Heft 1/2025 - Lektüre
Man muss Ray Kurzweil ja schon irgendwie Bewunderung zollen, zumindest für seine Sinnesart. Denn die deckt sich auf geradezu obszöne Weise nicht mit der allgemeinen, jedenfalls im sogenannten Westen zurzeit vorherrschenden Gestimmtheit. Wir sehen hier also keinen Schwarzmaler am Werk, der dem Fortschrittsglauben entsagt und sich in Untergangsfantasien ergeht; und der, von Verlustängsten geplagt, den gewaltigen – und selbstverständlich globalen – ökonomischen und ökologischen Herausforderungen dadurch begegnen möchte, dass er für einen Rückzug ins wohlig Nationale plädiert, das dann dementsprechend eingehegt werden muss: mit Mauern jedweder Form – metaphorischen Sicherheitsarchitekturen der Angst, die übrigens aus der Populärkultur (man denke etwa an die Eismauer aus Game of Thrones) in den politischen Diskurs migriert sind –, vielleicht noch mit Zöllen obendrauf; und der sich schließlich auch noch einiger überflüssiger Kostgänger entledigen will, sieht doch die Rechte in der Ungleichheitsfrage nicht die Umverteilung, sondern die Vertreibung als Lösung vor.
Nein, Ray Kurzweil ficht solche Kleinmütigkeit nicht im Geringsten an, weil wir nach seinem Dafürhalten wenn schon nicht in der besten aller möglichen Welten leben, so doch immerhin in einer, die ganz gewiss nicht im Niedergang begriffen ist. Und das belegt er, der unerschütterliche Optimist und Zahlenmensch, auf Dutzenden Seiten mithilfe unzähliger Diagramme, die vom Rückgang der weltweiten Armut über den Anstieg der Alphabetisierung, des Einkommens oder der Lebenserwartung in den USA bis zur vermeintlich unumkehrbaren Verbreitung der Demokratie in den letzten 200 Jahren kaum etwas aussparen, was statistisch erfasst werden kann.
Und das Beste daran: Diese Erfolgs- oder eher Erlösungsgeschichte soll in nächster Zeit sogar noch an Rasanz gewinnen; und zwar deshalb, weil der Fortschritt sich nun nicht mehr in linearer, sondern vielmehr in exponentieller Weise vollziehen wird. Eine solch wundersame Dynamisierung liegt dann, wie der Posthumanismus-Guru stets mit allergrößter Überzeugung betont, im „Gesetz vom steigenden Ertragszuwachs“ begründet, wonach bestimmte Arten von Informationstechnologien Rückkopplungsschleifen schaffen, die zu beschleunigten Innovationen führen. Und da sich die Künstliche Intelligenz – besonders seit sich in den 2010er-Jahren das aus der Mustererkennung erwachsene Paradigma des Deep Learning durchgesetzt hat und nun auch nicht-visuelle Daten (Text, Audio etc.) miteinbezieht – immer neue Anwendungsfelder erschließt, werden die eigentlich aus der Informatik bekannten Durchbrüche auch in solchen Bereichen zutage treten, die wir bisher als nicht unbedingt übertechnisiert wahrgenommen hätten: etwa der Landwirtschaft (zukünftig in vertikaler Form!), dem Wohnungsbau oder der Bekleidungsindustrie (beide werden mithilfe des 3D-Drucks revolutioniert). Wir werden also, geht es nach Kurzweil, schon in absehbarer Zeit in eine veritable Überflussgesellschaft eintreten, ja förmlich eine Art Schlaraffenleben führen, denn aus unerfindlichen Gründen scheint bei ihm das zentrale Gesetz der Marktwirtschaft, die Profitmaximierung, außer Kraft gesetzt, sodass wir nachgerade kostenfrei in den Genuss all der verheißenen Dingen kommen sollen.
Trotzdem nehmen sich diese verblüffenden Prognosen, wohl wegen ihres extrapolierenden Charakters, nahezu bescheiden aus gegen das, was uns, und dorthin zielt der Posthumanismus im Letzten ja eigentlich, auf dem Gebiet der Medizin in Aussicht gestellt wird. Durch unsere Körper sollen nämlich, so die futuristische Fantasie, Millionen oder Milliarden von Nanobots patrouillieren, um den Hormonhaushalt zu regulieren, Gefahren (Viren, Blutgerinnsel) abzuwenden oder gegebenenfalls unsere biologischen Organe durch künstliche zu ersetzen, und all das mit der Prätention, ein Alter von 1.000 Jahren zur Norm werden zu lassen; und wir würden zudem „den Zellkern jeder Zelle durch ein nanotechnisches Pendant ergänzen“, sodass wir uns letztlich in die Lage versetzt sähen, unser Erscheinungsbild nach Belieben zu gestalten, durchaus unter Einschluss solcher Optionen wie „unter Wasser […] zu atmen wie Fische und uns sogar Flügel zu geben“. Besagte Nanobots sollen in den 2030er-Jahren vor allem aber dazu dienen, unsere Neuronen mit ihren Duplikaten in der Cloud zu verknüpfen, ein biotechnischer Vorschein dessen, wie im Jahrzehnt darauf Gehirn und Computer endgültig ihre Einswerdung feiern, mit heute noch unvorstellbaren Konsequenzen für unsere kreativen oder intellektuellen Fähigkeiten.
Ein Ausblick auf eine schöne neue Welt? Das muss wohl jeder für sich entscheiden. Über die merkliche Naivität hinaus, die sich, trotz des technizistischen Gepränges, in dieser posthumanistischen Vision bekundet – die unterkomplexe Annahme einer Äquivalenz von Bewusstsein und Maschinenintelligenz oder der ebenso unzulängliche Vergleich unserer organischen Prozesse mit den mechanischen Verrichtungen von Nanorobotern –, scheint der Techno-Saga aber vor allem ein großes Erlösungsversprechen eingeschrieben, und das in zweifacher Weise: einerseits eine – im Kern vermutlich christlich tingierte, jedenfalls von Angst und Ekel gekennzeichnete – konkrete Erlösung von der Hinfälligkeit und den Übeln des Fleisches; und zweitens eine durch die unterstellte Notwendigkeit der Entwicklung genährte Hoffnung auf die unbestimmte Heraufkunft einer neuen Technik, die einen radikalen Systemwandel einläuten und das Leben mit einer ungekannten Fülle versehen würde. Und in genau diesem (Flucht-)Punkt trifft sich Ray Kurzweil dann doch wieder mit all den anfänglich erwähnten Disrupteuren, die einem das Blaue vom Himmel lügen.