Heft 3/2026 - Lektüre



Vladimir Safatle:

Zynismus und das Scheitern der Kritik

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Stephan Gregory

Freising (tentare Verlag) 2025 , S. 75 , EUR 24

Text: Michael Hauffen


Wie Rationalität und Absurdität sich gegenseitig bedingen und immer weiter hochschaukeln, erfahren wir täglich. Aber wann ist das eine die notwendige Korrektur des anderen, und wie kommt es, dass gerade harmloser Humor ein Zeichen ideologischer Macht sein kann? Sich mit Ironie und Zynismus auseinanderzusetzen, hat sich hier ein Autor vorgenommen, der der Intuition folgt, es mit einem Grundproblem der Aufklärung zu tun zu haben, das heute zu voller Wirkung kommt. Und das bedeutet, danach zu fragen, welche Form der Kritik angemessen sein kann, wenn es gerade auch die Kritik selbst ist, die über ironische Brechung und zynische Umkehrung neutralisiert wird.
Der Brasilianer Vladimir Safatle tritt im deutschen Sprachraum erstmalig in Erscheinung, obwohl er neben der französischen auch mit der deutschen Theorietradition bestens vertraut ist. Mit Hegel setzt er darauf, dass es darum geht, den Aufbruch in die moderne Gesellschaft philosophisch zu begründen, und mit der Frankfurter Schule betrachtet er die Dialektik der Aufklärung als fragilen Prozess, der keinesfalls einen sicheren Fortschritt garantiert. Deshalb steht er auch der späteren Linie, die einen demokratischen Lernprozess in herrschaftsfreiem Diskurs für möglich hielt, nicht nur skeptisch gegenüber, sondern konfrontiert sie mit Theorien vor allem französischer Provenienz, wobei er die psychoanalytische Perspektive Lacans in den Mittelpunkt rückt.
In der modernen Lebensform und ihren libidinösen Ausgestaltungen sieht er die materielle Basis für den Sozialisationsprozess. Frühkindliche Entwicklung und ihre Triebschicksale modulieren demnach die subjektive Akzeptanz rationaler Grundlagen einer gemeinsamen Welt. Familiale Strukturen stellen dafür primäre Voraussetzungen bereit, und die von Lacan bereits in den 1940er-Jahren bemerkte Verschiebung der Rolle des Vaters von einer starken zu einer schwachen Position lässt sich als Agens einer allgemeineren Transformation lesen: von einer Vernunft, die sich an überzeugenden Idealen orientiert, hin zu einer zynischen Vernunft, die sich ironisch auf ihre normativen Grundlagen bezieht und damit paradoxerweise eine disparate Situation stabilisiert.
Lacan prägte in diesem Zusammenhang den Begriff „père-version“, und damit sind auch schon jene sozialen Dispositionen und Objekte des Begehrens benannt, die das libidinöse Leben zunehmend bestimmen sollten: Konsumismus, Hyperfetischismus, bei gleichzeitigem Erstarken monströser Urfantasien. Am Ende sehen wir uns einer Macht gegenüber, die nicht mehr nur durch die Verwaltung der Genussoptionen, sondern als Hegemonie kontrollierter Unzufriedenheit herrscht.
Historisch setzt Safatle mit Hegel den Ursprung zynischer Vernunft in der Morgenröte der Aufklärung an. Einen Schlüsseltext bildet mit Diderots Rameaus Neffe das Dokument eines Ironikers, dessen Selbstbewusstsein sich auf die unüberbietbare Erkenntnis moralischer Nichtigkeit gründet, und weite Teile der ästhetischen Romantik faszinierte. Was damals als Extravaganz den Eliten vorbehalten war, ist heute hingegen mediales Allgemeingut.
Einen seltsamen Faktor bilden Fragmente einer kynischen Vernunft, die – zurückgehend auf antike Vorbilder – nicht unerhebliche lebensreformerische Motive für den revolutionären Aufbruch abgaben, wenngleich sie den Anforderungen moderner Praxis oft nur mit dem Rückzug in eine vermeintlich natürliche Einfachheit begegnen wollten. So im Fall von Peter Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft, einem Text der 1980er-Jahre, der das postideologische Phänomen klar benannt hatte, aber mit der eigensinnigen Selbstbeschränkung der kynischen Verweigerung keinen wirklich tragfähigen Gegenbegriff entwickelte. Weitere Bezugspunkte stellen Nietzsches Begeisterung für das Maskenspiel dar, das bis in die Theorie des Simulakrums von Gilles Deleuze widerhallt, als Befreiung von repräsentativen Ordnungen und transgressive Flexibilisierung von Identitäten.
Der Anschein, dass die damit einhergehenden Aporien heute ihre volle Blüte erleben, lässt sich sowohl in der Politik als auch in der Kunst kaum von der Hand weisen. Man denke nur an Politiker*innen, die sich wie Clowns gebärden, oder an Formen der Kunst, die traditionelle oder popkulturelle Motive ironisch wiederholen und als Fetischobjekte stylen, die also die Opposition der Avantgarde in Kult verwandeln.
Ein ganzes Kapitel widmet sich der Frage nach dem Phänomen des Zynismus in der Musik. Während die Zwölftonmusik einen entschiedenen Bruch mit etablierten Harmonien und ihrer Codierung der Gefühlswelt darstellte, kamen spätere Komponist*innen wieder auf tradierte Muster zurück, wenn auch in ironischer oder destruktiver Rahmung. Nachhaltige Stärke sieht allerdings anders aus. Ermüdung konvergiert offenbar auch hier mit Unzufriedenheit in einer Art entropischer Schleife. Allgemein formuliert: Differenzen explodieren, aber das drückende Axiom sich ständig neu verwertenden Kapitals bleibt unangetastet.
Die Analyse mündet in ein Fazit, das eine Nähe zu Adorno manifestiert: Theorie sollte sich auf Negativität als Grund für ein Bewusstsein der Ausweglosigkeit vorhandener Rezepte konzentrieren. Ein wirklicher Neuanfang kann nur von einem globalen Proletariat ausgehen, das seine zunehmend aussichtslose Situation nicht mehr durch Rekurs auf hergebrachte Traditionen und Institutionen, sondern mit einem abgrundtiefen Glauben an die Möglichkeit eines Aufbruchs in eine unbekannte Zukunft beendet.