Heft 3/2026 - Netzteil
Patti Smith war nie um einen apokalyptischen Ton verlegen. Nachdem 2003 die 23-jährige Aktivistin Rachel Corrie in Gaza von einem Bulldozer der israelischen Armee getötet worden war, schrieb sie gemeinsam mit Tony Shanahan das Lied „Peaceable Kingdom“. Mit dem biblischen Zitat aus Jesaja 11, dass Löwe und Lamm irgendwann friedlich beieinander liegen werden, beschwor sie eine endzeitliche Utopie, die weiter von der heutigen Realität nicht entfernt sein könnte. Bei ihrem diesjährigen Auftritt im Rahmen der Wiener Festwochen widmete Smith den Song allen Kindern, die weltweit den außer Rand und Band geratenden Kriegsmaschinen zum Opfer fallen. Genau genommen waren es drei Auftritte innerhalb weniger Tage im Mai, zunächst – am gelungensten – im kleinen Rahmen des Theaters Akzent, dann vor ungleich mehr Besucher*innen open air in der Arena, und zuletzt vor Zigtausenden bei der Festwochen-Eröffnung am Heldenplatz. „Peaceable Kingdom“ war jedes Mal im Repertoire, und so erfuhr Smiths Zukunftsverheißung auch die größtmögliche Streuung.
Die Abende waren generell nicht arm an apokalyptischer Invokation. „Ghost Dance“ etwa, Smiths 1978 veröffentlichte Elegie auf den Genozid an der indigenen Bevölkerung Amerikas mit dem entwaffnenden Refrain „we shall live again“; „Break It Up“ (1975), worin der verstorbene Jim Morrison als Heilsfigur wiedererweckt wird („oh please, take me with you“); oder, als Coverversion, Tom Verlaines „Kingdom Come“ („Well, I’ll be breaking these rocks / until the Kingdom comes …“). Sie alle und weitere bei den Auftritten zelebrierte Hymnen bestätigten, was der Künstler Dan Graham mit Bezug auf Smith früh schon treffend als „rock my religion“ bezeichnet hatte – die transzendente, andere Seinsbereiche bzw. Imaginarien erschließende Kraft der Rockmusik. Gerade angesichts der aktuellen Weltlage (Kriege, Klimadesaster, zunehmender Tech-Feudalismus etc.) treffen solch „gnostische“, sprich andersweltliche Wahrheiten beschwörende, Erlösung von den irdischen Gräueln in Aussicht stellende Zeilen einen Nerv – noch dazu, wenn sie mit der unverwechselbaren Verve, ja, man möchte sagen „Anima“, der mittlerweile fast 80-jährigen Sängerin dargebracht werden. Was es mit diesem Nerv, durchaus popanalytisch gedacht, auf sich hat, wussten Gilles Deleuze und Félix Guattari schon 1976, als sie in ihrem Traktat Rhizom schrieben: „Die amerikanische Sängerin Patti Smith singt das Evangelium des amerikanischen Zahnarztes: sucht keine Wurzel, folgt dem Kanal ...“1 Soll heißen: keinen Ursprüngen nachhängen, kein „zurück zu“, sondern produktive Strömungen, die da sind, nutzen und sich von ihnen auf die „andere Seite“ tragen lassen, dorthin, wo Besseres bereit liegt.
Kanälen zu folgen, zumal solchen, die endzeitlicher Offenbarung Ausdruck verleihen, hatten sich die Festwochen unter dem Motto Republic of Gods auf ihre diesjährigen Fahnen geheftet. Wobei gleich einschränkend gesagt sei: Darstellerische oder auch bildnerische Ansätze, die sich irgendein „Ende“ ausmalen, sei es aufgrund von Kriegs-, KI-, Klima- oder anderen Apokalypsen,2 unterliegen meist jener Prätention, die Jacques Derrida einst in Bezug auf den „neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie“ diagnostiziert hatte: nämlich vorzugeben, das Ende zu kennen, ja eine klare Vision davon zu haben, wohingegen jedes aufklärerische, „enthüllende“ Sprechen stets einem paradoxen Doppel aus Offenbarungswillen und endlosem Aufschub des Offenbarten unterliegt.3 Inwiefern in derlei Enthüllungsbestreben ein strukturell offener, mitunter leerer Gestus mitschwingt, ließ sich gut in der Reihe Holy Spring beobachten – vor allem den beiden Gesprächsabenden Dark Enlightenment (11. Juni) und The End of the World (18. Juni), die sich die kritische Demaskierung gegenwärtiger Apokalyptik-Beschwörungen vornahmen.
So versuchte The End of the World die Frage zu klären, wie real oder eingebildet gegenwärtige Kollaps- bzw. Endzeitszenarien sind. Dabei wies der Autor und Dramaturg Fabian Scheidler darauf hin, dass historisch betrachtet die Apokalyptik eine rein imaginäre Antwort auf tatsächlich erfahrene Unterdrückung war (als Jüd*innen vor über 2.000 Jahren diese Art Denken als Rettungsfantasie angesichts ihrer realen Ohnmacht gegenüber den herrschenden Griechen entwickelten). Dies eins zu eins auf aktuelle Kollapsbedrohungen umlegen zu wollen, sei insofern verfehlt, als Letztere dezidierte, realpolitische Gegenmaßnahmen erfordern und keine Fantasiegebilde. Was auch der Autor und Aktivist Tadzio Müller unterstrich, der sich angesichts der Lage für ein solidarisches diesseitiges Miteinander aussprach; jenseitige Transzendenz-Flashes würden der „Kollapsbewegung“, deren Teil Müller inzwischen ist, eher im Weg stehen. In all dem, sprich dem drohenden Systemzusammenbruch eine quasi-religiöse Offenbarung sehen zu sollen, stellt eher ein mut-, ja böswilliges Ablenkungsmanöver dar. Womit die Brücke zum Tech-Kapitalismus, manche sagen auch -Faschismus, geschlagen ist.
Dessen (physisch abwesender) Gottseibeiuns, Peter Thiel, stand folgerichtig ganz im Zentrum des Panels Dark Enlightenment. Zuvor war noch die Direkte-Demokratie-Farce Soll Peter Thiel bei den Festwochen sprechen?, fast so etwas wie das Hauptstück der diesjährigen Festwochen, über die Bühne gegangen (die Antwort des eigens einberufenen Tribunals lautete ja, Thiel wurde dennoch wieder ausgeladen). Unter dem von Nick Land entlehnten Motto der „dunklen Aufklärung“ debattierten schließlich der Religionswissenschaftler Wolfgang Palaver und die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun geschlagene zwei Stunden über Wert und Unsinn von Thiels berüchtigten Antichrist-Auslassungen. Der Gesprächsbogen war weit und erwartbar fahrig, von Carl Schmitt und René Girard über Weltregierung und Stagnation (der Hauptfeind Thiels) bis hin zum Katechon, dem „Aufhalter“ des Antichristen (wer immer dieser sein mag), und der Rettung durch forcierte Hightech. Spannend das alles, aber ein, man möchte meinen, entscheidender Punkt blieb dabei etwas unterbelichtet: nämlich dass Thiels Apokalypse-Fetisch in Wirklichkeit nur der Maskierung einer unmissverständlichen Eschatologie dient, einem klar autoritären Fahrplan auf technofeudaler Basis, einer durch und durch dogmatischen Lehre von den „letzten Dingen“, die es angesichts des gleichmacherischen Niedergangs zu befolgen gelte. Wie Giorgio Cesarale und Matteo Pasquinelli vor Kurzem ausgeführt haben,4 verbirgt sich hinter dem ganzen religionswissenschaftlichen Brimborium, das Thiel in seinen Texten und Privatseminaren mit viel Trara errichtet, nichts anderes als ein handfestes neofeudalistisches Wirtschaftsprogramm. Bei dem jetzt schon feststeht, wer die spärlichen Gewinner*innen sein werden. Mit Apokalyptik hat das null zu tun.
Als ich mit dem Chatbot Claude ein wenig über diesen Text herumscherzte, meinte er, ich solle ihn doch „Apokalypse, ja bitte!“ nennen. Was mich wieder zu Patti Smith bzw. ihren Auftritten bringt. Smiths Apokalypse-Fantasien, dargebracht in grandiosen Songs wie „Nine“ oder „Beneath the Southern Cross“, operieren von vornherein auf dem Terrain des Imaginär-Symbolischen, wobei die Struktur der Ankündigung bzw. Enthüllung – die konkrete Bedeutung des „Endes“ – bewusst offengehalten wird. Zeilen wie „To greet lame / The inspired sky / Amazed to stumble / Where gods get lost“5 formulieren mitnichten ein endzeitliches Programm. Vielmehr evozieren sie einen mentalen Ausbruch aus dem, was der große Apokalyptiker Jacob Taubes „stählernes Gehäuse“ genannt hat – jener Herrschaftsform, die uns in Zeiten des Tech-Feudalismus umso unerbittlicher gefangen hält.
[1] Gilles Deleuze/Félix Guattari, Mille Plateaux. Aus d. Franz. v. Gabriele Ricke und Ronald Voullié. Berlin 1992, S. 34.
[2] Zu den diesbezüglichen Theaterproduktionen zählten in diesem Jahr vor allem Marta Górnickas KASSANDRA, Nestervals Wallden bzw. Donaugold sowie Angélica Liddells SEPPUKU.
[3] Vgl. Jacques Derrida, Apokalypse. Aus d. Franz. v. Michael Wetzel. Graz/Wien 1985.
[4] The Algorithm and the Antichrist: Political Theology at the Sunset of Silicon Valley, in: e-flux Journal, #164, Juni 2026.
[5] Übersetzt in etwa: „Das Lahme begrüßen / Den inspirierten Himmel / Erstaunt, zu stolpern / Wo sich Götter verirren“; aus „Beneath the Southern Cross“ von der Trauerplatte Gone Again (1996); Teil von Smiths Setlist in der Wiener Arena am 21. Mai 2026.