Heft 1/2025 - Artscribe


Die Sammlung betrachten & An Insert by … Klaus Scherübel Cranach’s Holy Productivity

26. Juni 2024 bis 16. Februar 2025
Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, / Wien

Text: Christian Egger


Wien. Die Möglichkeit für den aus Österreich stammenden, aber seit Langem in Kanada lebenden Künstler Klaus Scherübel, sich dem Renaissancemaler Cranach (1472–1553) und insbesondere seinem Bild Die Heilige Sippe (1510–12) zu widmen, ergibt sich aus der Einladung zu der 2023 an der Akademie der bildenden Künste initiierten Reihe Die Sammlung betrachten & An Insert by … Mithilfe der beauftragten Künstler*innen sollen neue, ungewohnte Perspektiven auf den Sammlungsbestand der Gemäldegalerie erlaubt und hergestellt werden. Die beständige Qualität in der Praxis Scherübels, unterschiedlichste Charaktere, Figuren aus Film-, Literatur- oder wie im vorliegenden Fall der Kunstgeschichte in ein wirksames Netz sublimer Analysen und Auseinandersetzungen zu integrieren und produktiv zu machen, vereinfacht die Bezugnahme auf den zeitlich wie stilistisch fernen Kollegen und macht Scherübel zum idealen und versierten Kandidaten eines solchen Unterfangens. Auch der Begriff „Insert“ selbst kommt seinen Bestrebungen entgegen, bezeichnet dieser in Publikationen eine „Beilage“ oder „Einlage“ bzw. im Film informative Texteinschübe oder Zwischentitel. Scherübels Ausstellung entspricht einem so verstandenen informativen Einschub, handelt es sich dabei doch weder um einen künstlerischen Dialog im Sinne einer Gegenüberstellung von Werken noch um ein konstruiertes Scherübel on Cranach.
Waren es in seinen früheren Arbeiten oft Figuren, die eher Verweigerung (Herman Melvilles Bartleby der Schreiber) oder künstlerische Krisen (Stanley Kubricks Schriftsteller Jack Torrance in Shining) repräsentierten und denen oft Scherübel erst den Existenzbeweis für ein Werk lieferte – indem er etwa die Schreibmaschinentexte, die Jack Torrance in Shining verfasste, editierte und veröffentlichte1 – , ist es mit Lucas Cranach d. Ä. ein Vertreter einer präfordistischen Überproduktion (über 1500 erhaltene Werke) und ein – von seiner künstlerischen Tätigkeit abgesehen – auch geschickter und erfolgreicher Netzwerker in allen gesellschaftlichen Sphären seiner Zeit, vom Betreiben einer Weinstube bis zu einer Apothekerlizenz.
Anlassbezogene Updates in eigenen Werkreihen verschleiern Umfang und Komplexität seiner Eingriffe ebenso wie die dabei zutage tretende Prägnanz der Resultate. Scheint Scherübel in seiner seit 1990 fortlaufenden Reihe Artist at Work eigentlich an kaum mit künstlerischen Tätigkeiten in Deckung zu bringenden Orten wie Tennisplätzen, Strassen, in der Natur oder in Videotheken im Moment des eigenen überbewussten Nichtstun maximal fotogen posierend gefroren, ist er in Untitled (The Artist at Work) # 40 diesmal wirklich am vorweihnachtlichen Hauptplatz vor einem Glühweinstand außerhalb der Weihnachtsmarktöffnungszeiten gerade jener Stadt zu sehen, in der Cranach vom Hofmaler zum Statthalter und Bürgermeister emporsteigen und schließlich neben der Malereiwerkstatt einige weitere Immobilien sein Eigen nennen konnte – das Foto legt nahe, dass Scherübel in Wittenberg dann doch potenziell zu Cranach’s Holy Productivity recherchierte. Die Herausforderung, den Zeitraum von über 500 Jahren seit Entstehung des Bildes inklusive der medialen Sprünge in der Gegenwart zu veranschaulichen, ermöglicht der Künstler durch im Loop gezeigte digitale Close-ups, wie bei Restaurierungen üblich, dem Originalbild selbst und einer skulpturalen Übersetzung der Bildebenen. Diese dem Bild perfekt nachempfundenen Kulissenobjekte füllen den dahinterliegenden Raum, sie sind begehbar sowie mit Nummern von 1 bis 12 versehen, denen an der Galeriewand Kurztexte unterschiedlicher Hintergrundinformation zu Lebzeit, Wirken Cranachs und dem Bild Die heilige Sippe selbst zugeordnet sind.2 Dass durch die Reduktion auf jene Ebenen, auf denen die Handlung im Bild nebenan spielt, weitere Erkenntnisse über den Bildgehalt warteten, ist so reizvoll wie illusorisch, dass die Betrachter*innen aber diese Zeitreise mühelos tätigen können und sich mitten in der Auseinandersetzung mit dem Bild und seiner Entstehung befinden, ist der eigentliche Coup und Teil der Dramaturgie des Künstlers als Vermittler, Kunsthistoriker, Bühnenbildner und Regisseur. Diese Installation trägt wiederum die Bezeichnung Vol. 28 einer ebenfalls fortlaufenden, die Hierarchien zwischen Kunstwerk, Ausstellung, Publikation ausweitenden Serie des Künstlers, hier größtmöglich lehrreich, und eine einst von Sabeth Buchmann attestierte Beobachtung weiter erforschend: „Wenn selbst komplexe (Repräsentations-)Kritik der herrschenden visuellen Ordnung nicht in der Lage ist, die Eigenschaften von Bildern selbst zu theoretisieren, d. h. nicht nur ein ‚daß‘ zu konstatieren, sondern zu beschreiben, ‚warum‘ und ‚wie‘ sich Bilder durch Produktions- und Reproduktionsverhältnisse vermitteln bzw. auf diese einwirken, dann wären herkömmliche Interpretationsmodelle nichts weiter als ein Symptom für das bisher unbekannte Wesen von Bildern.“3 So selbstverständlich sich Cranach einst als aus dem Sippenbild blickender Alphäus integrierte, so gewieft rahmt Klaus Scherübel in und mit einem auf sein Smartphone blickenden Cameo das Ganze.

1 https://klausscheruebel.com/index.php?/projets/10/1%202
2 „Aus der Kombination von Versatzstücken, Nummern und ‚Legenden‘ – die beide aus dem museografischen Vokabular des ‚Period Room‘ stammen – wird versucht, einen Schauplatz für eine potenzielle Erzählung zu Cranach’s Holy Productivity zu generieren. Eine Erzählung, die jedoch weder linear noch abgeschlossen ist und von den Betrachter*innen erst zusammengesetzt werden muss.“ Klaus Scherübel, Cranach’s Holy Productivity. Wien: Verlag für moderne Kunst 2024, S. 24.
3 Sabeth Buchmann, „The Prison-House of Kunstgeschichte“, in: Texte zur Kunst, November 1997, Vol. 7/28, S. 53–64.

 

 

[1] https://klausscheruebel.com/index.php?/projets/10/1%202
[2] „Aus der Kombination von Versatzstücken, Nummern und ‚Legenden‘ – die beide aus dem museografischen Vokabular des ‚Period Room‘ stammen – wird versucht, einen Schauplatz für eine potenzielle Erzählung zu Cranach’s Holy Productivity zu generieren. Eine Erzählung, die jedoch weder linear noch abgeschlossen ist und von den Betrachter*innen erst zusammengesetzt werden muss.“ Klaus Scherübel, Cranach’s Holy Productivity. Wien: Verlag für moderne Kunst 2024, S. 24.
[3] Sabeth Buchmann, „The Prison-House of Kunstgeschichte“, in: Texte zur Kunst, November 1997, Vol. 7/28, S. 53–64.