 1990er-Jahren setzt er sich mit der Frage auseinander, ob ein organisierter Widerstand gegen den Kapitalismus möglich ist und welche Formen vernetzten Protests hierfür erforderlich sind. Das Verhältnis zwischen Kunst und Politik steht immer wieder im Zentrum seiner kunsttheoretischen Arbeit.2 Als künstlerisch Forschender trat Holmes regelmäßig mit komplexen Kartografien in Erscheinung, meist im Rahmen von Kollektiven. In den späten 1990ern lag der Schwerpunkt seiner Arbeit auf politischer Ökonomie, etwa in Zusammenarbeit mit Bureau d’Études, einem 1998 in Paris gegründeten Kollektiv.3 Bureau d’Études, der Name verweist auf ein unabhängiges Büro für technisch-wissenschaftliche Expertise, wurde bekannt für diagrammatische Darstellungen der weitreichenden Verflechtungen und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Banken, Fonds, staatlichen Einrichtungen und global agierenden Konzernen. Auf der Grundlage frei verfügbarer Daten wurden politisch-ökonomische Machtstrukturen, die wie ein Netz den Globus umspannen, in Diagrammen und Organigrammen erfasst – eine Verbindung von ästhetischer Form und epistemischem Gehalt.
In Holmes’ jüngeren Projekten scheint es, als sei die Abstraktion des „Counter-mappings“ einem situierteren Zugang und einer weniger rigiden Ästhetik gewichen. Auch die Form des Erkundens und „Bewohnens“ scheint sich geändert zu haben, und der Fokus seiner Arbeit mit und in sozialen Bewegungen und Bürger*innenorganisationen hat sich von der politischen Ökonomie hin zur Ökologie verschoben, einer „cultural critique of too-late capitalism, aka the Anthropocene“4. Der heute in Chicago lebende Holmes hat in den letzten Jahren an unterschiedlichen kollaborativen Kartografieprojekten gearbeitet, die alle der Prämisse folgen, dass das Anthropozän nicht etwas Abstraktes ist, sondern eine politische Ökologie darstellt, die immer auch konkret verortet sein muss: „It’s visible everywhere – if you learn how to see it, how to explain it, and how to link it to other phenomena, both social and natural. Wherever you might happen to be, you can write a field guide to the Anthropocene.“5
Deep Time Chicago, an dessen Gründung Holmes 2016 im Rahmen des „Anthropocene Curriculum“ des Berliner Haus der Kulturen der Welt beteiligt war, ist ein Zusammenschluss von Künstler*innen und Aktivist*innen, die die ökologischen und gesundheitlichen Auswirkungen von Petrolkoks, einem Nebenprodukt der Schwerölverarbeitung, untersucht. Auch in seinem Projekt Living Rivers/Ríos Vivos finden unterschiedliche „stakeholder“ zusammen: von Konservationist*innen, indigenen Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen bis hin zu Bioregionalist*innen.6 Teil von Living Rivers ist auch Mississippi. An Anthropocene River, zusammen mit dem Künstler und Forscher Jeremy Bolen. Ein weiterer Teil, Ríos Vivos, entstand mit dem Kollektiv Casa Río, das mit lokalen Gemeinschaften, Wissenschaftler*innen und Künstler* innen zusammenarbeitet, um die Beziehung zwischen Menschen und Umwelt in den Dynamiken des La-Plata-Flussbeckens zu erforschen. Das Becken, das eines der größten in Südamerika ist, umfasst Teile von Argentinien, Brasilien, Paraguay, Bolivien und Uruguay und ist von entscheidender Bedeutung für die Wasserversorgung und Biodiversität der Region; zugleich finden hier wichtige wirtschaftliche Aktivitäten statt. Ausgehend von diesen konkreten, lokalen und kollaborativen Projekten hat Holmes den Ansatz einer „Kartografie mit den Füßen“ („cartography with your feet“), basierend auf dem Umherwandern in Flusslandschaften, entwickelt. Während interaktive Onlinekarten, digitale Collagen und Videoessays zentrale Resultate dieser Projekte sind, stehen Prozesse des gemeinschaftlichen „sense-making“ im Vordergrund.
In einem mehrphasigen Ausstellungsprojekt im Künstlerhaus Stuttgart finden Holmes’ Kooperationen des letzten Jahrzehnts zusammen: Die drei Teile Rivermap, Casa Río: Teachings of the Flood und Earth Time (zusammen mit Jeremy Bolen) sind, so das kuratorische Konzept, als „Atmosphären“ konzipiert – als veränderliche, nicht in sich geschlossene Abschnitte. Zusätzlich gibt es auch ein neues Projekt zum Neckar, der durch Stuttgart fließt und weiter nordwestlich, bei Mannheim, in den Rhein mündet. Diese Atmosphären entfalten sich über einen längeren Zeitraum und sind eng mit jahreszeitlichen Zyklen und deren kalendarischen Wendepunkten verknüpft. Holmes’ Stuttgarter Atmosphären begannen mit der Herbsttagundnachtgleiche 2024 und enden mit dem Frühlingsäquinoktium 2025. Im Ausstellungsraum verdichten sich die „Atmosphären“ in einer Vielzahl von Formaten und Medien, die von Videoessays wie Born Secret (Cash for Kryptonite) aus dem Jahr 2019 bis zu interaktiven Karten reichen. Digitale Medien werden durch verschiedenfarbige, von der Decke abgehangene Banner („Who designs our territories? And for whom are they designed?“), Installationen mit Materialien, die aus den untersuchten Gebieten stammen, und Karten ergänzt. Gemeinsame Neckarspaziergänge und technologiebezogene Workshops runden das Programm ab.
Seine Arbeit mit dem Künstlerhaus markiert auch einen neuen Abschnitt in der Institution, die auf eine lange Tradition kritischer Ausstellungspraxis zurückblicken kann. Das kuratorische Konzept von Tamarind Rossetti und Stephen Wright, die seit 2024 das Leitungsduo bilden, steht unter dem Motto „Nutzer*innenschaft: eine ökosystemische Vision für das Künstlerhaus Stuttgart“: Die Institution soll ein Ort werden, „an dem sich die Kunst um diejenigen formt, die [ihn] nutzen“7. Vor diesem Hintergrund erscheint das Ausstellungsprojekt, das Holmes’ Auseinandersetzung mit politischer Ökologie und seinen kollaborativen Ansatz des Mappings aufnimmt, als ein Auftakt, der unterschiedliche Zeitlichkeiten, Orte und Medien in einem institutionellen Rahmen verknüpft – und dabei auf dessen konkrete Publika eingeht.
Holmes, der vor 30 Jahren bereits im Umfeld der Mailingliste nettime aktiv war und in den späten 1990er-Jahren mit Ne Pas Plier und Bureau d’Études zusammenarbeitete, hat kürzlich die Veränderung seines Zugangs rekapituliert. So seien seine kollaborativen Kartografien „not just a tactical media machine, but an emergent social form at grips with matters of political ecology“8. Auch das Stuttgarter Projekt zeigt, wie die soziale Form seiner Mappings politische Ökologie nicht als abstrakten Darstellungsgegenstand versteht, sondern auf Möglichkeiten abzielt, künstlerischen (Medien-)Aktivismus vor dem Hintergrund multipler Krisen sowohl aus konkreten, lokal-situierten Kontexten als auch aus globalen Verstrickungen heraus zu denken.

Brian Holmes: Rivermap (29. September 2024 bis 22. März 2025), Casa Río: Teachings of the Flood (8. November 2024 bis 22. März 2025), Jeremy Bolen und Brian Holmes: Earth Time (25. Januar 2025 bis 22. März 2025), allesamt Künstlerhaus Stuttgart.

 

 

[1] Brian Holmes, Unleashing the Collective Phantoms. Essays in Reverse Imagineering. New York (Autonomedia) 2008.
[2] https://www.springerin.at/2003/1/liars-poker/
[3] https://www.springerin.at/2002/1/kartografie-des-exzesses-suche-nach-nutzung/
[4] Brian Holmes, THE WATERSHED IN YOUR HEAD. Mapping Anthropocene River Basins, Anthropocene Curriculum, 28. August 2019; https://www.anthropocene-curriculum.org/contribution/the-watershed-in-your-head/.
[5] Brian Holmes/Jeremy Bolen/Brian Kirkbride, Born Secret (Cash for Kryptonite): A field guide to the Anthropocene mode of production, in: The Anthropocene Review, 8(2), 2021, S. 183–195.
[6] https://www.springerin.at/en/2017/4/empathiemaschinen/
[7] https://kuenstlerhaus.de/wp-content/uploads/2024/04/KHS_Usership_Manifesto_ENGGER.pdf
[8] Brian Holmes, THE WATERSHED IN YOUR HEAD.