Heft 3/2026 - Artscribe


Bouchra Khalili – How to Call a Ghost

6. Juni 2026 bis 13. September 2026
Malmö Konsthall / Malmö

Text: Karl Katz Lydén


Malmö. Während der Zug auf dem Weg nach Malmö die sonnigen Ebenen Südschwedens durchquert, lese ich ein Buch über Physik und Schwarze Löcher. Es erinnert mich an ein Dilemma, das bereits die Philosophen der Antike beschäftigte: Sollte man die Geheimnisse der Natur (physis) erforschen oder sich von solch avanciertem, aber abstraktem Wissen abwenden und sich stattdessen der Frage widmen, wie man sein Leben richtig führt? Heute erscheint diese Frage zugleich seltsam und relevant – gerade angesichts der akuten Krisen unseres gemeinsamen politischen Lebens. Als ich das Buch beiseitelege, kommt mir ein Gedanke: So wie das Verständnis von Schwarzen Löchern im Laufe der Zeit durch die Messung von Entfernungen zwischen Sternen und die Verfolgung ihrer Bahnen gewonnen wurde, so erfasst Bouchra Khalilis berühmte Kartierung von Migrationsrouten im Rahmen des Mapping Journey Project (2008–11) die sich ständig wandelnden Merkmale des Schwarzen Loches, das der Kapitalismus darstellt.
Dieses viel gereiste Werk ist in How to Call a Ghost in der Malmö Konsthall nicht zu sehen, doch die nächtlich anmutende Ausstellung beschwört den Weltraum herauf. Unter dem abgedeckten Fensterband erstreckt sich zwischen den Videoinstallationen eine Sternenkonstellation aus gestickten Wörtern und Namen in griechischen Großbuchstaben. Sie verweisen auf die Proteste auf dem Syntagma-Platz 2011 und 2015 sowie auf Beteiligte von The Tempest Society, einer Videoarbeit, die Khalili 2017 für die documenta 14 in Athen/Kassel realisierte. Eine ähnliche Stickerei ist abseits davon an einer entfernten Wand angebracht, als bilde sie ein konstitutives Außen dieser Konstellation, eine regulative Idee oder vielleicht einen doppeldeutigen Imperativ für die gesamte Ausstellung. Es handelt sich um das griechische Wort für Gleichheit: ΙΣΟΤΗΤΑ.
Die Ausstellung besteht aus fünf größeren Videoinstallationen, die einige miteinander verbundene Themen behandeln. Im Zentrum steht die Geschichte der 1969 gegründeten französischen Arabischen Arbeiterbewegung (Mouvement des travailleurs arabes), ihrer beiden Theatergruppen Al Khalifa und Al Halaka sowie ihrer performativen und narrativen Strategien – etwa ihrer Intervention in die französische Präsidentschaftswahl von 1974. In The Tempest Society wird die Geschichte der Arabischen Arbeiterbewegung in einem leeren Theater in Athen aus der Perspektive heutiger griechischer Aktivist*innen der Migrationsbewegung erzählt. In The Circle (2023) rekonstruieren zwei junge Menschen nordafrikanischer Herkunft aus Marseille die Geschichte der Organisation. In diesem Zwei-Kanal-Video sehen wir außerdem Hände, die das Archivmaterial präsentieren und filmen, sowie Schwarz-Weiß-Szenen, in denen ehemalige Mitglieder ihre damaligen Performances 50 Jahre später erneut aufführen. In The Public Storyteller inszeniert Khalili die „al Halaqa“, jene traditionelle Aufführungsform, bei der das Publikum einen Kreis um den Erzähler bildet. Die Künstlerin hat einen jungen Erzähler, der in dieser alten Tradition steht, eingeladen, die Geschichte von Djellali Kamal wiederzuerzählen, dem Präsidentschaftskandidaten von 1974, „dem Kandidaten derer, die nicht wählen dürfen“: eine gleichermaßen symbolische, dokumentarische und fiktionale Figur, hervorgebracht von diesem eher unbekannten historischen Subjekt, der französischen Arabischen Arbeiterbewegung.
Die Videos zeichnen sich durch einen konsequenten Einsatz literarischer Mittel wie Kapitel und Epiloge aus, durch poetische und theatrale Formen, traditionelle Musik – arabischen und griechischen Gesang mit Lautenbegleitung –, Interviews und vor allem durch talking heads: Gesichter, die dramatisierte Skripte lesen, Beteiligte, die mit unterschiedlicher Intensität die Reaktivierung eines bestimmten historischen und politischen Materials verkörpern. Was bei dieser beharrlichen Konzentration auf das menschliche Gesicht und die menschliche Stimme genau auf dem Spiel steht, wird nicht ganz deutlich. Lesbarer dagegen ist die Art und Weise, wie die geometrischen Formen der Videoinstallationen die jeweils aktivierten narrativen Formate räumlich fortsetzen: Bänke und Bildschirme sind kreisförmig um die Halaqa angeordnet – das Wort bedeutet selbst „Kreis“ –, während die Möblierung von The Tempest Society die Blackbox eines Theaters nachzubilden scheint. Und die radikale Gleichstellung der Sprachen in der Ausstellung – Englisch, Französisch und Arabisch – ist nicht nur politisch überzeugend, sondern erzeugt auch eine eigene sprachliche und poetische Sensibilität, die für sich genommen interessant ist. Selbst ich, der ich nur Fast-Food-Gerichte auf Arabisch sowie die grundlegendsten islamischen Begriffe kenne, habe ein anderes Wort gelernt, das meiner Meinung nach „Menschen“ bedeutet: Nas, نَاس.
Zu den weiteren wiederkehrenden Bezugspunkten gehören der französische Schriftsteller Jean Genet und die Dokumentarfilmerin Carole Roussopoulos. Offenbar war es Genet, der Roussopoulos dazu drängte, sich einen Portapak anzuschaffen, jene leichte tragbare Videokamera, die Sony 1967 auf den Markt brachte und die Khalili als „eine revolutionäre Technologie zur Chronik revolutionärer Bewegungen“ beschreibt. Wenn Roussopoulos in Magic Lantern (2020–22) jemandem, der ihre Arbeit infrage stellt, erklärt, was sie tut, denkt man unweigerlich an Khalilis eigenes Projekt: „Aber warum filmst du nur Leute, die reden, reden, reden?“ – „Weil ich keine Künstlerin bin, sondern eine öffentliche Schreiberin.“
Genet erscheint sehr konkret in Radical Ally (2019), einem Wandplakat aus Seiten einer gleichnamigen Publikation, das seine Unterstützung für die Black Panthers dokumentiert, und in allegorischerer Form in The Typographer, einem dreiminütigen Video, in dem wir Hände beim Setzen und Drucken beobachten, bevor der daraus entstandene Text für einen kurzen Moment vor weißem Hintergrund schwebt und sich auflöst. Dieser rätselhafte Satz über „Bilder in der Sprache“ soll das Letzte gewesen sein, was Genet schrieb – der in jungen Jahren selbst Lehrling in einer Druckerei gewesen war. Mithilfe des Ausstellungsfolders fügt sich The Typographer somit sauber zu einem Ganzen. Und doch bleibt die Frage: Warum bedient man sich des Videos – 16-mm-Film, übertragen auf digitales Video –, um etwas so Taktiles und Materielles wie Lettern und bedrucktes Papier darzustellen?
Für Khalili sind Medientechnologie und ihre Geschichte zentrale Gegenstände: von der Entwicklung des projizierten Bildes in der Laterna Magica des 17. Jahrhunderts bis zur „revolutionären Technologie“ des Portapaks in Magic Lantern; von den kontemplativen Aufnahmen einer Schreibmaschine als überholtem Werkzeug eines verschwundenen Berufs bis zum Einsatz von Messenger-Apps in The Public Scribe oder zum Filmen eines iPhones, das in The Circle seinerseits Archivmaterial filmt. Doch das Videoformat vermag weder die Materialität der analogen Medien zu übertragen, noch reicht die bloße Darstellung eines aufzeichnenden iPhones aus, um dieses als Medientechnologie hinreichend zu problematisieren. Wenn Gleichheit also eine Art Hypothese dieser Ausstellung darstellt, dann ist sie an dieser Stelle am wenigsten produktiv: Sie läuft Gefahr, technologische Differenzen ineinander aufgehen zu lassen und die unterschiedlichen Eigenschaften der Medien im digitalen Videoformat einzuebnen.
Was uns dieser Sternenhimmel von der Ausstellung letztlich jedoch bietet, ist eine willkommene Erinnerung an bekannte wie vergessene Formen radikalen politischen und poetischen Kampfes: von Pasolinis poeta civile und Roussopoulos’ öffentlicher Schreiberin über den Präsidentschaftskandidaten der Arabischen Arbeiterbewegung bis hin zu Khalilis eigener Figur des public scribe. Über der Schreibmaschine, die den Alltag dokumentiert, wacht die Dichterin, Sängerin und Analphabetin Mririda n’Aït Attik – wie eine der Heiligen Genets – von einer Fotografie an der Wand herab.

 

Übersetzt von Redaktion