Heft 1/2025 - Artscribe


Christine Kozlov

26. September 2024 bis 9. Februar 2025
American Academy of Arts and Letters / New York

Text: Susanne Neuburger


New York. Im Gebäudekomplex der Auduban Terrace in Washington Heights zeigte die American Academy of Arts and Letters in ihren neu eröffneten Räumlichkeiten die erste Retrospektive von Christine Kozlov (1945–2005) in den USA. Davor hatte ihr einzig die Henry Moore Foundation in Leeds 2015 eine Personale ausgerichtet. Die gebürtige New Yorkerin, die seit den späten 1970er-Jahren in London ansässig war, nahm in den 1960er- und 1970er-Jahren an vielen wichtigen Ausstellungen, etwa von Lucy Lippard und Seth Siegelaub, teil, war aber bis in die 1990er-Jahre in den USA kaum präsent und fehlte auch in den ersten Standardwerken zur Konzeptkunst. Eine ihrer wenigen Ausstellungsbeteiligungen war 2004, als sie ein Jahr vor ihrem Tod anlässlich der mumok-Ausstellung Kurze Karrieren nach Wien kam.
Kuratiert von Rhea Anastas und Nora Schultz in enger Kooperation mit dem Christine Kozlov Estate sind es nun etwa 50 Arbeiten, hauptsächlich aus den 1960er- und 1970er-Jahren, die in den weitläufigen historisierenden Räumlichkeiten der Academy präsentiert werden. Das Werk von Kozlov ist, was seine Materialität und seinen Umfang betrifft, sparsam und widersetzt sich Ansprüchen von Geltung oder Repräsentation, wie sie der Architektur der Academy implizit sind. Die Kuratorinnen hatten sich für eine streng museale Präsentation entschieden, in der jede Vitrine und jedes Wandobjekt für sich standen, zumal die Ausstellung ohne Werk- oder andere Ausstellungstexte in den Sälen auskam. „Viewing her work rather than reading about it“ (Ausstellungsbroschüre) war eine der kuratorischen Prämissen, mit der ein an Themen und Medien vielseitiges Werk neu gesichtet werden sollte. Ist die Literatur zu Kozlov um eine kunsthistorische Einordnung bemüht, gingen die Kuratorinnen den entgegengesetzten Weg, indem sie ihr Interesse von keinerlei Vorgaben oder kunsthistorischen Zuschreibungen bestimmt wissen wollten, es hingegen als ein zeitgenössisches und aktuelles interpretierten. Die betont beschönigende, wie in amerikanischen Museen und Galerien übliche Rahmung einiger Bild-Text-Arbeiten wirkt demgegenüber allerdings historisierend und gibt mit der gewählten Präsentationsform eine Gewichtung, wenn nicht Interpretation vor, die man doch gerade bestrebt war zu vermeiden.
Vieles, was in die Ausstellung einging, hatten Anastas und Schultz mit ihren jeweiligen Klassen von Kunststudent*innen erarbeitet, wobei Nora Schultz die Klasse für Bildhauerei und Installation an der Wiener Akademie leitet und Rhea Anastas eine Artists-as-Writers-Klasse an der University of California in Irvine unterrichtet. „Viewing“ bedeutet im Werk von Kozlov, dass sich Textuelles mit Visuellem überlagert, was man mit der Wittgenstein’schen Denkfigur von Sagen und Zeigen in Verbindung bringen könnte, vor allem da Kozlov an Sprachmodellen interessiert und eine große Kennerin des Werkes von Ludwig Wittgenstein war. Zeigen statt sagen ist eine Haltung, deren Basis Sprache ist, wie sie ebenso für die Fotoarbeit gilt, in der Kozlov Selbstporträts „zeigt“, wie für andere Werke, in denen frei nach Roland Barthes die Sprache spricht und nicht die Autorin. In Untitled (After Goya von 1968 etwa reduziert die Künstlerin die beiden berühmten Gemälde von Goya auf die sprachliche Rekomposition LAS MAJAS.
Bei Kozlov enthält das Kritische und Rebellische, das Verweigern und Verwerfen, das Negieren und Löschen immer auch das Logische und Klare: jenes von Gertrude Stein zitierte „Normale“, das für Kozlov und Joseph Kosuth Pate für die Umbenennung der Lannis Gallery in das Museum of Normal Art stand. Stein hatte in der legendären Passage eben das Normale für komplexer und interessanter befunden als sein Gegenteil. Formale Kriterien wie „symmetry, asymmetry, progression or with their own intrinsic logic“, wie Kozlov in einem begleitenden Statement zu den Compositions for Audio Structures (Sound Structures) festhält, spielen darin immer eine Rolle. 1967 hatte Kozlov die Blätter in der Lannis Gallery gezeigt, als sie noch Studentin an der School for Visual Arts war. Es sind Notationen, die Kozlov auf fotomechanischem Werk so verfremdete, dass nun die Lineatur hell auf braunem Grund aufscheint. Ob man sie aufführen kann? Gewiss hätte jemand wie David Tudor sie spielen können. Angesichts des Abstands zwischen Musiker*in und Instrument werden die dunklen Blätter allerdings kaum praktikabel sein, vielmehr sind sie ein Beitrag zur konzeptuellen experimentellen Musikszene um 1960, die eher im Fluxus als in der Konzeptkunst anzutreffen ist. In der nun für die Ausstellung gewählten Rahmung wirken sie „fertig“ und bildhaft wie auch Henry Flynt seinen Text Concept Art gerahmt oder Yoko Ono ihre Scores ins Bildhafte übertragen hat. In ihrer Abhandlung zur Malerei von Ad Reinhardt zitieren Kozlov und Kosuth 1966 einen Ausspruch von Gertrude Stein über das Fertigwerden (… finish a thing …), der allerdings Skepsis gegenüber konventionellen Werkbegriffen ausdrückt. Die „intrinsische Logik“ kann durchaus Negation enthalten, die niemals Endpunkt ist und sowieso nur innerhalb der Sprache erfolgen kann. Das Negative lebt vom Positiven, das es negiert, so sehen es Kozlov und Kosuth im erwähnten Text zu Reinhardt, nach dem es keine Negation ohne eine implizite Affirmation gibt.
Im Hauptraum steht die Arbeit Information: No Theory vor großen Fenstern, die sich zu einem Friedhof öffnen. Vor dem Hintergrund technologischer Erneuerungen und wachsender Bedeutung der Massenmedien hatte Kozlov auch an der MoMA-Ausstellung Information von 1970 teilgenommen, wo sie allerdings nur ein Telegramm hinschickte: „Particulars related to the information not contained herein constitute the form of this action.“ Auf dem Tonband, das im selben Jahr in der Ausstellung Conceptual Art and Conceptual Aspects gezeigt wurde, wird der im Ausstellungsraum aufgenommene Ton immer wieder von neuen Aufnahmen gelöscht und überspielt. Eine New Yorker Kritikerin sah die Gegenüberstellung von Friedhof und Werk als Gegensatz, indem das Werk löscht, was der Friedhof zu erhalten sucht. Aber verhält es sich nicht alternierend? Im Friedhof steht die (unsichtbare) Verwesung gegen die (sprachliche) Erinnerung, die sich, wenn nicht bedingen, so doch, wie auch bei Kozlov, wechselseitig fortschreiben.