Heft 2/2026 - Lektüre



Andrew Pickering:

Acting with the World: Agency in the Anthropocene

Durham/London (Duke University Press) 2025 , S. 73 , EUR 26

Text: Kathi Hofer


Hier liegt ein aufschlussreiches Buch vor, das auf knappen 106 Seiten komponiert ist wie ein Kippbild. Der britische Wissenschaftsphilosoph Andrew Pickering skizziert darin zwei Weisen, die Welt zu ordnen, als je unterschiedlich gewichtete Figur-Grund-Relationen: In der einen erscheint der Mensch als durch Vernunft und Intentionalität konturierte Figur, die sich scharf von der Umwelt im Hintergrund absetzt; in der anderen tritt die Umwelt in den Vordergrund, der Mensch fügt sich als Teilelement in ihr Gesamtbild ein. Figur 1 ist unschwer auszumachen, in ihr zeichnet sich unser modernes Weltbild ab – stabil verankert in der humanistischen Zentralperspektive. Figur 2 dagegen wird – kontrastärmer und ungleich komplexer – leicht übersehen; dass sie überhaupt als ernst zu nehmende Alternative in Betracht kommt, beschreibt der Autor als maßgebliche Entdeckung am Beginn seiner eigenen Beschäftigung.
Pickering hat seit den frühen 1990er-Jahren innerhalb der Science and Technology Studies eine nomadische Position entwickelt, die sich transdisziplinär bewegt und insbesondere aus pragmatischen und kybernetischen Ansätzen speist. Ein Fokus auf Praxis – auf ein „doing things“ als konstitutives Merkmal allen Seins – zieht eine distinkte Linie durch sein Werk und schärft auch unsere Betrachtung: Je nachdem, wie wir die Welt in den Blick nehmen, formen und legitimieren sich Weisen des Umgangs mit ihr. Das titelgebende „acting with the world“ ist so gesehen die übersehene Inversionsfigur; ihr dominanter Counterpart, „acting on the world“, unser gewohnter Modus Operandi. Unser Auge für das Kippmoment zu schärfen, hat sich Pickering für den Essay vorgenommen.
Acting on – die Naturbeherrschung durch den Menschen – hat dem Gesamtbild des Planeten im Anthropozän eine erdzeitliche Marke aufgeprägt, die zunehmend ihre dunkle Seite zeigt: Erderwärmung, Umweltverschmutzung und Artensterben sind unbeabsichtigte Nebeneffekte menschlicher Produktivität, die historisch allerdings geringer gewichtet wurden als ihr unmittelbarer Nutzen. Technische Lösungsansätze der jüngeren Zeit, die die sich zuspitzenden Krisen abfedern sollen – etwa durch Geoengineering –, verortet Pickering ebenso im etablierten Muster wie Formen des ökoaktivistischen Widerstands, denn zentral bleibt dabei menschliches Handeln, ob steuernd oder gegensteuernd. Acting with – das Handeln im Einklang mit Umwelt und Natur – rückt dagegen nicht-menschliche Agency in den Vordergrund. Pickering beschreibt diese Handlungsoption als sonderbar und verblüffend anders: als unvorhersehbar, dezentriert, posthumanistisch, „mangle-ish“. Die wiederkehrende Figur der „mangle“1 bedient ein evokatives Bild: Menschliche und nicht-menschliche Akteur*innen nehmen einander gleichsam „in die Mangel“ und transformieren die Welt in einer untrennbaren performativen Verschränkung. Der Mensch verliert darin seine feste Kontur.
Es ist kurzweilig und überaus lehrreich, Pickering lesend auf seinen Field Trips rund um den Globus zu begleiten. In acht Kapiteln beleuchtet er Szenarien, die zeigen, wie acting with konkret aussehen kann. In Japan etwa läuft Erosionsschutz traditionell wie ein Schachspiel ab: Der Forstingenieur inspiziert das betroffene Waldstück und macht seinen ersten Zug, indem er einen Wall errichtet. Er wartet ab, wie der Wald reagiert, und entscheidet daraufhin über den nächsten Schritt, vielleicht den Bau einer Erweiterung oder eines zweiten Walls. Wieder folgt eine Beobachtungspause und so weiter, bis die Bodenerosion „schachmattgesetzt“ ist. Entlang des Colorado River lassen sich indes tänzerische Formen menschlich/nicht-menschlicher Interaktion beobachten: Im Glen Canyon Dam Adaptive Management Program (AMP), einem 1996 von der US-Regierung initiierten, groß angelegten Renaturierungsprojekt (das seit 2025 wegen Ausfalls staatlicher Mittel ausgesetzt ist), werden künstlich herbeigeführte Überschwemmungen mit den natürlichen Rhythmen und Neigungen des Flussökosystems synchronisiert – in einem Wechsel aus Folgen und Führen, den Pickering als „dance of agency“ bezeichnet. Das Hochwasserschutzprojekt Room for the River in den Niederlanden und die von dem japanischen Landwirt und Philosophen Masanobu Fukuoka (1913–2008) entwickelte Methode des Natural Farming sind Beispiele, bei denen die Maßnahme darin besteht, gerade nichts zu tun: menschliche Eingriffe zurückzunehmen, Kontrolle und Agency an die Natur abzugeben – und sich von ihrer Selbstwirksamkeit überraschen zu lassen. Elemente daoistischen Denkens verbinden sich im Natural Farming mit kybernetischen Schleifen zu einer wirksamen, „radikalen und poetischen Alternative“ zur konventionellen Landwirtschaft.
Die verstreuten Formen führt Pickering in dem Prinzip des „doing without science“ zusammen: Sie setzen dort an, wo die wissenschaftliche Methode als unzureichend oder sogar zerstörerisch erkannt wurde oder wo die moderne Wissenschaft nie eine Rolle spielte. In den beiden Kapiteln zur indigenen Praxis kontrollierter Feuer in Australien sowie zu Schamanismus im brasilianischen und venezolanischen Amazonas gibt Pickering bereitwillig seine eigene, an Naturwissenschaft und westlicher Philosophie geschulte Perspektive auf und rückt indigenes Wissen und Animismus in den Vordergrund; die stabil geglaubten Definitionen von „Natur“ und „Agency“ geraten dabei selbst in die Mangel.
Pickering schreibt bild- und beziehungsreich, in einem generösen Duktus, der uns an Denkbewegungen und plötzlichen Einsichten teilhaben lässt. Auch wenn er zugibt, keine quick fixes für die ökologische Krise parat zu haben, zielt sein Buch doch auf das große Ganze. In Anlehnung an Thomas Kuhn beschreibt er Revolutionen von Denktraditionen als „Gestaltwechsel“: Schlägt das Kippbild einmal um, verändert sich die Wahrnehmung abrupt – und mit ihr die Welt, in der wir handeln.

1 Siehe auch Andrew Pickering, The Mangle of Practice. Time, Agency, and Science. Chicago: University of Chicago Press 1995.