Heft 1/2025 - Artscribe


Ana Lupas – Intimate Space – Open Gaze

1. November 2024 bis 16. März 2025
Kunstmuseum Liechtenstein / Vaduz

Text: Christa Benzer


Vaduz. Betritt man die Ausstellung von Ana Lupaș, blicken 21 Augen auf die Besucher*innen zurück: Die 1940 in Cluj-Napoca geborene rumänische Künstlerin hat die etwa 70 cm großen, runden Porzellanobjekte in den 1980er-Jahren produziert. Sie sind zum Teil biomorph-realistisch mit Pupillen, Wimpern, Lidern, Tränensäcken usw. bemalt, zum Teil verstörend-surreal, als Sinnbilder einer Wahrnehmung, die durch äußere Kontrolle und brutale Gewalteinwirkung verunmöglicht wird. So werden manchen die Lider mit diversen Instrumenten über die Augen gezogen, während sie andere zwanghaft offen halten.
In dem Jahrzehnt vor der rumänischen Revolution 1989 entstanden, bezeugt ein Teil der fragilen Objekte die ungeheure Gewalt des immer repressiver werdenden Ceaușescu-Regimes; andere sollten aber auch zeigen, dass Aspekte von Menschlichkeit wie Empfindsamkeit, Spiritualität oder Trauer nie zur Gänze verschwunden sind: ein fürsorgliches Auge etwa, aber auch das Auge des Tages und der Nacht oder das Himmlische Auge.
Im Ausstellungsraum ist die erstaunliche Vielheit an Blicken auf die gegenüberliegende Wand ausgerichtet, wo die Künstlerin mit Gemälden aus der Museumssammlung über 400 Jahre Kunstgeschichte versammelt: darunter den Flötenspielende Jüngling (um 1645–55) von Frans Hals, Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner, Willem de Kooning, Alexej von Jawlensky – und mittendrin ein Stillleben (1905) von Livia Pop, ihrer Großmutter.
Die selbstverständliche Einreihung ist ein augenzwinkernder, feministischer Kommentar auf notwendig vorzunehmende, kunsthistorische Korrekturen und zugleich Hommage an ihre weiblichen Vorfahrinnen. Zu ihnen gehört auch ihre Ururgroßmutter Clara Maniu, eine engagierte Frauenrechtlerin, von der ein expressiv gemaltes Porträt im Zentrum der Werkserie Self-Portrait (1 bis 200) aus dem Jahr 2000 steht. Das Bild ist in der Mitte des Raumes platziert und wirkt dort wie ein Ankerpunkt für Lupaș’ intensive Selbsterforschung. Sie hat dafür 200 Stück eines Plakats mit Buntstiften, Wachskreide und Acrylfarbe übermalt, das mit ihrem Gesicht bedruckt war.
Aufgrund der dichten Hängung wirkt die Abfolge der Porträts an den Wänden wie eine analoge Animation einer sich laufend wandelnden Persönlichkeit: einmal mehr weiblich, einmal mehr männlich, einmal älter oder jünger, einmal monsterhaft, traurig, lachend usw.
In ihrem Katalogtext zitiert die Kuratorin Letizia Ragaglia die rumänisch-deutsche Schriftstellerin Herta Müller und verweist mit einem Zitat aus ihrem Buch Hunger und Seide auf Parallelen in den von den beiden Frauen verarbeiteten Erfahrungen: „Meine Einzelheiten hatten keine Gültigkeit, sie waren nicht ein Teil, sondern ein Feind des Ganzen.“1
Lupaș, die fast ausschließlich in Werkserien produzierte, betont dementsprechend wiederholt das Individuelle im Kollektiven: Von den Eyes über die Self-Portraits bis hin zu den Identity Shirts oder der Werkserie Coats to Borrow (1989) gibt es jeweils eine Vielzahl von ähnlichen, jedoch niemals gleichen Einzelstücken. Als Identity Shirts (1969–2023) benannte sie flache, etwa oberkörpergroße Stoffstücke, die sie mit feinen grafisch-abstrakten Mustern, angedeuteten Körperformen und durch das Hinzufügen von Körpergerüchen für diverseste Träger*innen fabrizierte – darunter Hemden für Cherubim und Seraphim, zwei engelsgleiche Figuren aus der Bibel, deren Hemden von ihr sogar Flügel bekamen.
Trotz dieser wiederkehrenden religiösen Motive und einer eindeutigen Tendenz zur Abstraktion in Lupaș‘ Werk haben die ausgebildete Textilkünstlerin die Nähe zum Handwerk und die Arbeit mit ärmlichen Materialien lange vor der Zensur und Verfolgung geschützt. Erst 1979 gab sie ihre Lehrtätigkeit am Institut für bildende Kunst in Cluj aus politischen Gründen auf, blieb jedoch die gesamten 1980er-Jahre künstlerisch und politisch höchst aktiv. Eine ihrer subversivsten Arbeiten, die mit dem Entstehungsjahr 1989 sowohl einen Höhepunkt des Schreckens als auch sein Ende markiert, titelt Coats to Borrow: Lupaș hat dafür aus alten Militäruniformen Mäntel genäht, die innerhalb der Künstler*innengruppe Atelier 35 getragen und jeweils um ein Namensetikett ergänzt, weitergereicht werden sollten.
Das grundlegende Bestreben, Gemeinsinn zu stiften, durchzieht das Werk von Ana Lupaș von Anfang an. Solemn Process (1964–2008) hieß eines ihrer frühen Projekte, das auf einem kollektiven Schaffensprozess basierte und in der mit dem Stedelijk Museum gemeinsam organisierten Aufarbeitung ihres Gesamtwerks in der Amsterdamer Ausstellung zu sehen war.
In Vaduz wird Humid Installation (1970) gezeigt – eine nicht minder überwältigende Arbeit, die Lupas mit verschiedenen Materialien für unterschiedliche Orte und politische Kontexte immer wieder adaptierte: Fotografien dokumentieren die erste Installation (1970) auf einem Hügel nahe Cluj, wo sie gemeinsam mit Dorfbewohner*innen Stoffe aufhing und wie frische Wäsche im Wind wehen ließ. In der Ausstellung lassen wuchtige, skulpturale Elemente einer späteren Version mit Wachs die monumentale Dimension der Arbeit erahnen, die Lupaș in abgewandelter Form bereits 1991 nach der blutigen Niederschlagung eines Protests gegen Ion Iliescu auf dem Universitätsplatz in Bukarest erneut installierte: Sie hat dafür die Stoffe in schwarzes, teerähnliches Bitumen getaucht und damit ein eindrückliches Bild dafür geschaffen, wie zäh das dunkle Erbe Ceaușescus in den 1990er-Jahren fortgewirkt hat.

 

 

[1] Letizia Ragaglia, SELF-PORTRAITS. Ana Lupas’ Ongoing Dialogue with Herself, in: ANA LUPAS, Stedelijk Museum Amsterdam, Kunstmuseum Liechtenstein, S.M.A.K. Stedelijk Museum voor Actuele Kunst. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 2024, S. 102.