Heft 2/2026 - Netzteil
In meinem Armenien-Reiseführer steht, dass man auf der Fahrt von Jerewan stadtauswärts in Richtung Westen durch das kleine Dorf Musaler kommt, wo vor 50 Jahren am Hang eine Gedenkstätte errichtet wurde. Woran erinnert sie? Musaler wurde 1947 für die Kämpfer*innen und die Überlebenden des Völkermords an den Armenier*innen 1915 in Anatolien erbaut (die Republik wurde erst 1917 als Teil der Sowjetunion gegründet). Die Siedlung liegt direkt hinter dem internationalen Flughafen. In der Gedenkstätte, einem Festungsturm aus rotem Tuffstein, befindet sich ein kleines Museum über den Widerstand gegen das Osmanische Reich, bei dem 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen ums Leben kamen. Im ersten Teil ihrer komplexen Drei-Kanal-Filminstallation Industries of Denial – zwei Videoprojektionen und ein 16-mm-Film – beginnen Angela Melitopoulos und Kerstin Schrödinger ihre Recherchereise an jenen Orten im Südosten der Türkei, an dem der Genozid während des Ersten Weltkriegs stattfand. Dass das armenische Schicksal weltweite Bekanntheit erlangte, verdankt sich einem literarischen Zufall: 1930 traf der Schriftsteller Franz Werfel bei einer Syrienreisen auf junge Überlebende, die dorthin deportiert worden waren, und erschrak über deren Anblick („begging … the faces looked blurred … like so many ghosts“, zitieren die Künstler*innen ihn eindringlich im Film). Nach ausführlichen Recherchen veröffentlichte Werfel 1933 seine in Teilen dokumentarisch angelegte Geschichte des Widerstands gegen die türkischen Angreifer in einem armenischen Dorf am Berg Musa Dagh („der Berg Moses“, der zum Symbol für den armenischen Widerstand geworden ist) Die vierzig Tage des Musa Dagh, worin er Leser*innen weltweit über die grausamen Taten aufklärte. Musaler, der Name des Dorfes, ist der armenische Name für den Musa-Dagh. Die historischen Ereignisse wurden von Werfel dramaturgisch mit Blick auf das Alte Testament umgestaltet: Aus den eigentlich 53 Tagen auf dem Musa Dagh wurden 40, so wie Moses sie auf dem Berg Sinai verbrachte.
Melitopoulos und Schrödinger beziehen sich auf Werfels dokumentarische Passagen ebenso wie er auf den (zur damaligen Zeit von der deutschen Politik unterdrückten) Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei des Theologen und Orientalisten Johannes Lepsius über das Massaker. Schließlich treten die Künstler*innen selbst an die Stelle der Reisenden, Nachforschenden und Erzählenden, um die damalige ethnische Säuberung aus heutiger Sicht mit neu herangezogenen historischen Quellen in filmischer Form weiterzuerzählen. Unter den Quellen sind die Archive des Auswärtigen Amtes, des Bauunternehmens Philipp Holzmann, der Deutschen Bank, private Fotosammlungen von Gleisbauern und christlichen Missionaren. Hinzu kommen dokumentarische Filmausschnitte und Fotografien aus Albert Kahns umfangreichen Archives de la Planète (1908–31), einem gigantomanischen film- und kinematografischen Experiment, das auf eine weltweite Dokumentation des Alltagslebens hin angelegt war. Kahn war als Spekulant in Diamanten- und Goldminen in Südafrika und als Banker zum Millionär geworden und gab sein Geld für die weltweite Entsendung von Dokumentaristen aus, die ihre Kameras verwenden sollten wie Kartografen ihre Messinstrumente. Im Archiv am Rand von Paris werden 72.000 Farbautochrome und 183.000 Meter Stummfilm in Schwarz-Weiß (in Metern angegeben, da es sich um ungeschnittene Filmaufnahmen handelt) aufbewahrt und größtenteils online zugänglich gemacht. Zum wissenschaftlichen Direktor hatte Kahn damals den Humangeografen Jean Brunhes ernannt, der die Kameraleute anwies, touristische Orte zu meiden. Melitopoulos und Schrödinger greifen Brunhes’ geografisch-infrastrukturell ausgerichteten Milieubegriff auf – Milieu verstanden als „Beziehungsbegriff, mit dem man auf Geschichte schauen kann“, so Melitopoulos –, um ihr Bildmaterial konzeptuell zu verweben und eine „kinesomatische Geografie“ zu vermitteln. Für die Filmwissenschaftlerin Paula Amad steht das utopisch angelegte Archiv des Philanthropen Kahn für ein revisionistisches „Counter-Archive“. Sie hebt hervor, dass die vordokumentarischen Filmaufnahmen auf eine Erzählerstimme verzichteten,1 ohne dabei den imperialen Blick vollständig abzulegen. In Industries of Denial erfahren die Zuschauer*innen zunächst Wesentliches zum historischen Hintergrund, wobei das Voiceover so angelegt ist, dass sich Audio- und Bildinstallation nicht fix überlagern, sondern in jeweils eigenen zeitlichen Loops laufen. Als einflussreich für Kahns Archivverständnis gilt laut Amad auch dessen Freundschaft mit dem Philosophen der Gedächtnisbilder und der Zeitwahrnehmung, Henri Bergson. Bergson wiederum ist für die frankophile Denkerin Melitopoulos eine wichtige intellektuelle Referenzfigur.
Industries of Denial ist der zehnte und letzte Teil von Melitopoulos’ und Schrödingers essayistisch-immersiven Filmarbeit, den sie als Erstes abgeschlossen haben (der erste Teil wird in Berlin spielen). Darin nehmen sie ihr Publikum mit auf eine Fahrt entlang der Eisenbahnlinie an der türkischen Südküste und der historischen Vertriebenenrouten. Recherche und Filmarbeit beruhen unter anderem auf einem gemeinsamen Stipendienaufenthalt in Istanbul 2021. Dabei geht es ihnen zum einen darum, das Osmanische Reich als Verbündeten Deutschlands im Ersten Weltkrieg und insbesondere auf die in Zusammenarbeit entstandene Bagdadbahn und deren Funktion bei der Deportation von Armenier*innen einzugehen – „a moving concentration camp“, sagt die Stimme im Voiceover. Hinzu kommt die Unterstützung vonseiten der preußischen Generäle (wie Lepsius’ Bericht zu entnehmen ist) und der deutschen Kriegsindustrie – die Künstler*innen nennen im Gespräch unter anderem Krupp in Essen. Zum anderen stehen, wie bei Werfel, sich überlagernde Perspektiven im Fokus: die Opfer des Genozids, die Militärs und Regierenden, die kosmopolitischen Sichtweisen der Augenzeug*innen und schließlich die Wiederholungen und Kontinuitäten – akustisch unterstrichen durch den maschinellen Klang des Soundtracks von Nicholas Busmann –, die sich seither im Nahen Osten ereignen. Ein Hauptaspekt ihrer Erzählweise sei „connectivity, not representation“, so die Künstler*innen, denn es seien auch Griech*innen Opfer des Osmanischen Reichs gewesen. Bei der Lausanne-Konferenz 1923 wurde die Zahl der getöteten Assyrer*innen auf 275.000 geschätzt.
Die ersten Aufnahmen zeigen die bergige Umgebung in stereoskopischer Anordnung: links und rechts die grünen Wälder, in der mittleren Projektion historische Dokumente und Bilder. In den Blick auf die gerahmte Landschaft von heute, gefilmt durch Eisenbahnfenster, soll sich die Geschichte einblenden. Melitopoulos und Schrödinger stellen auf diese Weise „mnemotechnical milieus“ her, wie sie mit Bezug auf Maurizio Lazzarato (einen langjährigen Kollaborationspartner von Melitopoulos) und Jean Brunhes (Direktor der Archives de la Planète) sagen. Wie andere Tourist*innen besuchen sie den in der Region vermarkteten, angeblich 3.000 Jahre alten, zum Gedenkbaum erklärten „Moses’ Tree“ (Musa Ağacı) in Samandağ und merken an, dass dieser Baum genauso „oblivious to their own denied history“ sei – ein Hinweis darauf, dass die türkische Regierung bis heute den Völkermord an der armenischen Bevölkerung in Anatolien nicht anerkennt – „the denial of the mourning, the denial of loss, the denial of traces and paths through the landscapes“2 –, wohingegen der Deutsche Bundestag dies 2016 getan hat.3 Seit Werfels Roman haben sich weitere Verwerfungen ereignet, die Anerkennung und Erinnerung erschweren, wie das Filmprojekt verdeutlicht. Zuletzt waren es Verwerfungen geologischer Dimension. Nach dem Erdbeben von 2023 stellt sich die Frage, welche politische Unterstützung die Region konkret erhält. Wer baut die Kirche in Vakıflı wieder auf? Einige Bewohner*innen der Dörfer am Mosesberg wurden bis nach Port Saïd evakuiert. Ein einziges armenisches Dorf ist in Anatolien geblieben – Vakıflı. Armenische Geflüchtete von damals leben heute in Mersin, İskenderun, Beirut oder eben im Dorf Musaler bei Jerewan.
[1] Vgl. Paula Amad, Counter-Archive: Film, the Everyday, and Albert Kahn’s Archives de la Planète. Columbia University Press 2010, S. 91.
[2] Angela Melitopoulos/Kerstin Schrödinger, Being Moved: On the Infrastructures of denial, Arts of the Working Class, 27. April 2026; https://artsoftheworkingclass.org/text/being-moved.
[3] Vgl. https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2016/kw22-de-armenier-423826.