Was ist der Unterschied zwischen ChatGPT und einem Regenwald, fragen die Kuratorinnen in ihrem Ausstellungskonzept zu Other Intelligences für das Haus für elektronische Kunst Basel. Sie eröffnen damit die Möglichkeit, dass wir es in beiden Fällen mit nicht-menschlichen Formen von Intelligenz zu tun haben könnten, künstlichen und natürlichen Intelligenzen, die sich strukturell vielleicht gleichen. Tatsächlich liefert die Fähigkeit, Probleme zu lösen, wie mir der Biophysiker Hans-Günther Döbereiner sagte, eine der allgemeinsten speziesübergreifenden Definitionen von Intelligenz. Doch wie ist es mit den Unterschieden?
ChatGPT ist eine digitale Sprachmaschine, die auf der Arbeit von anderen (Big Data), Trainings und energieintensiver Brute Force beruht. Der Regenwald ist eine uralte Assemblage materieller Entitäten, die ökologisch verschränkt zusammenleben. ChatGPT und Co. stehen für ökonomische Interessen. Das Wort „intelligent“ ist dabei bereits Teil der verbalen Vermarktung – im Unterschied zum Regenwald, der im Kapitalismus zunächst als reine Biomasse behandelt wird. Doch der wohl wesentlichste Unterschied zwischen ChatGPT und dem Regenwald besteht darin, dass Letzterer ChatGPT am Laufen hält, während Ersterer den Regenwald verbraucht, um zu funktionieren. Pflanzen bringen Leben hervor und regenerieren es, während auf Verschleiß hin konzipierte Technologien wie KI dieses tendenziell zerstören. Daran ändert sich auch mit „grünen“ Technologien vorerst nichts. Denn der Kapitalismus erfindet immer neue Technologien, die alte (fossile) Technologien nicht ersetzen, sondern sich zu den bestehenden hinzuaddieren.1 Zudem baut er auf der Etablierung eines hierarchisierten Naturverhältnisses auf, das kulturell verfestigt wurde.2 Dieses erreicht mit der gegenwärtigen Vereinnahmung von (Künstlicher) Intelligenz und der damit einhergehenden planetaren Verwüstung eine neue Skalierung: Die Normalisierung von Absurditäten und der Verlust von Größenverhältnissen sind inzwischen Realität geworden. Und Intelligenz ist dabei das neue Buzzword: Während Künstliche Intelligenz wesentlich der Durchsetzung smarter Tools zur Vermeidung eigener kreativer Arbeit dient, wird natürliche Intelligenz als strategischer Gegenbegriff eingeführt, um offenkundig zu machen, dass auch Tiere, Pflanzen, Pilze, Flechten schon längst Probleme lösen und Informationen prozessieren, das heißt kognitiv agieren. Denn Kognition ist „ein fortlaufender Prozess, bei dem Organismen normalerweise Information wahrnehmen, verarbeiten und anwenden, um ihre Selbstregulation im Gleichgewicht zu halten und ihre Chancen auf ihr Überleben zu erhöhen“, schreiben Michael Marder und André Geremia Parise.3 Man muss das nur sehen lernen. Alle zusammen bilden neue kognitive Systeme, die jenseits menschlichen Fassungsvermögens intelligent handeln.4 Diese intelligenten Systeme reichen von alltäglichen Handlungen mit der Haustechnik über Drohnenkriege oder Präzisionslandwirtschaft bis zu technoschamanistischen Ritualen.
Warum 30 Jahre springerin mit solcher Ernüchterung beginnen? Weil die springerin genau der Ort ist, an dem solche gesellschaftspolitischen Dinge verhandelt werden. Sie hat von Anfang an die Frage gestellt, wie der globale Kapitalismus und seine Technologien die Welt und die Kunst formen; wie sie Dinge eröffnen oder schließen; und wie Kunst in diese Prozesse und Diskurse eingreifen, sie verhandeln und zu anderen (Sinn-)Horizonten führen kann. Die Redaktion, ihre Autor*innen und Künstler*innen haben an einer Ästhetik der adäquaten Formen und Medien gearbeitet: nicht in einer kunsthistorischen oder gar formalistischen Manier, sondern aus einer aus den Cultural Studies kommenden, postfeministischen, medienökologischen, interdisziplinären und kuratorischen linken Perspektive. Das ist das, was mich zutiefst mit der springerin verbindet.
Wahrscheinlich stehen wir heute, mehr als eine Generation später als damals (1995), als das Projekt unter dem Namen springer begann, an einem ähnlich zentralen Kreuzungspunkt der Geschichte. Damals, in den Jahren nach dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ und des populär werdenden Internet, das wesentlich zur grenzüberschreitenden Netzkultur beitrug, lag Technikoptimismus in der Luft: Leute zwischen London, Amsterdam, Belgrad, Berlin, Riga, Adelaide, New York etc. tunten sich in den Äther und machten Dinge zusammen: Bulletin Board Systems (BBS), Internetradio, Mailinglisten und Internet Relay Chats (IRC) vermittelten das Gefühl, Teil einer Community zu sein, die die Dinge anders macht. Als ich 1995 als Schweizer Korrespondentin für den springer zu schreiben begann, bestand er aus einer BBS-Online-Version und einem gedruckten Magazin. Das eine war für kurze, schnelle Infos gedacht, das andere für längere, reflektierte Beiträge. Damals verstand ich noch nicht so richtig, was dieses Internet eigentlich ist. Auch ein Modem hatte ich nicht, weswegen ich meine Beiträge faxte, auch die für das BBS, das nur online existierte. Eine Auswahl davon wurde jeweils im „Netzteil“ gedruckt: weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund – wie das geheimnisvolle Flackern am elektronischen Display. Schlecht zum Kopieren.
Die springerin versuchte den Spagat, zwischen den Neuen Medien und dem sich globalisierenden Kunstsystem eine Brücke zu schlagen, beides waren damals unterschiedliche Kulturen. Im gleichen Jahr besuchte ich The Thing Basel, das neben dem Internetzugang auch einen Workspace zur Verfügung stellte. Ich coverte die Veranstaltung für die Schweizer WoZ und die springerin; und ich erinnere mich, wie ich, trotz meiner Begeisterung für die globale Netzkommunikation, ängstlich anmerkte: „Oh, wo führt das denn hin, wenn alle jetzt ständig ihr Zeug in alle Welt posten?“ So schlimm war es dann (damals) doch nicht. Im Gegenteil. Mir behagte der communitybasierte, aufbruchbereite und freundschaftliche Charakter dieser Szene; und ich begann, mich zwei Jahre später bei den Cyberfeministinnen, dem Old Boys Network (OBN), zu engagieren. Das gab mir das Gefühl, Gleichgesinnte getroffen zu haben und auf diese Weise aus der apolitischen Schweiz auszubrechen. Dieses Gefühl hatte mir schon die springerin vermittelt, und die Redaktion hat Berichte über unsere Tagungen etc. stets gefördert. Auch später, als die Netzwerkeuphorie abbrach und sich das Kunstsystem globalisierte, ist mir der Austausch mit dem springerin-Netzteil immer wichtig geblieben. Die Zeitschrift bildete eine Art Resonanzraum oder Heimat – ich lebe zwar nicht mehr dort, aber ich komme immer wieder zurück.
Die springerin, OBN und auch die Shedhalle Zürich lehrten mich, und ich denke, diese Kurskorrektur hat auch die springerin Ende 1990er-Jahre vollzogen, dass es sich nicht lohnt, sich nur mit der in den tonangebenden Institutionen gezeigten Kunst zu befassen und diese, falls nötig, reaktiv zu kritisieren. Vielmehr muss man das, was man tun möchte, einfach tun, innerhalb des Systems, aber mit dem eigenen Netzwerk – mikropolitischer Einschluss, Assemblage im Jetzt. Das klingt natürlich stark nach dem, was ohnehin alle tun: seine eigene Bubble nähren. Aber damals bildeten „wir“, wenn ich das so sagen darf, die Pionier*innen dieses Denkens und Handelns. Dass wir heute, nach Jahren der Distinktion im Kunstbetrieb, angesichts der neuen politischen Fronten wieder an einem Punkt angelangt zu sein scheinen, an dem sich eine neue Art von „Wir-Kunstproduzent*innen-Gefühl“ auszuprägen beginnt, ruft unsere alten Kämpfe unter neuer Belegschaft in Erinnerung. Es ist ein Gefühl von ästhetischer Solidarität, von kultureller Energie: dass man die Formen, die jetzt offen die Spitzen der Politik einrahmen, nicht akzeptiert.
Aber wohin sind die Internetpraktiken und Netz-Communitys entschwunden? Ein guter Kollege aus alten Zeiten, Peter Spillmann, meinte vor ein paar Jahren, dass wir in die künstlerische Forschung gegangen seien: eine akademisch-epistemologische Disziplin, die in einigen Ländern Europas, etwa der Schweiz, Österreich oder Großbritannien, auch Kunstproduzent*innen offensteht, wenn sie sich an gewisse wissenschaftliche Prämissen halten. Die Welt zu verändern mit ästhetischen Praktiken, die prozessorientiert, explorativ, pionierhaft und infrastrukturorientiert sind, ist ein Anliegen staatlich subventionierter Forschung geworden: Kunst ist nicht nur Werk und Kritik nicht dessen nachträgliches Beiwerk, sondern beide sind gemeinsam entwickelte Methoden des Suchens, des Genauer-wissen-Wollens und Teilens von Wissen, des Allianzen-Bildens – des Unruhig-Seins, des Unruhig-Machens. Das tut auch die springerin. Sie ist akademischer Wissensbildung nahe, hat sich aber nie in die Akademie integriert. Damit steht sie sowohl für akademisches wie nicht-akademisches, nicht-institutionalisiertes Wissens – eine Positionierung, die sich jetzt, in Zeiten neuer staatlicher Kontrolle, als zusätzlicher Vorteil erweisen könnte. „Welche zeitkritischen Assemblagen werden nötig sein, um den Wirrnissen und Widrigkeiten des Hier und Heute zu entkommen?“, fragt die Redaktion. Der Begriff der Assemblage beantwortet schon einiges. Er verweist auf Félix Guattaris politischen Subjektentwurf, der sich von Kräften, Intensitäten und Kollektiven statt von Individuen herleitet. Er evoziert aber auch N. Katherine Hayles’ Kritik der Immaterialisierung, die durch die dominanten Diskurse über Informationstechnologien befördert wird. Assemblagen sind materiell. Assemblagen zwischen digitalen Kontrolltechnologien, natürlichen Entitäten und Menschen formieren sich, wie ich mit Bezug auf die gegenwärtige Herausbildung hybrider kognitiver Systeme sagte, sowieso. Aber sie haben auch Potenzial. Sie erlauben „contiguity in a fleshly sense, touching, incorporating, repelling, mutating“5. Anders gesagt, wir müssen bewusst Allianzen mit Aktivist*innen und mehr-als-menschlichen Entitäten bilden: Allianzen mit Gruppen von Leuten, mit Pflanzen, Tieren und bei aller Ernüchterung – Technologien.
Natürlich sagen das im Moment viele, und es klingt schnell wie Geschwafel, ein Abschieben der Verantwortung ins Unspezifische. Aber Pflanzen – und ich konzentriere mich jetzt auf sie, weil Pflanzen in unserer herrschenden Kultur ganz unten in der Hierarchie stehen und irrelevant erscheinen, und ich darüber hinaus selbst zur Pflanzenintelligenz forsche – sind weder unspezifisch noch leere Metaphern.6 Ganz im Gegenteil. Sie sind konkrete Wesen, denen wir unsere Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft verdanken (werden). Sie sind Teil unserer Welt, von uns. Wir essen und verdauen sie täglich, wir atmen ihre Luft. Wenn wir mit ihnen „konspirieren“7 und sie als Gefährtinnen und Komplizen annehmen, kündigen wir damit das internalisierte kapitalistische Naturverhältnis auf, in dem Pflanzen nur Biomasse für Menschen und ihre Maschinen sind. Wenn wir mit Pflanzen – ihren Wünschen und Fähigkeiten – „paktieren“8, dann denken wir uns und unsere internalisierten egozentrischen (Künstler*innen-)Ichs als kollektive Assemblagen; und wir realisieren bestenfalls symbiotische Verkettungen von Entitäten (Dividuen), die einander zwingend brauchen, um über/leben zu können.
Aber was heißt das konkret? Wie uns unser Forschungspartner Ayênan Quinchoa Juajibioy, Medienaktivist und Angehöriger der Kamentsä und Inga, zeigen konnte, ist das Allianzen-Bilden mit Pflanzen, das heißt das Einatmen, Essen und Sprechen mit Pflanzen(-Lehrern) ein wichtiger Schritt in der territorialen Landverteidigung im Amazonas-Gebiet: Die Pflanzen stärken die First Nations und helfen ihnen, sich gegen die Plünderer des Waldes zur Wehr zur setzen. Aber um von Pflanzen Widerstand zu lernen, müssen wir nicht nach Kolumbien fliegen, sondern können auch vor die Haustür gehen. „Unkräuter“ und Pionierpflanzen sind Spezialisten darin, sich an unwirtliche Verhältnisse anzupassen und diese auch umzuformen. Der Guerillagärtner Maurice Maggi etwa kooperierte bis zu seinem Tod im vergangenen September mit blühenden Pflanzen, um den zubetonierten öffentlichen Raum wiederzugewinnen. Dabei setzte er strategisch auf deren ästhetische Komponenten. Dank ihrer Schönheit sowie ihrer Formen- und Farbenvielfalt werden sie nicht ausgerissen und locken auch Insekten, Vögel oder Menschen an. „Das ist mein Pakt mit den Pflanzen. Ich bringe sie an einen Ort, und im Herbst bringen sie mir Samenkapseln. Das macht sie selbsttragend. Es gibt dann 100 oder 1000 neue davon. […] Sie sind meine gesellschaftspolitischen Gesinnungsgenossen. Wir wollen denselben Raum bewegen. Von der Nische her etwas bewegen.“9 Anders gesagt: Allianzbildung mit anderen und die Multiplikation davon sind Zeichen von Intelligenz, denn es geht darum, Probleme zu lösen und die Chancen aufs Überleben zu erhöhen. Es sind Lebensformen, ästhetische Formen, die bereits begonnen haben.
[1] Vgl. Marcel Hänggi, Wissen, Nichtwissen und trotzdem handeln. In: WoZ, 14. November 2024; https://www.woz.ch/2446/festrede/wissen-nichtwissen-und-trotzdem-handeln/!FP2PHF7PJDGY.
[2] Vgl. dazu die Ansätze von Nancy Fraser, Maria Mies, Silvia Federici, James Moore und anderen.
[3] Michael Marder/André Geremia Parise, Extending cognition. A vegetal rejoinder to extensionless thought and to extended cognition, in: Plant Signaling & Behavior, 19:1 (2024); https://doi.org/10.1080/15592324.2024.2345984. Gekürzte deutschsprachige Fassung: Erweiternde Kognition. Eine vegetabile Antwort, in: Kathrin Meyer/Yvonne Volkart (Hg.), Katalog zur Ausstellung Unter Pflanzen. Museum Sinclair-Haus. Bad Homburg 2025, S. 56.
[4] N. Katherine Hayles, Unthought. The Power of the Cognitive Nonconscious. Chicago/London 2017.
[5] Ebd., S. 118.
[6] Das von mir initiierte und geleitete Forschungsprojekt Plants_Intelligence. Learning Like a Plant (2022–25, Yvonne Volkart, Felipe Castelblanco, Julia Mensch, Rasa Smite) ist am Institut Kunst Gender Natur Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW angesiedelt und vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert; siehe https://plants-intelligence.ch.
[7] Natasha Myers, How to grow livable worlds: Ten not-so-easy steps (2018). Extended lecture version, 2021; https://www.abc.net.au/religion/natasha-myers-how-to-grow-liveable-worlds:-ten-not-so-easy-step/11906548.
[8] Maurice Maggi im Videofilm Wild Plants von Nicolas Humbert, 2016.
[9] Ebd.