Climate Propagandas ist ein zeitgemäßes Buch, in dem der niederländische Künstler Jonas Staal die vorherrschenden Narrative analysiert, die die heutige Klimarealität formen. In Anlehnung an den Science-Fiction-Autor William Gibson behauptet Staal, dass „das Aussterben nicht gleichmäßig verteilt ist“, und Climate Propagandas steht im Einklang mit seiner Praxis, sich mit solchen Ungleichheiten auseinanderzusetzen, ausgerichtet auf kollektive Bemühungen, eine gemeinsame Welt wiederaufzubauen.
Anknüpfend an sein vorheriges Buch Propaganda Art in the 21st Century (2019) geht es in Climate Propagandas um die Entwicklung von Propagandakompetenz, die Staal aus Themen und Erzählungen aus Kino, Fernsehen, Literatur, Kunst und Design herauszufiltern versucht. Im Zeitalter des überwältigenden Zugangs zu Informationen zeigt Staal kuriose Beispiele auf und stellt einige überraschende Verbindungen her, etwa wenn er das Buch mit einer Beschreibung eines Vogue-Balls in Athen eröffnet.
Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert, die sich mit unterschiedlichen Propagandamethoden befassen. Die „liberale Klimapropaganda“ ist geprägt von Individualisierung und einer grundsätzlichen Spaltung zwischen Mensch und Natur. Daraus resultiert ein Gefühl der Ehrfurcht vor dem, was „wir“ „ihr“ angetan haben – etwas, das Staal als „Auslöschungserhabenheit“ bezeichnet und systemische Probleme völlig außer Acht lässt. Die Vertreter*innen der „libertären Klimapropaganda“ nutzen die Klimakatastrophe als wirtschaftliche Chance für ihre „technikkolonialen“ Lösungen. Staal nimmt hier seine Erzfeinde Peter Thiel, Jeff Bezos und Elon Musk in die Pflicht – die „weltraumfahrende Billionärsklasse“ – mit ihren Bemühungen um die Errichtung privatisierter, luxuriöser, autonomer Zonen und die Ausbeutung von Arbeiter*innen zur Schaffung von außerirdischen Lösungen. „Verschwörungstheoretische Klimapropaganda“ ist die Art von Propaganda, die von Flat-Earthern, Anti-Vaxxern, QAnon-Aktivist*innen sowie einer Reihe von New-Age- und Survival-Gemeinschaften verbreitet wird. Dies hat zu einer lukrativen Medien- und Wellnessindustrie geführt, die überraschende Verbindungen unter Gruppen quer durch das politische Spektrum generiert. „Ökofaschistische Propaganda“ lässt sich kurz als wirtschaftliche Rationalisierung von Völkermorden zusammenfassen. „Transformative Klimapropaganda“ schließlich hält die Möglichkeit des Lebens gegen und jenseits des Aussterbens hoch; was Staal „Biogeschichten“ nennt, die den um sich greifenden „Nekrosphären“ entgegenwirken sollen. Dieser Ansatz hütet sich vor Klimaleugnung und Klimanihilismus und ist jene Form von Propaganda, die Staal befürwortet und im Zuge derer er seine Leser*innen dazu aufruft, „jene Dinge aussterben zu lassen, die uns aussterben lassen“.
Gegen die mittlerweile klischeehaften Erklärungen, dass es „einfacher ist, sich das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorzustellen“, hebt Staal Erzählungen hervor, die einen Weg in eine gerechtere Zukunft aufzeigen, darunter die der US-Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez zugunsten eines Green New Deal oder den sogenannten Red Deal, der von einer Koalition aus Vertreter*innen der First Nations lanciert wurde, nebst Romanen von Kim Stanley Robinson und Octavia Butler. Staal bezieht sich auch auf die gelebten Erfahrungen seiner Verbündeten in Rojava, dem unabhängigen Kurdistan, des Laboratory of Insurrectionary Imagination, das Teil der Anti-Flughafen-Besetzung ZAD, Notre-Dame-des-Landes, ist, oder von Extinction Rebellion in seiner Heimatstadt Rotterdam.
Staal räumt ein, dass Propaganda einen schlechten Ruf hat, der auf die vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Nazi-Deutschland beaufsichtigte Massengehirnwäsche zurückgeht. Zugleich erinnert er seine Leser*innen daran, dass jedes politische Projekt beträchtliche Ressourcen zur Förderung seiner Ideen einsetzt. In der Post-Wahrheitsära, in der das Aufkommen des Faschismus im sogenannten Westen Anlass zur Sorge gibt, wird Propaganda meist mit Donald Trumps Fake-News-Vorwurf in Verbindung gebracht, der den Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Analysen und des Journalismus in Zweifel zieht, um die Glaubwürdigkeit seiner Gegner*innen zu untergraben. „Alles, was ich weiß, ist das, was im Internet steht“, sagte Trump 2016 in der NBC-Sendung Meet the Press, was sich in besorgniserregender Weise auch auf Mark Zuckerbergs Meta-Imperium oder Elon Musks Übernahme umlegen lässt. Deren aktuelle Positionierung macht auf erschreckende Weise deutlich, wie diejenigen, denen die Infrastruktur gehört, über die Informationen, Meinungen und Erzählungen zirkulieren, auch das politische Imaginäre kontrollieren.
Wie Naomi Kleins This Changes Everything (2014), das Wörter wie „Extraktivismus“ oder „Blockadia“ in Umlauf brachte, prägt Staal Begriffe, um soziale Phänomene zu benennen. Ich freue mich schon auf Gespräche, die mit Ausdrücken wie „Klimaretterkomplex“ oder „Konspiritualität“ gespickt sind oder in denen die Figur des „Erdarbeiters“ auftaucht, eine Art mehr-als-menschliches Proletariat, das einem Großteil von Staals Denken zugrunde liegt. Staals Prosa ist prägnant und klar, und das Buch enthält im hinteren Teil eine Zusammenfassung der verschiedenen Propagandaarten, die als Kurznachschlagewerk dient. Obwohl es vor Ideen nur so strotzt, ist Climate Propagandas ein schlankes Buch, das effizient organisiert ist und alle ansprechen sollte, die versuchen, die Drehungen und Wendungen der politischen Rhetorik der letzten Jahre zu verstehen.
Übersetzt von Redaktion