Im Call für dieses Heft baten wir unsere Autor*innen um Texte zum Thema Migration, zur migratorischen Transformation des Sozialen, welche viele neue Ungleichheiten und Differenzen produziert, die allesamt näher zu untersuchen wären: nicht nur der erstarkte Hang zu Ethnonationalismus und Autoritarismus, die „Rassifizierung“ aller/s Anderen oder ständig neu entfachte soziale Neiddebatten, die rhetorische Konstruktion von „guten“ Migrant*innen (diejenigen, die so sind wie wir) gegen „schlechte“ (diejenigen, die immer fremd bleiben werden und sich nicht integrieren lassen); Grenzregime, im Zuge derer die einen das EU-weite ‚Recht auf Freizügigkeit‘ genießen, während andere kaum eine Chance haben, die nach außen hin errichteten Barrieren jemals zu überwinden; schließlich die radikale Disparität der Migrationsursachen (Flucht vor politischer Verfolgung, Klimanotstand, ökonomische Aussichtslosigkeit, die generelle Schieflage zwischen Globalem Norden und Globalem Süden etc.).
Tatsächlich aber kreisen viele der hier versammelten Beiträge um etwas anderes: um Übergänge, Unterbrechungen und Schwellenzustände. Sie führen durch Grenzlandschaften und Exilerfahrungen, durch politische Sperrzonen und diasporische Erinnerungsräume, durch Verschiebungen von Identität, Geschlecht, Sprache und Wahrnehmung. Sie beschäftigen sich mit Übergängen, die nicht abgeschlossen werden können, mit Bewegungen, die keinen eindeutigen Zielpunkt kennen, und mit Formen der Zugehörigkeit, die sich festen Verortungen entziehen. Sie beschäftigen sich mit Erfahrungen des Exils, des Fremdseins, der Migration, die sich nicht ohne Weiteres in die Ordnung etablierter Begriffe übersetzen lassen. Mit Räumen, die weder eindeutig innen noch außen sind. Mit Körpern, Bildern und Stimmen, die sich zwischen verschiedenen Regimen der Sichtbarkeit bewegen.
Und sie beschäftigen sich mit dem Begriff der Grenze. Grenze erscheint dabei nicht als feste Linie. Sie ist Wald, Infrastruktur, Sprache, Erinnerung, Begehren. Sie verläuft zwischen Krieg und Frieden, zwischen Zeugenschaft und Vermittlung, zwischen Zugehörigkeit und Entzug. Sie organisiert Wahrnehmung und verteilt Sichtbarkeit. Vor allem aber produziert sie jene Zonen der Unbestimmtheit, in denen politische und ästhetische Konflikte der Gegenwart sichtbar werden.
An den Wäldern der polnisch-belarussischen Grenze etwa: Sie sind ein Territorium, das zugleich Transit- und Sperrraum ist. Hier begegnen sich ökologische und politische Regime, Naturschutz und Militarisierung, Fürsorge und Gewalt. Der Wald wird zum Akteur eines Grenzsystems, welches Menschen verschwinden lässt und Spuren verwischt. Zugleich entstehen gerade in diesen Räumen neue Formen des Wissens, der Solidarität und der künstlerischen Gegenkartografie.
Andere Beiträge dieses Heftes führen in die Topografien des Exils. Exil erscheint hier nicht nur als Verlust eines Ortes, sondern als dauerhafte Praxis der Übersetzung. Es erzeugt Perspektiven, die sich einfachen Zuordnungen entziehen. Zwischen Sprachen, Erinnerungen und kulturellen Kontexten entstehen Formen der Intimität, die gerade aus Entortung hervorgehen. Herkunft wird weniger zu einem Ursprung als zu einer Bewegung, die niemals abgeschlossen ist.
Auch dort, wo Geschlecht, Körper und Begehren verhandelt werden, steht nicht Identität im Vordergrund, sondern Überschreitung. Die hier versammelten Positionen interessieren sich weniger für feste Zuschreibungen als für jene Momente, in denen bestehende Ordnungen porös werden. Wenn Praktiken Räume betreten, die ihnen nicht zugedacht waren. Wenn Stimmen auftauchen, die in etablierten Erzählungen keinen Platz hatten. Wenn sich das Verhältnis von Zentrum und Peripherie, Norm und Abweichung, Innen und Außen verschiebt.
Vielleicht ist dies die eigentliche Erfahrung der Gegenwart. Während politische Systeme neue Mauern errichten, Grenzregime ausbauen und Bewegungen kontrollieren, entstehen gleichzeitig immer mehr Formen des Dazwischen. Eindeutige Zugehörigkeiten verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Erfahrungen lassen sich nicht mehr bruchlos repräsentieren. Bilder werden instabil. Bedeutungen geraten in Bewegung.
Die Texte dieses Heftes dokumentieren diese Situation nicht nur. Sie operieren in ihr. Sie versuchen, Erfahrungen von Migration zu vermitteln, die sich ihrer Vermittlung widersetzen. Sie suchen nach Formen für das, was sich den vorhandenen Sprachen entzieht. Und sie erinnern daran, dass der Status der Migration, die in ihr Lebenden ständig zu Übersetzungen zwingt, nicht nur der Sprache, sondern nahezu jedem Regime des Körpers und des Handelns‚ daran, dass jede Übersetzung einen Verlust bedeutet, aber auch die Möglichkeit eröffnet, etwas Neues wahrnehmbar zu machen.
Die Beiträge dieses Heftes bewegen sich auf solchen Schwellen. Sie untersuchen ihre Architekturen, ihre Gewalt und ihre Versprechen. Und sie fragen, was geschieht, wenn wir die Grenze nicht als Ende eines Raumes begreifen, sondern vielmehr als Ort, an dem Wirklichkeiten aufeinandertreffen und sich verändern. Wo Bewegungen eingeschränkt werden, entstehen andere Formen der Passage. Wo Räume geschlossen werden, bilden sich neue Verbindungen. Wo Sichtbarkeit verweigert wird, entwickeln sich andere Weisen des Erscheinens.